LGBTI Wanderlust: Diversity-Tourismus ist die Zukunft

Words by Christina Feyerke
Photography: Harry Cunningham
Ein Himmel voller chinesischer Laternen in Regenbogenfarben aufgereiht

LGBTI-Reisende, die sich zu ihrer Identität bekennen, brauchen nicht selten ein dickes Fell. Schon das Einchecken ins Hotel kann einem Gang nach Canossa gleichkommen: Eindeutige Körpersprache des Personals in Form provokant verschränkter Arme oder stoische Verweigerung des Blickkontakts, »Fehler« bei der Zimmerreservierung (jetzt leider ausgebucht!) oder respektloses Diskutieren über den Gast, als sei er nicht anwesend sind rund um den Globus zu beobachtende Taktiken, bestätigen Betroffene. Durch die Stigmatisierung dieser Klientel entgeht allzeit Gestrigen allerdings ein Bombengeschäft.

 

Die hohe Kaufkraft von »Rosa Geld«

Denn die rosa Welle rollt längst quer durch die Kontinente. LGBTI gilt als einer der am schnellsten wachsenden und möglicherweise als der am stärksten unterschätzte Markt. Ob seiner beträchtlichen Kaufkraft rieben sich auch so manche Touristiker*innen ungläubig den Schlaf aus den Augen – wären sie mit den Zahlen vertraut: Laut Deutscher Bank schätzen Experten die Kaufkraft von LGBTI weltweit auf 3,7 Milliarden US-Dollar – pro Jahr.

Diese Karte gibt Auskunft über Länder, die LGBTI willkommen heißen und jene, die lieber großzügig umschifft werden sollten. Demnach sind die drei LGBTI-freundlichsten Staaten Europas Malta, Belgien und Luxemburg.

Deutschland rangiert mit 48,13 % auf Platz 15 des Rainbow Country Ranking 2019. Schlusslichter bilden Armenien, die Türkei und Aserbaidschan.

Akzeptanz durch Aufklärung: Kenne deine Gäste

Ein Silberstreif am Horizont verheißt kleine Fortschritte: LGBTI-Freundlichkeit wird im Vergleich zur Vergangenheit häufiger praktiziert und kommuniziert. Destinationen, Hotels und Reiseveranstalter weiten ihre Produkt-Optionen zunehmend aus und passen sie den Präferenzen der globetrottenden LGBTI-Gemeinde an – auch ein Grund für deren nachhaltig robustes Reiseverhalten.

Schlau machen können sich interessierte Reiseanbieter und LGBTI-Personen direkt während der Internationalen Tourismusbörse Berlin, kurz ITB, die in der Sache überaus aktiv ist und ihr Seminar- und Reiseangebot für die LGBTI-Zielgruppe jährlich ausbaut und verfeinert.

Berlin als deutscher LGBTI-Pionier

Der Arzt Magnus Hirschfeld gründete 1897 mit Gleichgesinnten das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee, die erste schwul-lesbische Menschenrechtsorganisation, und betrieb später das Institut für Sexualwissenschaft. Bis 1923 gab er das »Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen« heraus.

Für Personen, die Kleidung des anderen Geschlechts bevorzugten, prägte Hirschfeld den Begriff Transvestit.

In den 1920ern florierte Berlin als »Hauptstadt der Homosexualität«. Nicht viel später begann das NS-Regime, die Szene durch radikale Maßnahmen reichsweit zu dezimieren. Homosexualität und NS-Ideologie waren inkompatibel, da Lesben und Schwule nicht ins Schema der arischen Herrenrasse passten. Auf sogenannten »Rosa Listen« wurden im Dritten Reich über 100.000 Männer polizeilich erfasst. Urteile ergingen und es erfolgten auf gerichtliche Anordnung hin Kastrationen, Einweisungen in psychiatrische Anstalten und Verschleppung in Konzentrationslager.

 

Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Thieren begangen wird, ist mit Gefängniß zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden. 

Bis 1995 § 175 im deutschen Strafgesetzbuch

 

Nach dem zweiten Weltkrieg dauerte es noch eine ganze Weile, bis sich die Akzeptanz für LGBTI-Menschen wieder besserte.

Christopher Street Day

1979 erregte der erste Christopher Street Day in Berlin noch erhebliches Aufsehen. Selbst nach Gründung der Berliner Lesben-Woche 1985 hatte § 175 (1872 bis 1994) des deutschen Strafgesetzbuches noch Gültigkeit.

2019 findet der Berliner Christopher Street Day (CSD) am 27. Juli statt. Auch dieses Jahr werden zu der Parade etwa eine Million Menschen erwartet, die für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung demonstrieren. Unter jährlich wechselnden Mottos auf zirka 50 Umzugswagen fordern die Teilnehmer das Ende von Diskriminierung und Ausgrenzung.

Inklusion durch rosa Kissen

Bunt, vielfältig und tolerant ist die Metropole Berlin. Dort regierte viele Jahre ein bekennend homosexueller Bürgermeister als Galionsfigur für eine schillernde schwul-lesbische Szene.

Die Stadt brodelt mit Treffpunkten für die Zielgruppe LGBTI und wird nicht müde, ihr ein gleichberechtigtes Dasein zu ermöglichen. »Durchtanzte Nächte, weltbekannte Clubs, von zart bis hart, Disko bis Techno, Tanztee bis Darkroom – hier ist für alle Richtungen etwas dabei, und das rund um die Uhr«, sagt Berlin von sich selbst. Schlafen müssen aber auch die Ausdauerndsten.

The Pink Pillow Collection

Also haben sich die Partnerhotels des Tourismusamts visitBerlin in einer gemeinsamen Initiative zum Verbund pink pillow Berlin Collection zusammengeschlossen. Ihr gehören Häuser an, in denen »jeder Gast so sein darf, wie er ist«. Das ist nicht nur so dahingesagt: Es wurde eigens eine Charta ausgearbeitet. Unter anderem verpflichten sich die beteiligten Hotels dazu,  

1. die pink pillow-Berlin-Charta anzuerkennen, umzusetzen und im Hotel öffentlich auszuhängen,

2. LGBTI-spezifische Info-Materialien an der Rezeption zur Verfügung zu stellen und sich in einem LGBTI-sozialen Projekt zu engagieren,

3. an den zweimal jährlich stattfindenden LGBTI-Info-Tagen teilzunehmen.

Ziel der Arbeitsgruppe pink pillow im Themen- & Zielgruppenmarketing des visitBerlin Partnerhotels e.V. ist es, Berlins Attraktivität als Reiseziel für LGBTI-Personen zu untermauern und weiter zu fördern. Berlin ist Mitglied der IGLTA (International Gay and Lesbian Travel Association).

Das Schwule Museum ist Archiv und Bibliothek in einem. Komprimiert lassen sich hier Spuren nicht-heterosexueller Lebenskonzepte und -verläufe in Geschichte, Kunst und Kultur verfolgen. Bei Führungen erzählen die Macher der Ausstellung spannende Geschichten über Exponate und deren Entdeckung. Das Museum ist in der Lützowstraße 73 zu finden.


Abschließend lässt sich also sagen, dass es einige Städte und viele touristische Ziele gibt, die bereits erkannt haben, dass die LGBTI-Gemeinschaft eine reisefreudige und dankbare Zielgruppe ist. Doch bis es zu einer richtigen Gleichbehandlung mit hetero CIS-Reisenden kommt, müssen wohl noch einige Urlaubstage ins Land ziehen.

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Vieles hat sich für queere Menschen zum Besseren verändert, seit es den ersten großen Aufstand gegen willkürliche Polizeibrutalität bei der Stonewall-Inn-Razia in New York 1969 gab. Doch sind wir wirklich schon bei der Gleichbehandlung angekommen, die durch die Erklärung der Menschenrechte zugesichert sein sollte? Wie gehen junge Menschen heute mit queerer Identität um?

Ursprünglich erschienen auf Englisch auf goodmeetings.com 

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ReisenLGBTQ

In Christina Feyerke’s internationaler Biografie schlagen knapp 20 Auslandsjahre zu Buche. Zurück in Deutschland begann sie, für Fachmagazine der Veranstaltungswirtschaft zu schreiben. Reisen gehörten auch hier zum regulären Tagesgeschäft. Neben Artikeln für Zeitschriften verfasst sie humorvolle, meist ironische Gedichte und betreibt Goodmeetings, eine englischsprachige Online-Plattform.

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