So war die re:publica 2019

Words by Annekathrin Walther
Photography: Jan Michalko/re:publica
Auf der Abschlussveranstaltung der re:publica 2019 haben sich viele Menschen auf der Hauptbühne versammelt
Vom 6. bis 8. Mai 2019 fand die re:publica in Berlin statt. Es war die 13. Ausgabe der Konferenz rund ums Internet und die digitale Gesellschaft. An den drei Tagen wurde sie von rund 20.000 Menschen besucht. Auf insgesamt 27 Bühnen konnten Besucher*innen Vorträge zu unterschiedlichsten Themen hören, an Workshops teilnehmen und sich inspirieren lassen. Wir waren dabei, berichten von unseren Eindrücken und empfehlen drei interessante Talks zum Nachgucken. 
Das Motto der diesjährigen re:publica in groß.

tl;dr – Internet-Slang für: »too long; didn’t read« – war das diesjährige Motto der re:publica. Die vier Buchstaben stehen für die Aussage, dass etwas – ein Post, Artikel oder anderer Text – als zu lang empfunden und deshalb nicht gelesen wurde. Die Macher*innen der re:publica erklären das Motto wie folgt:

 

Die dreizehnte Ausgabe der Veranstaltung stand in diesem Jahr unter dem Motto tl;dr: ‚too long; didn’t read‘ und war damit dem Kleingedruckten gewidmet. Den Fußnoten. Der Kraft der Recherche, dem Wissen und der Kontroverse. Der Notwendigkeit und Dringlichkeit, die Themen kritisch zu hinterfragen, die polarisieren, uns spalten – oder auch vereinen.

 

Es ging also um Masse. Gleichzeitig um den langen Atem, den wir brauchen – oder bräuchten –, um mit den Massen von Text und Informationen, mit denen wir täglich konfrontiert werden, umzugehen. Es ging auch darum, dass wir den langen Atem oftmals nicht haben und das Kleingedruckte eben nicht lesen. Visuell wurde das Motto durch das Location-Design untermauert: Die Arbeit von fertig design bestand unter anderem aus einem 450 Meter langen Ausdruck des Romans Moby Dick von Herman Melville. Die riesige Papierrolle zog sich durch den gesamten Veranstaltungsort und war ein imposanter Anblick. 

450 Meter Moby Dick.

 

Moby Dick ist ein durchaus massiger Roman. Er ist nicht nur dick, er ist auch komplex und definitiv nicht das Buch, das man sich abends mal eben anstelle von Sex and the City reinzieht. Gleichzeitig gilt das Buch als eines der wichtigsten Romane aller Zeiten: Er ist so wichtig, dass eigentlich jede*r weiß, dass Moby Dick ein Wal ist, auch wenn sie oder er keine einzige Zeile des Romans gelesen hat. In ihm geht es wieder um Masse: Moby Dick ist ein riesiges Tier, ein unbesiegbares Monster, das seinen Gegner – Kapitän Ahab – in den Wahnsinn treibt und letztendlich tötet. Moby Dick erzählt also unter anderem eine Geschichte des Scheiterns. So wie auch unsere Geschichte rund um das Internet und all die verfügbaren Informationen irgendwie zu einer Geschichte des Scheiterns geworden ist?

re:publica 2019: viel Programm, gute Vibes

 

Nö, signalisierte der Vibe der re:publica. So einfach wollte die Konferenz es uns in diesem Jahr nicht machen. Und das, obwohl sie mit »tl;dr« ihr Motto zum Programm gemacht hatte: Über die letzten dreizehn Jahre ist die re:publica selbst zum Wal geworden. Die Masse an Themen, Bühnen, Speaker*innen und Hastenichtgesehen konnte einem erstmal die Luft nehmen. Wie sollte man sich da orientieren? Wo sollte man hingehen, wenn unzählige vermeintlich relevante Dinge gleichzeitig passierten? Wem oder was sollte man den Vorrang geben? Um das Dilemma noch zu unterstreichen, hing an jeder Bühne ein Schild, auf dem in Minuten die Dauer des Programms angegeben war, das auf dieser Bühne gezeigt wurde. Auf der Hauptbühne - also einer von insgesamt 27! - kamen bei 30 Sessions 1.395 Minuten Programm zusammen, fast 23-einhalb Stunden, also nahezu ein voller Tag. Die ein oder andere war angesichts dieser Masse vielleicht schon nach Tag eins versucht zu sagen: »Zu viel; keinen Durchblick.« Und kam am nächsten Tag doch wieder, denn da war ja was. Was noch? Ach ja, der Vibe! 

 

Voll war’s. Und gemütlich.

 

Und der war tatsächlich exzellent. Egal ob in der großen Halle unter dem Moby-Dick-Ausdruck, auf dem Hof neben dem Pommes-Truck oder auf den einzelnen Bühnen: Überall herrschte eine entspannte, aber gleichzeitig konzentrierte Atmosphäre. Hatte man sich einmal damit abgefunden, dass man sich eben nicht vierteilen konnte, war alles gut: Wir ließen uns auf die Veranstaltungen ein, für die wir uns entschieden hatten und hörten auf, Angst davor zu haben, dass an anderer Stelle vielleicht etwas noch Besseres laufen könnte. 

Das Problem der Masse muss einen also nicht verschrecken, solange man gewillt bleibt, an einzelnen Stellen tiefer einzutauchen und jemand anderem zuzuhören. Die re:publica ist und bleibt eine Impulsgeberin für genau diese Bereitschaften. Sie unterstreicht, dass es wichtig und schön ist, wenn Menschen sich zur Weitergabe von Wissen und Erfahrungen in einem Raum versammeln. 

Astronaut Alexander Gerst mag die re:publica auch. Er war schon zum zweiten Mal dabei.

 

Für alle, die doch bereuen, nicht alles gesehen zu haben, oder die vielleicht gar nicht dabei waren: Glücklicherweise wurde das Programm auf den meisten Bühnen aufgezeichnet. Wer also bis zur nächsten re:publica noch nichts vorhat, kann es sich jetzt auf dem Sofa bequem machen und sich ziemlich diversen und interessanten Kram angucken. Als kleine Starthilfe haben wir exemplarisch drei Sessions ausgewählt, die wir sehr inspirierend fanden. 

1. re:publica und Feminismus

 

In ihrem Vortrag »Building joyful futures« widmete sich Alexis Hope der Frage, wie wir unsere Zukunft besser und schöner gestalten können. Das Ausgangsproblem ist die Schwierigkeit einer Frau, während ihrer Arbeitszeit an einem renommierten US-amerikanischen Forschungsinstitut Muttermilch abzupumpen. Für diese überaus wichtige Tätigkeit bleibt ihr nur der Fußboden der Institutstoilette, zudem weist die Pumpe selbst diverse Mängel auf. Alexis‘ Session verdeutlichte auf beeindruckende Weise, dass Technologie und gesellschaftliche Strukturen zusammen gedacht werden müssen und dass eben dieses Zusammendenken möglich und noch dazu sehr ergiebig ist. Der Vortrag ist in englischer Sprache. 

 

 

2. re:publica und Medienbildung

 

Eine Gesprächsrunde jenseits der Panikmache lieferte die Session »Elternsprechstunde ‚Hilfe, mein Kind will an den Computer!‘«. Teilnehmer*innen waren Patricia CammarataKatja Seide und Caspar Clemens Mierau. Sie beschäftigten sich sehr unaufgeregt mit Fragen rund um das erste Smartphone, Computerspielsucht und den (Un-)Sinn von Verboten. Im Anschluss an die Runde gab es für das Publikum die Möglichkeit, sich einzubringen und Fragen zu stellen. 

 

 

3. re:publica und Soziale Medien

 

Patrick Stegemann und Sören Musyal sprechen in ihrem Talk »The Kids are Alt-Right. Wie die Neue Rechte Influencer erschafft und nutzt« über die Neue Rechte auf Instagram. Während sich Neonazis früher oftmals stark vom Mainstream unterschieden, sind die Neuen Rechten heute in den sozialen Medien nur schwer von ihm zu unterscheiden. Ein Vortrag, der interessant ist für alle, die sich mehr damit auseinandersetzen wollen, nach welchen Regeln ein Medium wie Instagram funktioniert und wie rechte Gruppen mit der Ästhetik dieser Plattform spielen.

 

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Annekathrin Walther

Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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