Neue Musik entdecken mit ganz natürlicher Intelligenz

08.05.2018
Words by Jana Ahrens

Dass künstliche Intelligenz uns Menschen in der Zukunft Arbeit abnehmen wird, ist gerade ein heißes Thema. Bereits Realität ist es hingegen, dass uns Algorithmen Entscheidungen abnehmen. Zum Beispiel wenn es um die Auswahl neuer Musik geht. Übernimmt die KI also auch das Spaßhaben für uns?

Anfangs war es ja noch ganz faszinierend und wurde auch allseits auf Social-Media-Plattformen oder in Artikeln bewundert, wie irre gut verschiedene klug kombinierte Systeme für uns eine Vorauswahl treffen können. Ob auf Video-Streaming-Seiten oder in Musik-Streaming-Apps – Technik und Mathematik haben bewiesen, dass sie so etwas Persönliches wie Geschmack auswerten und reproduzieren können. Gerade der Service von Spotify hat zwischen 2015 und 2017 viele Fans gefunden, die sich mit ihren wöchentlich erneuerten Lieblingslied-Alben emotional verbunden fühlen.

Doch inzwischen ist der Reiz des Neuen verflogen und der Strom an bisher unbekannten Musik-Eindrücken ebbt langsam ab. Irgendwann referenziert so ein Algorithmus nämlich im Kreis und die Tracks fangen an, sich zu wiederholen. Hinzu kommt, dass auch die Skepsis gegenüber technischen Inhaltsfiltern allmählich zunimmt. Sie sind oft intransparent, basieren auf Unmengen an privatem Daten-Input. Außerdem führt die quantitative Auswertung dazu, dass Pop-Musik zunehmend auf die technischen Verbreitungskriterien hin optimiert wird. So geschehen im Fall einer Disco-Variante eines spanischen nationalistischen Liedes namens „Cara al Sol“: Der Song landete in Spanien Anfang des Jahres 2018 auf Platz 1 der Wochenhits. Die Kriterien des Remixes waren so perfekt auf das Hörverhalten der Nutzer abgestimmt, dass der Algorithmus gar nicht anders konnte, als das Lied zum Hit zu machen. Da könnte man ins Grübeln kommen: Soll das wirklich die Zukunft der Musik sein? Ein von seelenlosen Algorithmen zusammenkomponierter Einheitsmatsch?

Aber genug der dunklen Zukunftsvisionen! Glücklicherweise gibt es ja noch immer – sowohl offline als auch online – die Möglichkeit, tolle Musik mit Einsatz unseres eigenen Hirnschmalzes zu entdecken. Das ist nicht nur unberechenbarer, sondern macht auch richtig Spaß. Hier unsere Top 5:

Bandcamp Weekly

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Klingt erstmal gar nicht so anders als Spotify Weekly, ist es aber. Bandcamp ist eine Plattform, die Musikern eine Infrastruktur zur Verfügung stellt, die nicht nur Reichweite schafft, sondern auch flexibel macht. Anders als bei anderen Plattformen können die Musiker hier selber festlegen, was ein Track oder Album kosten soll. Oder die Musik wird einfach frei – gegen Spende – zur Verfügung gestellt. Das funktioniert so gut, dass Bandcamp in der Zeit zwischen 2008 und 2017 insgesamt 270 Millionen US Dollar an die Künstler der Plattform auszahlen konnte. Das passiert zu einer Zeit, zu der die Musik-Industrie generell schrumpft. Hinzu kommt, dass bei Bandcamp echte Menschen mit großem Musik-Enthusiasmus wöchentlich eine Playlist zusammenstellen. Die bewegt sich weit vor in die Untiefen bisher unentdeckter Musik aus unendlich vielen verschiedene Genres. Dabei bleiben die Playlists in sich total stimmig. Es ist, als würden ein Musiker und ein Musikjournalist jede Woche zusammen eine gute Geschichte erzählen. Das inspiriert enorm.

Die Weekly Live

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Die Weekly Live ist ein Spiel und kein Service. Aber es funktioniert in einer Kombination aus Streaming-Diensten, Shazam, Siri, Echo und dergleichen? Stellt euch die Weekly Live ein bisschen wie ein wöchentliches musikalisches Tagebuch vor. Wie wäre es jetzt, wenn ihr jedes Mal, wenn euch im Alltag irgendwo Musik begegnet – egal ob im Café, in Fernsehserien oder bei Freunden zu Hause – herausfindet, was es ist, um es im Anschluss in eine Playlist zu schieben? So kann eine ganz persönliche wöchentliche Erfahrung nicht nur einfach geteilt, sondern auch unkompliziert als Erinnerung festgehalten werden.

Musikzeitschriften lesen

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Dieser Tipp mag für manche altmodisch klingen. Aber es spricht viel für Musikzeitschriften. Sie bieten uns die Möglichkeit, nicht nur die Klänge selber in den Fokus zu nehmen, sondern auch die Musiker, die dahinter stecken, und die Welt, aus der sie kommen. Im Gegensatz zum eher radioähnlichen Durchrauschen bei Streaming-Diensten stehen hier ganze Alben und die künstlerische Arbeit der Musiker selber im Mittelpunkt. Musikzeitschriften sind also die beste Brücke zwischen Streamingdienst und Konzertbesuch. Gerade musste das Pop-, Kultur- und Lifestyle-Magazin Intro die Printausgabe einstellen. Vielleicht schaffen es ja Magazine wie Spex und Musikexpress trotzdem zu überleben.

Internet-Radio

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Wer den durchlaufenden Stream an Musik bei Spotify zu schätzen weiß, aber auch mal ganz gern besondere Musik ohne den mitlaufenden Algorithmus hören möchte, kann sich in die Welt des Internet-Radios vertiefen. Sender wie byte.fm oder soma.fm liefern ein grandioses Programm. Und dann gibt’s da noch radio.garden: Das ist eine Webseite, auf der wir visuell um den Globus wandern und Radiosender aus aller Welt über das jeweilige Land anklicken können. Egal ob man nur mal kurz reinhört oder richtig versackt – plötzlich ist Musik aus Mali genauso einfach erreichbar wie Musik aus Großbritannien.

Hype Machine

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Auch wenn die Hype-Machine-Homepage so aussieht, als wäre sie direkt aus den 90s zu uns gebeamt worden, ist die Technik, die hinter diesem Service steckt, sehr spannend. Nicht weil kluge Algorithmen irgendwas vorauswählen. Sondern weil Hype Machine Hunderte von unabhängigen Musik-Seiten scannt und aus den neusten Artikeln und Posts die Musikempfehlungen zusammenstellt und ausspielt. So entsteht ein interessanter Mix aus ganz individuellen, organischen Empfehlungen und der quantitativen Auswertung einer Maschine.

Wo findet ihr eure Musik, wenn ihr den Spaß des Suchen und Findens nicht einem Algorithmus überlassen wollt? Verratet es uns in den Kommentaren. Denn sharing is caring, und Musik ist der gesündeste Stimmungsaufheller, den wir haben.

Das Beitragsbild ist übrigens von Luke Dahlgren auf Unsplash.

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Jana Ahrens

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Bis 2013 hat sie als Modedesignerin gearbeitet. Seitdem widmet sie sich dem Schreiben. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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