Schauspielerin Anna Brüggemann sagt „Nö“

Words by Jana Ahrens
Photography: Niklas Vogt
Frau mit blonden, kinnlangen Haaren schaut direkt in die Kamera und stützt den Kopf gegen ihre linke Hand
Anna Brüggemann steht seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr vor der Kamera und schreibt seit 2009 erfolgreich Drehbücher. Sie kennt das Film- und Fernsehbusiness aus unzähligen Perspektiven. Seit Kurzem geht sie mit ihrer Karriere anders um als zuvor. Sie sagt, sie hat gelernt, auch mal „Nö“ zu sagen.
Anna Brüggemann hat keinen Platz mehr für Halbgares.
 

Gerade laufen die 69. Internationalen Filmfestspiele in Berlin. Letztes Jahr hast du zur Berlinale die Kampagne #nobodysdoll gestartet? Wie kam es dazu?

Letztes Jahr kam die #MeToo-Debatte auf dem roten Teppich an. Viele Schauspielerinnen sagten „I’m a feminist“ oder „Ich kämpfe für Frauen“. Aber alle wissen, was für ein Theater im Vorlauf der Red-Carpet-Veranstaltungen weiterhin stattfindet. Gerade in den USA: hungern, trainieren, tapen, um ein Körperideal zu erfüllen. Das ist ein unfassbarer Kampf gegen den Körper. Dazu kommt die Kleidung. Klar, es gibt Frauen, die sagen: „Ich fühle mich sicher auf hohen Schuhen“. Aber ich schätze, dass mindestens die Hälfte aller Frauen auf roten Teppichen sagen würden: „Mir tut das weh, ich fühl mich nicht wohl.“ Das Bild, das weiterhin reproduziert wird, ist, dass Frauen jung und dünn sein müssen, um gesehen zu werden. Ich finde, darüber müssen wir reden.

Diese ganzen Premieren und Empfänge, das ist Arbeit. Wichtige Arbeit.

Wie laufen deine Vorbereitungen auf solche Veranstaltungen ab?

Ich mag es wirklich, in Jeans und Kapuzenpulli rumzulaufen. Aber ich habe mich immer schön angezogen für Events, es ist ja ein besonderer Anlass. Irgendwann hieß es aber: Du musst mehr aus dir machen! Ich war befremdet, dachte aber, ok, so funktioniert das halt, und trug also auch so Kleidchen und hohe Schuhe auf dem roten Teppich. Was überhaupt nicht zu mir passt, vor allem hohe Schuhe.

Man gibt also massenhaft Geld aus, um Kleidung zu kaufen, in der man sich nicht wohlfühlt. Mein erster Impuls war dann Arbeitsteilung. Ich habe also mit einer Stylistin kollaboriert. Ich wollte nicht mehr über Outfits nachdenken. Ich wollte mich auf meine Arbeit konzentrieren. Das hat eine Weile funktioniert, kostet aber übrigens auch viel Geld. (lacht)

 

Anna Brüggemann will sich nicht weiter unnötig quälen.

 

Aber wohlgefühlt hast du dich nicht?

Diese ganzen Premieren und Empfänge, das ist Arbeit. Wichtige Arbeit. Meine Stylistin hat ihren Job super gemacht. Trotzdem dachte ich: Ey, fast alle Frauen hier quälen sich. Ihre Füße tun ihnen weh, viele frieren. Das lenkt total ab. Es sollte an solchen Abenden doch um anderes gehen. Deshalb haben wir bei der letzten Berlinale unter dem Hashtag #nobodysdoll dazu aufgerufen, auf dem roten Teppich einfach das anzuziehen, was jede und jeder individuell gern trägt.

 

Wie ist das angekommen?

Viele Frauen und noch viel mehr Männer fanden die Aktion gut. Aber einige Frauen haben sich dadurch stark angegriffen gefühlt. Mich hat das überrascht. Ich dachte, ich hätte meinen Aufruf so formuliert, dass sich wirklich alle eingeladen fühlen. Auch die, die weiterhin hohe Schuhe und glamouröse Kleider tragen möchten. Das ist schließlich völlig legitim. Aber aufgrund des Hashtags #nobodysdoll haben einige gesagt: „Du unterstellst mir, dass ich ein Püppchen bin, wenn ich ein Kleid und hohe Schuhe trage.“ Mag sein, dass das Hashtag missverständlich war. Doch unterstellt habe ich nichts. Ich bin ja für mehr Vielfalt und nicht für das nächste Kleidungsdiktat.

Man kann ruhig auch mal pokern.

Hat diese Ablehnung zu Brüchen geführt?

Nö. Eine Freundin meinte: „Die Leute, die dich vorher geschätzt haben, schätzen dich jetzt noch mehr. Die Leute, die eh mit dir gefremdelt haben, fremdeln weiterhin.“ (lacht)

Bis Ende 2017 hatte Anna Brüggemann in 93 Filmen mit drei Regiseurinnen gearbeitet. 2018 allein waren es schon zwei.

Hast du den Eindruck, dass das Statement von #nobodysdoll dich als Schauspielerin in ein anderes Licht rückt?

Ich glaube, ja. Bis Ende 2017 habe ich bei 3 von 93 Filmen mit Regisseurinnen gearbeitet. 2018 hat für mich direkt mit zwei Filmen in weiblicher Regie angefangen. Das hat natürlich auch mit den Rufen nach weiblichen Filmemachern zu tun, die im Zuge der #MeToo-Debatte laut geworden sind. 

 

Was die Beschäftigung mit #nobodysdoll definitiv gebracht hat, ist die Überzeugung, dass es ungut ist, sich die ganze Zeit anzupassen, nur weil man in einem Beruf arbeitet, in dem man nicht primär die Zügel in der Hand hat. Man kann ruhig auch mal pokern.

Es ist einfach nicht mehr genug Platz für Halbgar in mir drin.

In welcher Hinsicht?

Ich versuche, noch genauer auszuwählen, was ich mache. Für mich war es nie so, dass ich jede Woche ein Drehbuch geschickt bekommen habe und mir immer aussuchen konnte, was ich machen will. Also habe ich bei den Rollenangeboten Pragmatismus walten lassen, um Familie und Drehbuchschreiben zu finanzieren. Vor zwei Jahren habe ich dann entschieden: Ich gebe mir jetzt fünf Jahre, in denen ich wirklich nur das mache, was ich machen will. Es ist einfach nicht mehr genug Platz für Halbgar in mir drin. 2017 habe ich dann fast alles abgesagt.

Anna Brüggemann hat 2018 drei Filme gespielt, in denen sie starke Frauen verkörpert.

Und jetzt verkörperst du in aktuellen Projekten gleich drei sehr verschiedene, sehr starke Frauen. Eine Polizistin im Tatort „Außer Kontrolle“, die Hauptrolle im Kinofilm „NÖ“ und Clara Zetkin in der Dokumentation „Damenwahl!“

Clara Zetkin ist einfach zu mir gekommen. Das hat mich sehr gefreut. Der ORF macht ein Themenjahr zu 100 Jahren Frauenwahlrecht. Die Doku »Die Unbeugsamen«, in der es um Clara und zwei weitere Frauen geht, soll der Auftakt sein. Ich habe schon das Drehbuch atemlos gelesen. Es beschreibt das Leben von Clara Zetkin. Aber auch das von Adelheid Popp, die aus dem österreichischen Proletariat kam. Die hat sich Lesen und Schreiben beigebracht, wurde eine der wichtigsten Frauenrechtlerinnen in Österreich und saß irgendwann im Parlament. Die dritte im Bunde ist Hildegard Burjan, die aus dem jüdischen Bürgertum kam. Sie kam aus gutem Hause und hat unfassbar viel für arme Heim‑ und Fabrikarbeiterinnen getan.

Diesen alternativlosen Blick von „Da lang geht’s!“ hat auch Clara Zetkin.

Was hat dich so bewegt an dem Drehbuch?

Es ist unglaublich, wie wenig Rechte Frauen zu der Zeit hatten. Das ist ja noch nicht lange her. Aber es ist auch beeindruckend, wie zäh und radikal diese Frauen waren. Clara Zetkin ist zu ihrem Partner nach Paris geflohen, weil sie als Sozialdemokratin in Deutschland verfolgt wurde. Sie und ihr Partner Ossip Zetkin – die beiden haben nie geheiratet, sie hat aber seinen Namen benutzt – hatten relativ bald zwei kleine Kinder und kaum Geld. Die Familie musste manchmal nachts aus ihrer Wohnung raus, weil sie die Miete nicht zahlen konnten. Dann sind sie mit ihren kleinen Kindern durch Paris geirrt. Clara hätte auch einfach nach Deutschland zurückgehen, von ihren Ideen Abschied nehmen und Lehrerin sein können. Für sie kam das nicht infrage. Ich könnte das nicht. Dass meine Kinder ein warmes Bett und etwas zu essen haben, das geht für mich vor. Aber diese Form von Radikalität hatten diese Frauen. Das flößt mir Respekt ein.

Wie hast du dich auf die Rolle vorbereitet?

Ich habe viel von Clara Zetkin gelesen, aber auch Fotos mit ihr studiert. Auf den Bildern hat mich ihr Gesichtsausdruck an den von meinem kleinen Sohn erinnert. Der kann nicht anders, als seinen Willen zu leben. Es ist gar kein Druck oder Krampf dahinter, sondern eine große Selbstverständlichkeit. Diesen alternativlosen Blick von „Da lang geht’s!“ hat auch Clara Zetkin. Da ist nichts Aggressives, Nach-vorn-Drängendes. Ihre Kraft hat etwas In-sich-Ruhendes und etwas, das lächelnd sagt: Natürlich, was sollte ich sonst tun? Ich habe es als Luxus empfunden, diese Kraft zu verkörpern.

Anna Brüggemann schrieb das Drehbuch zu »Nö« gemeinsam mit ihrem Bruder.

Im Anschluss ging es mit den Dreharbeiten für den Kinofilm „NÖ“ los. Dafür hast du – gemeinsam mit deinem Bruder Dietrich – das Drehbuch geschrieben. Worum geht es in dem Film?

Es geht um ein Paar, Dina und Michael. Michael wird von Alexander Khuon gespielt, ich spiele Dina. Die beiden ringen umeinander, aber sie ringen auch mit der Welt. Er möchte sich zu Beginn des Filmes trennen und sie sagt einfach „Nö“. Dann folgen verschiedene Schlüsselszenen, jeweils circa zehn Minuten lang, jede Szene ohne Schnitt. Sie ist zum Beispiel schwanger und für eine Ultraschall-Untersuchung beim Frauenarzt, die beiden treffen auf ihre Eltern, die Familie feiert Kindergeburtstag. All das ist in festen Einstellungen gedreht. Aber nebenbei passieren in diesen Alltagssituationen surreal komische Sachen.

Anna und Dietrich Brüggemann möchten im Film »Nö« absurde Momente schaffen, die trotzdem berühren.

Warum diese surrealen Szenen?

Das Surreale ist eigentlich von Anfang an Teil des Kinos. Kino schreit förmlich nach Surrealismus. Mein Bruder Dietrich ist zum Beispiel auch Fan von Roy Andersson, mir ist Andersson allerdings oft zu kalt. Wir dachten beide, es wäre perfekt, wenn „NÖ“ absurde Elemente hat und einen trotzdem tief berührt. Das verfolgen wir, indem wir den Surrealismus in den Dienst der Erzählung stellen. Außerdem hatten wir beide Lust, eine Liebesgeschichte zu erzählen. Der Film ist ganz schön finster, aber durch diese surrealen Momente auch ziemlich lustig. Das kann eben nur Kino: mit starken Bildern die Innenwelt der Protagonisten nach außen kehren.

 Vielen Dank für den Einblick in deine Arbeit, liebe Anna. Wir sind gespannt auf alle weiteren Filme und Ideen von dir.

 

Fotograf Niklas Vogt hatte Anna Brüggemann exklusiv in der und um die Kaffeebar Jacobi vor der Linse.

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

1 Kommentar

Robert Wider
#1 — vor 6 Monaten 3 Wochen
Eine Frau die sagt was sie meint. Sie fühlt sich in High Heels nicht wohl. Sie mag nicht hungern nur für den roten Teppich. Wissen die Fernsehsender, bzw deren Verantwortliche das auch? diese Wettetrfeehen, Frühstücks- Sendungs-Sprecherinnen? irgendjemand hat die Korsette abgeschafft; Als Frau erstmals Hosen getragen; Aus den Mädchenschulen mehr gemacht als bessere Hausfrauen auszubilden. machen Sie weiter! liebe Grüße - Sie sind ein tolles Mädchen

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