Grundgesetz: Diese vier Frauen schrieben mit

Words by Annekathrin Walther
Photography: Wikipedia
Briefmarke aus dem Jahr 1998 zu 50 Jahren Parlamentarischer Rat

In diesem Monat feiert das Grundgesetz seinen 70. Geburtstag. Nachdem es am 8. Mai 1949 verabschiedet worden war, wurde es am 23. Mai 1949 verkündet und war fortan geltendes Recht der Bundesrepublik, deren Gründung es zugleich markiert. Bevor es in Kraft treten konnte, hatten die Mitglieder des Parlamentarischen Rates neun Monate lang an den Gesetzen gearbeitet und an Formulierungen gefeilt: 65 stimmberechtigte Abgeordnete standen seit dem 1. September 1948 vor der Aufgabe, ein Grundgesetz für die neu zu gründende Bundesrepublik auszuarbeiten. Unter diesen 65 Abgeordneten waren nur vier Frauen. Man könnte auch sagen: Unter diesen 65 Abgeordneten waren immerhin vier Frauen, denn Frauen in entscheidungsrelevanten Positionen waren damals noch seltener als heute. Doch ohne die Beteiligung dieser vier Frauen sähen einige Passagen des Grundgesetzes wohl anders aus. Insbesondere Artikel 3, Absatz 2 GG: »Männer und Frauen sind gleichberechtigt.« würde es ohne sie nicht geben. Wer waren die vier Frauen, die das Grundgesetz der Bundesrepublik mitgestalteten und die auch gerne mal »Mütter des Grundgesetzes« genannt werden?

 

Elisabeth Selbert, geb. Rohde

Elisabeth Selbert wurde 1896 in Kassel geboren. Bereits mit 23 Jahren war sie Gemeindeverordnete für die SPD der Gemeinde Niederzwehren, einem heutigen Stadtteil von Kassel. Obwohl sie dort im Finanzausschuss arbeitete, war schon damals die Gleichberechtigung ihr wichtigstes Thema. Erst nachdem sie zwei Kinder bekommen hatte, holte sie mit 30 Jahren ihr Abitur nach und studierte zwischen 1926 und 1929 Jura in Marburg und Göttingen. 

1930 promovierte sie mit einer Arbeit über „Ehezerrüttung als Scheidungsgrund“. Bei einer Ehescheidung galt damals das Schuldprinzip: Wer sich scheiden lassen wollte, musste dem Ehepartner nachweisen, dass er oder sie Schuld daran hatte, dass die Ehe nicht fortgeführt werden konnte. Die gesellschaftlichen Konsequenzen einer Schuldzuweisung waren für Frauen weitaus härter als für Männer, weshalb Selbert für das Zerrüttungsprinzip als Scheidungsgrund eintrat, das eine Schuldzuweisung überflüssig machen sollte. Damit war sie ihrer Zeit weit voraus: Erst 1976, zehn Jahre vor ihrem Tod, wurden ihre Ideen mit der Eherechtsreform aufgegriffen und umgesetzt. Seither gilt in Deutschland das Zerrüttungsprinzip, wonach für eine Scheidung die Feststellung ausreicht, dass eine Ehe endgültig gescheitert ist. 

 

Die mangelnde Heranziehung von Frauen zu öffentlichen Ämtern und ihre geringe Beteiligung in den Parlamenten ist schlicht Verfassungsbruch in Permanenz.

Elisabeth Selbert

 

1934 war Selbert eine der letzten Frauen, die von den Nationalsozialisten als Anwältin zugelassen wurde. Da ihr Mann politisch verfolgt wurde, war sie bis 1945 für die Versorgung der Familie verantwortlich. Nach 1945 hatte sie diverse politische Ämter in der Kommunal- und Landespolitik inne, unter anderem war sie von 1946 bis 1958 Landtagsabgeordnete des Landes Hessen. 1948 wurde sie in den Parlamentarischen Rat gewählt.

Im Parlamentarischen Rat formulierte sie einen wichtigen Satz für das Grundgesetz:  

 

Männer und Frauen sind gleichberechtigt.

Aritkel 3, Absatz 2 GG

 

Mit dieser Formulierung stieß sie jedoch zunächst auf Gegenwind. Die Mehrheit des Parlamentarischen Rates – übrigens auch die drei anderen weiblichen Mitglieder – wollte die Formulierung übernehmen, die schon in der Weimarer Verfassung gestanden hatte. Dort hieß es: »Männer und Frauen haben dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten.« Diese Formulierung ging Selbert – und später auch ihrer Kollegin Frieda Nadig – nicht weit genug. Sie initiierte einen breiten öffentlichen Protest von überparteilichen Frauenverbänden, Kommunalpolitikerinnen und weiblichen Berufsverbänden, der die Mitglieder des Parlamentarischen Rates unter Druck setzte. Gemeinsam mit Frieda Nadig setzte Elisabeth Selbert schließlich die Aufnahme von Artikel 3, Absatz 2 GG durch. Ihr kompromissloser Einsatz für den Gleichberechtigungsparagraphen führte letztlich jedoch zum Bruch mit ihrer eigenen Partei. 1958 zog sie sich aus allen politischen Ämtern zurück und arbeitete bis zu ihrem 85. Lebensjahr als Anwältin mit eigener Kanzlei in Kassel. Elisabeth Selbert starb fast neunzigjährig am 9. Juni 1986. 

Wer sich schon einmal gefragt hat, wie ein 100 Jahre altes Foto aussieht: Helene Weber im Jahr 1919. Ein Foto, älter als das Grundgesetz.

Helene Weber

Helene Weber wurde 1881 in Elberfeld geboren. Nach dem Studium der Romanistik, Philosophie, Volkswirtschaft und Geschichte in Bonn und Grenoble arbeitete sie ab 1909 als Lehrerin. 1916 gründete sie die Soziale Frauenschule des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB) in Köln, die sie auch leitete. Als einzige der vier Frauen des Parlamentarischen Rates war Helene Weber bereits Mitglied der Weimarer Nationalversammlung gewesen, die zwischen 1919 und 1920 die Verfassung für die Weimarer Republik ausgearbeitet hatte. Sie wurde die erste Ministerialrätin der Weimarer Republik im preußischen Ministerium für Volkswohlfahrt und war zwischen 1924 und 1933 Reichtagsabgeordnete für die Deutsche Zentrumspartei. 1933 wurde sie von den Nationalsozialisten wegen »politischer Unzuverlässigkeit« aus dem Dienst entlassen. 

 
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Von 1946 bis 1947 war Helene Weber für die CDU Mitglied des ersten Landtags in Nordrhein-Westfalen. Im Parlamentarischen Rat setzte sie sich vor allem für den Schutz von Ehe und Familie und für das Elternrecht ein. Gemeinsam mit Helene Wessel machte sie sich für Artikel 6, Absatz 4 GG stark, um Frauen bestimmte Vorrechte zu gewährleisten: 

 

Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft.

Artikel 6, Absatz 4 GG

 

Elisabeth Selberts Formulierung »Männer und Frauen sind gleichberechtigt« stand sie zunächst kritisch gegenüber. Die von Selbert initiierte außerparlamentarische Frauenbewegung überzeugte sie jedoch, so dass sie sich letztlich auch in ihrer eigenen Fraktion für Selberts Formulierung einsetzte. Helene Weber war von 1949 bis zu ihrem Tod im Jahre 1962 Mitglied des Bundestags für die CDU.

 

Frieda Nadig

Frieda Nadig wurde 1897 in Herford geboren. Mit 16 Jahren trat sie in die Arbeiterjugendbewegung in Herford ein, drei Jahre später in die SPD. Von 1929 bis 1933 war sie Mitglied im westfälischen Provinziallandtag. Sie arbeitete als Jugendfürsorgerin im Bielefelder Wohlfahrtsamt, bevor sie 1933 – wie Helene Wessel – aus dem öffentlichen Dienst entlassen wurde.

 

Im Parlamentarischen Rat ist die deutsche Frau zahlenmäßig viel zu gering vertreten. Das Grundgesetz muss aber den Willen der Staatsbürger, die überwiegend Frauen sind, widerspiegeln.

Frieda Nadig, Die Neue Zeitung, 25.9.1948

 

Von 1947 bis 1950 war Nadig Mitglied des Landtags in Nordrhein-Westfalen. Im Parlamentarischen Rat war es ihr ein großes Anliegen, die Lohngleichheit von Männern und Frauen gesetzlich zu verankern. Nach dem 2. Weltkrieg gab es in Deutschland mehr Frauen als Männer. Eine Lohngleichheit gab es nicht, obwohl die Frauen nicht nur den Alltag stemmten, sondern oft auch die Hauptversorgerinnen der Familien waren. Nadigs Vorstoß, den sie gemeinsam mit Helene Weber (CDU) unternahm, scheiterte jedoch an ihren männlichen Parteikollegen. 

Ein weiteres Hauptthema von Frieda Nadig war die gesetzliche Gleichstellung von ehelichen und unehelichen Kindern. Gemeinsam mit Helene Weber setzte sie durch, dass Artikel 6, Absatz 5 GG aufgenommen wurde: 

 

Den unehelichen Kindern sind durch die Gesetzgebung die gleichen Bedingungen für ihre leibliche und seelische Entwicklung und ihre Stellung in der Gesellschaft zu schaffen wie den ehelichen Kindern.

Artikel 6, Absatz 5 GG

 

Frieda Nadig war von 1949-1961 Mitglied des Deutschen Bundestags für die SPD, bevor sie 1970 verstarb.

 

Helene Wessel erhält 1965 das Bundesverdienstkreuz

Helene Wessel

Helene Wessel wurde 1898 in Dortmund geboren. Zwischen 1915 und 1928 arbeitete sie als Parteisekretärin der Zentrumspartei in Dortmund. Außerdem absolvierte sie 1923/24 eine Ausbildung zur Jugend- und Wirtschaftsfürsorgerin – ein Beruf, der sie sehr prägte. Von 1928 bis 1933 war sie Mitglied des Preußischen Landtags. Ab 1946 war sie Mitglied des Landtags in Nordrhein-Westfalen für die Zentrumspartei, deren erste Vorsitzende sie 1949 wurde. Damit war sie die erste Frau der deutschen Parteiengeschichte, die an der Spitze einer Partei stand. 

 

Frauen müssen sich in die staatsbürgerlichen Aufgaben bewusst und freudig einmischen.

Helene Wessel, Sonnenstrahlen, 13. Jg., Januar 1930, S. 52

 

Die engagierte Katholikin war am 8. Mai 1949 eine von fünf Abgeordneten, die gegen das Grundgesetz stimmten. Wessel fehlten wichtige Grundrechte, unter anderem forderte sie mehr Volksabstimmungen als Ausdruck echter Demokratie und die Formulierung des Elternrechts als Naturrecht. Obwohl Wessel das Grundgesetz »aus Gewissensgründen« abgelehnt hatte, unterzeichnete sie es als Mitglied des Parlamentarischen Rates dennoch. 1951, nachdem es zu Auseinandersetzungen um die Wiederbewaffnung Deutschlands gekommen war, legte sie den Parteivorsitz nieder. 1957 trat sie in die SPD ein, für die sie ab 1957 bis zu ihrem Tod im Jahre 1969 Mitglied des Bundestags war.

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Annekathrin Walther

Freie Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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