Mata Hari & ein Comic über die schöne Spionin

10.04.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Mata Hari

Sie war Mutter, Kurtisane und angeblich eine Doppelagentin. Das Leben der Mata Hari gibt uns, auch 100 Jahre nach ihrer Hinrichtung, Rätsel auf. Wer es lösen wird? Vielleicht niemand…

Es ist der 15. Oktober 1917. Früh am Morgen wird Mata Hari in ihrer Gefängniszelle in Saint-Lazare geweckt. Sie zieht sich lediglich einen Pelzmantel über und bittet darum, noch drei Briefe schreiben zu dürfen. Anschließend wird sie, begleitet von ihrem Anwalt und einem Priester, nach Vincennes gebracht. Hier wartet bereits ein zwölfköpfiges Erschießungskommando auf sie.

Die 41-Jährige zeigt ein letztes Mal, wie furchtlos und stolz sie ist. Sie verweigert die Augenbinde, um den marokkanischen Soldaten direkt in ihre Gesichter schauen zu können. Ihre letzten Worte richtet sie an einen Offiziersanwärter und ruft, “Monsieur, ich danke ihnen”. Beim Pfarrer bedankt sie sich mit Kusshand. Dann richten sich die Gewährläufe auf auf sie. Elf von zwölf Kugeln treffen.

Margaretha Geertruida Zelle (1897)
Margaretha Geertruida Zelle (1897) / Bildquelle: Commons Wikipedia

Mata Hari: Ein Comic erzählt die sagenumwobene Geschichte

So oder so ähnlich soll es gewesen sein. Die Meisterin des schönen Scheins ist bis heute umgeben von vielen mystischen Geschichten, die in unzähligen Artikeln, Büchern und Filmen erzählt worden sind. Gemeinsam mit der Künstlerin Ariela Kristantina lässt Autorin Emma Beeby Mata Hari auf eine ganz besondere Weise aufleben. In insgesamt fünf außergewöhnlichen Comics kommen wir der sagenumwobenen Femme Fatale näher. Neben den beeindruckenden Zeichnungen beeindruckt auch die Aktualität der Geschichte um Mata Hari. Wieso das so ist, hat Emma Beeby im Interview mit “Bust” verraten. Die #metoo-Debatte regte sie an: “Ich wollte diese Geschichte schon seit Jahren erzählen, doch jetzt fühlt sich der Moment erst wirklich richtig an. Ich begann zu schreiben, als die #MeToo Debatte ins Rollen kam und musste schmerzlich feststellen, dass die Erfahrungen einer Frau aus einem vergangenen Jahrhundert – sie wurde misshandelt, belästigt, angegriffen, verleumdet und dämonisiert – auch heute noch eine Rolle spielen.” All die schrecklichen Dinge die Mata Hari erlebte, hätten eigentlich Empathie erwecken müssen, erklärt Beeby weiter. Doch als Mata Hari ihrem Schicksal bewusst entgegensteuerte und ihre Sexualität einsetzte, verlor sie immer weiter an Sympathie und wurde direkt vorverurteilt. “Ich denke, dass diese Geschichte unsere eigenen Vorurteile offenbaren kann, sogar solche, von denen wir nicht glaubten, dass wir sie hätten.”

Mata Hari: Ihr tragisches Leben und ein Hauch von Glamour

Mata Hari (Malaiisch für „Auge der Morgenröte), die eigentlich Margaretha Geertruida Zelle heißt, wird am 7. August 1876 in der niederländischen Provinz Friesland geboren. Sie wächst als Tochter eines prahlerischen Hutmachers auf. Adam Zelle verwöhnt seine Tochter mit Kleidern aus Samt und Seide. Doch dann stirbt ihre Mutter, der Vater geht pleite – da ist sie gerade einmal 14 Jahre alt. Mit 19 Jahren heiratet sie den gut 20 Jahre älteren Offizier der niederländischen Kolonialarmee, Rudolph MacLeod. Kennengelernt haben sich die beiden über eine Anzeige in der Zeitung. Sie bekommen zwei Kinder und nach der großen Liebe folgt das noch größere Drama. Seine Affären lassen die Beziehung schnell zerbrechen. Rudolph soll extrem eifersüchtig und gewalttätig sein.

Einige Jahre leben die beiden auf Java und Sumatra. Hier kommt Margaretha erstmals mit der asiatischen Kultur und exotischen Tänzen in Berührung. Doch als ihr Sohn Norman John im Alter von zwei Jahren stirbt, bricht die Ehe endgültig auseinander. Zurück in den Niederlanden steht die Frau mit der gebräunten Haut und den langen Beinen vor dem Nichts. Sie hat kein Geld, ihre Tochter Jeanne Louise (genannt Non) lebt bei ihrem Vater.

Ab diesem Zeitpunkt entscheidet sich Margaretha dazu, nicht mehr sie selbst sein zu wollen. Sie geht nach Paris und verwandelt sich vom holländischen Kleinstadtmädchen in eine Grande Dame, die schlagartig an Aufmerksamkeit, Ruhm und Einfluss gewinnt. Mata Hari, wie sie sich ab jetzt nennt, erfindet den Nackttanz und umgibt sich fortan als Kurtisane mit den einflussreichsten Männern – darunter Botschafter, Fürsten und Minister. Sie tanzt in Berlin, Wien, Mailand, Paris. Erzählt Journalisten immer wieder unterschiedliche Geschichten über ihre Herkunft. Mal ist sie die Prinzessin von der Insel Java, dann wieder die Frau eines angesehenen Barons. Plötzlich liegt ihr – wenn auch nur kurzzeitig – die Welt zu Füßen. Sie ist gesellschaftlich angesehen und Teil der High Society Europas.

Margaretha Geertruida Zelle
Margaretha Geertruida Zelle bei ihrer Hochzeit / Bildquelle: Commons Wikipedia

Durchtriebene Spionin oder Sündenbock für eine ganze Nation?

Doch mit dem Alter sinken ihre Aufträge. Sie verliert allmählich an Glanz und Geld, als sie 1914 ein Engagement als Tänzerin in Berlin bekommt. Kurze Zeit später, als Mata beim Abendessen mit dem Polizeichef sitzt, erfährt sie vom Ausbruch des ersten Weltkrieges. Anschließend verschlägt es sie zurück in die Niederlande, wo ein Liebhaber für sie aufkommt und ihr eine Wohnung bezahlt. 1915, so heißt es, wirbt sie ein deutscher Generalkonsul als Agentin an. Das Honorar beträgt 20.000 Francs. In intimen Stunden soll die Edelkurtisane englischen und französischen Militärs Kriegsgeheimnisse entlocken. Doch auch der französische Geheimdienst möchte profitieren. Mata, mit dem Decknamen “H21” verlangt eine Million Francs und wird so zur Doppelagentin. Doch schon bald fliegt sie auf. Am 25. Juli 1917 wird Mata Hari wegen Hochverrats und Doppelspionage zum Tode verurteilt.

Doch wie gerechtfertigt war diese Verurteilung? Der britische Geheimdienst berichtet davon, dass Mata Hari nie ein vollständiges Geständnis ablegte. “Sie gab nicht mehr als das weiter, was man auch in spanischen Lokalzeitungen nachlesen konnte”, so Julie Wheelwright, Autorin von “The Fatal Lover. Mata Hari and the Myth of Women in Espionage”. Politik sei nie von großem Interesse für sie gewesen. Heute geht man davon aus, dass das Verfahren von den französischen Behörden manipuliert wurde und nur Propaganda-Zwecken diente.

In ihren beiden Comics hält sich Emma Beeby bewusst an die bekannten Fakten. Lediglich um Ereignisse zu vereinfachen oder Lücken zu füllen, spielt sie ein Stück weit mit der Fiktion. Aber eben nur ein Stück weit. Denn ohne Zweifel ist es die grenzenlose Begeisterung der Autorin für die Person Mata Hari und ihre verworrene Geschichte, die die Comics so besonders und lebendig werden lassen. Fast so, als wäre sie nicht vor mehr als 100 Jahren hingerichtet worden – sondern würde noch immer unter uns Leben.

Das Beitragsbild ist übrigens von commons.wikimedia.org

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Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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