Jess Glynne im Interview: “Dieses Szenario ist für mich unvorstellbar!”

19.10.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Jess Glynne: Always in Between

Mit ihrem Song “I’ll be There” stellte Jess Glynne im Sommer dieses Jahres endgültig einen Rekord auf. Sie ist die britische Künstlerin mit den meisten Nummer-1-Hits in den britischen Musikcharts. Am 19. Oktober erscheint ihr neues Album “Always in Between“, auf das auch ihre deutschen Fans bereits sehnsüchtig gewartet haben.

Jess Glynnes Songs gehen nicht nur ins Ohr, sondern auch ins Herz. Die Geschichten, die sie mit ihrer Musik erzählt, sind so echt, dass man meinen könnte, jede einzelne von ihnen habe man genau so schon selbst einmal erlebt. Seit sie 2014 mit Clean Bandit und „Rather Be“ internationale Bekanntheit erlangte, geht die musikalische Erfolgsstory der 28-Jährigen immer weiter – und ist noch lange nicht auserzählt.

Im Interview haben wir mit ihr über Inspiration, den Druck von außen und eine Welt gesprochen, in der man nicht immer zwingend eine Entscheidung treffen muss.

Hauptsache, es gibt gutes Essen.

Jess, du bist auf dem Weg zum Flughafen. Kannst du inzwischen überhaupt noch sagen, ob du an dem Ort, an dem du als nächstes landen wirst, schon einmal gewesen bist?

Das ist mir inzwischen tatsächlich nicht immer möglich. Das fühlt sich unheimlich komisch an. Jedoch versuche ich, nicht genauer darüber nachzudenken oder mir zu viele Gedanken über diese Tatsache zu machen.

Wohin verschlägt es dich, wenn du nicht Jess Glynne, sondern Jessica Hannah sein möchtest?

Wenn ich einfach nur ich, also Jessica Hannah, sein möchte, verbringe ich die Zeit mit meinen Freunden oder meiner Familie. Es gibt keinen bestimmten Ort, an den das gebunden ist. Wir reisen nach Italien, Spanien oder in die Karibik. Hauptsache, es gibt gutes Essen (lacht).

Und was benötigst du, um kreativ sein zu können? Ist das an ein bestimmtes Umfeld gebunden?

Tatsächlich muss ich dazu einfach nur das Leben leben und genießen. Ich muss außerdem glücklich sein und mich in einem guten mentalen Zustand befinden. Wenn all das gegeben ist, habe ich alles, was ich benötige, um offen für jegliche Inspiration zu sein, und die Ideen für meine Songs kommen fast von allein.

Jess Glynne: Always in Between
Bildquelle: Warner Music

Du hast deine Karriere vor etwa fünf Jahren gestartet. Was hat sich seitdem verändert?

Mein ganzes Leben hat sich komplett verändert. Besonders mein Lebensstil und mein Tagesablauf. Ich bin ununterbrochen unterwegs – ich bin sozusagen hier und überall. Was sich auch verändert hat, ist natürlich, dass ich täglich dem Job nachgehen darf, den ich über alles liebe. Ich könnte mir nichts Besseres vorstellen. Allerdings haben sich auch die Beziehungen zu meiner Familie und meinen Freunden verändert. Wir können uns nicht mehr so häufig sehen, wie das vor meiner Karriere der Fall war. Immer wenn ich Zeit habe, versuche ich, diese mit ihnen zu teilen.

Und dann kann ich mich nicht mehr so frei bewegen wie früher. Sobald die Menschen wissen, wer du bist, wird es etwas schwierig.

Wer oder was hilft dir dabei, deine Persönlichkeit als Künstlerin wachsen zu lassen?

Ich denke, vor allem die Menschen, die mich täglich umgeben. Die Leute in meinem Team sind wirklich toll, und es ist inspirierend, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Sie sind sehr gut darin, meinen Blick in bestimmte Richtungen zu lenken und mich neue, ungewöhnliche Dinge sehen zu lassen. Sie helfen mir bei meiner Entwicklung und dabei, immer besser zu werden. Dabei schaffen sie es auch immer wieder, mich so sein zu lassen, wie ich bin oder eben sein möchte.

Wenn du verschiedene Ideen hast, wie entscheidest du, welche du als erstes umsetzt?

Ja, ich habe eine Menge Ideen, aber Vieles geschieht aus einem ganz bestimmten Moment heraus. Wenn ich im Studio bin, kommt es immer auf den ersten Gedanken oder die erste Inspiration an, die mich etwas ganz Bestimmtes fühlen lässt. Fühlt es sich gut oder sogar überwältigend an, habe ich das, was ich brauche, um weiterzumachen.

Am wichtigsten ist mir allerdings die Meinung meiner Familie.

Denkst du viel darüber nach, was die Menschen über dich und deine Arbeit denken?

Ja, ich denke viel darüber nach, was andere Menschen über mich denken, denn unglaublich viele Menschen wissen, wer ich bin und urteilen aus diesem Grund auch über mich. Meine Außenwahrnehmung ist mir sehr wichtig, und ich versuche, mich auch immer mehr damit zu beschäftigen. Ich möchte mich nicht verstellen, aber ich bin eine Person des öffentlichen Lebens und trage automatisch eine große Verantwortung. Allerdings versuche ich auch, mich nicht minütlich damit auseinanderzusetzen. Es wird immer völlig unterschiedliche Meinungen über mich und meine Arbeit geben. Für meine Fans, und ich denke, das bin ich ihnen schuldig, versuche ich allerdings auch immer, eine bessere Version meiner selbst zu sein. Am wichtigsten ist mir allerdings die Meinung meiner Familie. Sie sagen mir sofort, wenn ich auf dem besten Weg bin, eine unausstehliche blöde Kuh zu werden (lacht).

Hast du täglich Kontakt mit deiner Familie?

Nein, ein Telefonat an jedem Tag ist leider nicht möglich. Ich versuche, so viel Kontakt zu ihnen zu haben, wie es mir möglich ist, um sie wissen zu lassen, dass es mir gut geht, wo ich mich aktuell befinde, und um zu erfahren, was bei ihnen los ist und ob es allen gut geht. Doch es kann wirklich unglaublich kompliziert sein, den richtigen Moment zu finden, wenn ich mich ständig in einer anderen Zeitzone befinde und auf der Bühne stehe, wenn alle bereits schlafen oder ich frei habe, während alle anderen arbeiten.

Wolltest du schon immer Sängerin werden?

Mein Beruf ist so etwas wie meine Passion. Als junges Mädchen hatte ich keinen Plan. Ich habe einfach gelebt und mein Leben genossen. Ich habe es allerdings schon immer geliebt zu singen und mich mit Musik zu beschäftigen. Und auch später hatte ich keinen Masterplan. Ich habe nie ernsthaft über die Zukunft nachgedacht. Da man nie sagen kann, was das Leben für einen bereithält, war ich immer für jeden Tag dankbar und habe ihn so genommen, wie er eben kam. Es fügte sich alles beinah wie von allein.

Was würdest du beruflich machen, wenn du keine Sängerin mehr sein könntest?

Wow, ich weiß es nicht – darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Dieses Szenario ist für mich unvorstellbar. Wenn ich mich allerdings entscheiden müsste, würde ich in den Fitness-Bereich gehen.

Jess Glynne
Bildquelle: Warner Music

Du hast inzwischen so viel erreicht. Was fehlt noch auf deiner Liste?

Es gibt noch so viel, was ich erreichen, aber vor allem erleben möchte. Ich freue mich auf das Album und die Tour. Es gibt noch viele Orte, die ich gerne besuchen möchte. Für mich fühlt es sich so an, als stünde ich eher noch am Anfang. Ich bin so dankbar für all die umwerfenden Momente und Dinge, die ich bisher erleben durfte. Allerdings habe ich noch viel mehr zu geben.

Bitte erzähle uns etwas über die Story hinter dem Titel deines neuen Albums. Warum “Always in Between”?

Ich kam an einen Punkt in meinem Leben, an dem ich immer wieder ins Straucheln geriet. Es fühlte sich an, als wäre es mir nicht erlaubt, zwischen den Dingen stehen. Ich war hier und dort und nirgendwo. Ich kam ins Straucheln, wenn es um Beziehungen ging, oder hatte Probleme mit der Tatsache, dass ich meine Familie und Freunde nicht häufiger sehen kann. Und da gibt es immer wieder diese Fragen im Leben, in denen es heißt: rechts oder links? Ja oder nein? Außerdem spielt die Tatsache hinein, dass ich die meiste Zeit meines Lebens unter Beobachtung stehe und versuchen muss, Menschen zu beeindrucken – ich muss ständig „perfekt“ sein und immer die richtigen Dinge sagen und tun. Ich kann nicht einfach so meine schwache und verletzliche Seite zeigen. Doch all das ist nicht real und nicht, wie ich als Person bin. Eine lange Zeit hatte ich Probleme damit, doch inzwischen habe ich verstanden, dass es vollkommen in Ordnung ist, auch mal nicht die richtige Antwort zu haben. Ich muss mich nicht immer für die eine oder die andere Option entscheiden. Mit dieser Erkenntnis habe ich Selbstvertrauen gewonnen und mich wieder so akzeptiert, wie ich wirklich bin, und ich habe erkannt, dass ich einfach so sein kann, wie und wer ich sein möchte. „Always in Between“ beschreibt diese Situation für mich am besten.

Ich halte es für falsch, dass wir uns ständig diesem Druck von außen aussetzen.

Ist das auch ein Rat, den du deinen Fans mitgeben möchtest?

Ja, definitiv. Es gibt oft Situationen, in denen du den Druck spürst, aber einfach keine Antwort auf die Fragen hast, was du in der Zukunft tun möchtest und in welche Richtung sich dein Leben entwickeln soll. Doch ab und an ist es gar nicht so schlecht, einfach den Moment zu genießen und ihn so zu nehmen, wie er kommt – ohne groß zu bewerten oder etwas in eine ganz bestimmte Richtung lenken zu wollen. Manchmal musst du es einfach nicht wissen, und da muss es dann auch keine Antwort geben. Ich halte es für falsch, dass wir uns ständig diesem Druck von außen aussetzen.

“I’ll be there” ist die erste Single-Auskopplung. Seit Monaten hört man diesen Song immer wieder im Radio. Wie fühlt es sich an, wenn man als Künstlerin merkt, dass der eigene Song die Massen so bewegt?

Ich liebe diesen Song und liebe alles, für was er steht. Es bedeutet mir unglaublich viel, dass er so gut ankommt. Wenn ich ihn singe und ihn höre, löst er dieses eine ganz bestimmte Gefühl in mir aus. Dass das auch bei anderen ankommt, ist einfach ein Segen. Die Menschen auf diese Art und Weise zu erreichen macht mich unglaublich stolz und dankbar.

Achtsamkeit ist gerade ein großes Thema. Würdest du dich als achtsam beschreiben?

Ja, ich versuche sehr, darauf zu achten. Ich achte auf meine Ernährung und ich gehe sicher, dass ich mir zwischendrin Pausen gönne – mir einfach Zeit für mich nehme, um einfach mal durchzuatmen. Aufgrund der vielen Arbeit und in Zeiten von Social Media wird es immer wichtiger, sich auch mal rauszunehmen und an sich selbst zu denken.

Wenn du jetzt, genau in diesem Moment, irgendwo anders sein könntest, wo würdest du sein wollen?

Wenn ich genau jetzt irgendwo anders sein könnte, dann wäre ich jetzt in einem unglaublichen Apartment, an einem Strand. Ich würde lesen, entspannen und das Leben genießen.

Vielen Dank, liebe Jess, und alles Gute für das Album und die Tour!

“Always in Between” gibt es hier zu kaufen

Das Beitragsbild ist übrigens von Warner Music

share:
FacebookPinterest
Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

kommentieren