Interview mit Marzia Niccolai von Google Arts & Culture

11.09.2018
Words by Jana Ahrens
Selbstportrait Frida Kahlo

“Google das doch einfach.” – Das ist es, womit alles anfing, für einen der weltweit größten Tech-Konzerne: Mit einer populären Suchmaschine. Inzwischen ist es kaum noch möglich, mit allen Google-Neuerungen und ‑Produkten Schritt zu halten. Eines, dem wir heute mal unsere Aufmerksamkeit widmen wollen, ist das Google Arts & Culture Programm. Produktmanagerin Mariza Niccolai hat uns erzählt, warum wir mehr als einen Blick riskieren sollten.

Was genau machst du bei Google Arts & Culture?

Ich bin zur Zeit Produktmanagerin. Das heißt, dass ich die Richtung für unsere neuen Produkte vorgebe. Ich arbeite dann mit all unseren verschiedenen Teams zusammen, um unseren Nutzern gelungene Kultur-Erfahrungen zu bieten. Mein spezifischer Bereich ist dabei die Digitalisierung, das Datensammeln und die Suchfunktion. Ein konkretes Beispiel dafür könnte so aussehen: Du benutzt unsere Google-Suche, um das Kunstwerk “Der Kuss” von Gustav Klimt zu finden, du klickst das Kunstwerk – das im Wiener Belvedere hängt – an und kannst da ultrahochauflösend reinzoomen. Das ist die Art der Erfahrung, die wir für unsere Nutzer jeden Tag besser machen wollen.

Auf einer tieferen Ebene habe ich zu schätzen gelernt, wie stark wir alle kulturell verbunden sind

Durch Technologie entdeckst du bei deiner Arbeit Kunst auf eine ganz neue Art. Hat das Einfluss auf deine Wahrnehmung von Kunst?

Ich habe Mathe und Computerwissenschaft studiert, ich bin keine Kunst-Spezialistin. Die Arbeit an diesem Projekt hat mein Wissen über Kunst deshalb massiv erweitert. Allein schon, weil ich unsere App aus beruflichen Gründen ständig selber nutze. Ich begegne jeden Tag aufs Neue interessanten Objekten und Geschichten aus aller Welt.

Auf einer tieferen Ebene habe ich zu schätzen gelernt, wie stark wir alle kulturell verbunden sind. Und wie uns Technologie ermöglicht, diese kulturellen Gemeinsamkeiten ganz neu und auf interessante Art zu entdecken. Durch Technologie kann ich Inhalte finden, die mir sonst nie begegnen würden. Wir haben ein Experiment gemacht. Es heißt X Degrees of Separation und stellt mithilfe von maschinellem Lernen eine visuelle Verbindung zwischen zwei frei wählbaren Kunstwerken her. Die Verbindung entsteht dann durch Kunstwerke, mit denen die Nutzer gar nicht unbedingt gerechnet haben, und so entdecken sie völlig neue Kunst, abseits von ihren üblichen Recherche-Wegen.

Kunstwerke durch Bilderkennung in Reihe gesetzt
Unsere Redaktion hatte schon viel Spaß mit X Degrees of Separation.

Gibt es Kunstwerke, die du im Kontext von Google Arts & Culture unbedingt noch bearbeiten möchtest?

Wir haben schon mit so vielen tollen Partnern gearbeitet, und es gibt so viele tolle Kunstwerke – beispielsweise diesen Hund von Yoshimoto Nara. Ich freue mich einfach immer darauf, was unsere Partner beisteuern mögen.

Zugleich freue ich mich aber auch sehr über die Möglichkeit, mit großartigen Archiven zu arbeiten. Die Royal Society hat einen Original-Brief von Benjamin Franklin veröffentlicht, der sein berühmtes Drachen-Experiment – mit dem er die Leitfähigkeit von Strom getestet hat – im Detail beschreibt. Ich würde gern noch viel mehr solcher “Behind the Scenes”-Kultur-Artefakte verfügbar machen.

Skulptur eines weissen Hundes mit glänzender Oberfläche
Your Dog, Yoshitomo Nara, 2002, Minneapolis Institute of Arts

 

Gibt es Kunstwerke, mit denen du lieber nicht arbeiten möchtest, weil eine intensive berufliche Beschäftigung mit ihnen deine Begeisterung für sie zerstören könnte?

Es gibt nichts Besseres als Kunstwerke live zu betrachten. Das habe ich am eigenen Leib erfahren. Es hat mich vollkommen umgehauen, als ich die “schwarzen” Bilder von Ad Reinhardt live gesehen habe und sich beim Betrachten nach und nach die einzelnen Farbkompositionen gezeigt haben. Aber später noch einmal online gehen zu können und mehr über diese Bilder zu lernen, hat meine Begeisterung für Kunst noch größer gemacht.

Das ist ähnlich wie mit Livemusik. Man wird mich immer wieder im Publikum von klassischen Konzerten und bei Auftritten von Symphonieorchestern antreffen. Aber ich genieße es auch, zuhause großartige Aufführungen in 360°-Ansichten auf Google Arts & Culture anzuschauen. Es ist nie genauso gut, als wenn ich live dabei wäre, aber niemand kann überall zugleich sein! Kulturelle Erfahrungen sind eine vielschichtige Angelegenheit.

Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass man dafür sorgen kann, dass diese Inspirationen für alle zugänglich gemacht werden, egal wo.

Deshalb glaube ich, dass es immer technologische Möglichkeiten geben wird, diese Erfahrungen zu reproduzieren, auch wenn eine Live-Erfahrung konkurrenzlos bleibt. Hinzu kommt, dass nicht alle so glücklich sind, dass sie durch die Welt reisen können, um ihre Lieblingskunstwerke vor Ort anzuschauen. Als ich jung war, hatte ich diese Form der Freiheit nicht. Das ist ja klar, es gibt viele verschiedene Gründe dafür, dass sich nicht alle Menschen auf den Weg machen können, um ihre Lieblingskunst vor Ort zu sehen. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass man dafür sorgen kann, dass diese Inspirationen für alle zugänglich gemacht werden, egal wo.

Ich würde gern noch viel mehr “Behind the Scenes”-Kultur-Artefakte verfügbar machen.

Wer oder was hat dich dazu inspiriert, dich mit Technologie zu beschäftigen?

Meine Eltern waren da beide eine große Inspiration. Aber besonders meine Mutter. Sie hat Physik studiert. An der Uni! In den 60ern! – Das war eine ganz schwierige Zeit für Frauen in der Wissenschaft. Zu hören, wie viel Mut sie immer wieder aufbringen musste, um das durchzuziehen, heißt für mich: Es gibt keine Entschuldigungen. Aber es gab noch andere wichtige Dinge, die meine Eltern mir beigebracht haben: Sie haben mich immer dazu ermutigt, neugierig zu sein, beharrlich und unabhängig denkend. Das sind wichtige Fähigkeiten, ganz unabhängig davon, für welchen Beruf man sich entscheidet.

Künstliche Intelligenz ist zurzeit eine gehypte, aber auch oft missverstandene Technologie. Welche wichtigen Veränderungen für unsere Zukunft sind aus deiner Sicht durch KI realistisch umsetzbar?

Was die Zukunft so spannend macht: Sie steckt voller Möglichkeiten, und es ist sehr schwer zu wissen, was passieren wird. Ich bin gar nicht gut darin vorauszusagen, was passieren wird.

Was mich an KI am meisten interessiert ist, dass sie Technologie autonomer macht. Sie kann viel mehr dafür eingesetzt werden, wirklich die Dinge zu bearbeiten, die sich mit Technologie am besten lösen lassen. So verschafft sie uns die Freiheit, unseren wahren Leidenschaften nachzugehen und die Themen im Leben zu verfolgen, die uns wirklich wichtig sind. Das finde ich richtig gut.

Teilt Google Arts & Culture Daten mit Dritten? Beispielsweise mit Schulen oder gemeinnützigen Organisationen?

Wir geben keine Daten weiter, die wir selber gesammelt haben. Allerdings nutzen viele Schulen und andere Organisationen unseren Service, um Kunst für alle Institutionen verfügbar zu machen. Sei es jetzt für Recherchen und Hausaufgaben oder einfach nur, um Kultur zu genießen.

Je mehr Technologie verfügbar wird, um so kreativer wird die Menschheit.

Was wäre, wenn bestimmte Kunstwerke nur im Google Arts & Culture Archiv und nicht in echt erhalten blieben?

Wir können natürlich überhaupt nicht voraussehen, was in der Welt noch passieren wird. Deshalb ist digitale Konservierung ja so wichtig. Wir haben Kolleginnen und Kollegen, die sich vorrangig um die Erhaltung von gefährdetem Kulturgut kümmert. Die Arbeit, die sie machen, ist ganz schön beeindruckend und aus meiner Sicht auch sehr wichtig. Das lässt gut an unserem Beitrag zur Erhaltung der Tempelanlagen von Bagan nachvollziehen. Diese Jahrtausende alte buddhistische Region voller Tempel und Stupas steht direkt in einem Erdbebengebiet und viel dieses kostbaren Kulturerbes ist schon verloren gegangen. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass wir zumindest Teile davon für künftige Generationen verfügbar halten können.

Hinzu kommt, dass inzwischen viel Kunst auch im digitalen Raum entsteht, und Google Arts & Culture ist dafür so eine Art natürliches Umfeld. Ich denke da an so etwas wie die 3D-Arbeiten, die mit Tilt Brush erstellt werden. Je mehr Technologie verfügbar wird, um so kreativer wird die Menschheit. Deshalb arbeite ich so gerne für Google.

Hast du eine Lieblingsstory, ein Lieblingsthema oder eine Lieblingsansicht auf Google Arts & Culture?

Es mag sein, dass ich etwas voreingenommen bin. Aber wir haben da so eine Seite, auf der man alle Kunstwerke anschauen kann, die wir mit unserer Art Camera aufgenommen haben. Das ist ein Projekt, an dem ich mitarbeite. Wir haben über 7500 Werke, die hier ultrahochauflösend betrachtet werden können. Das beeindruckt mich immer wieder.

Gibt es spannende Projekte, die gerade in Arbeit sind und die wir nicht verpassen sollten?

Wir arbeiten mit 1500 Kulturpartnern auf der ganzen Welt parallel zusammen. Sie sind diejenigen, die immer wieder spannende Inhalte auf die Seite bringen. Es ist also auch für uns jedes Mal eine kleine Überraschung, was als Nächstes zu sehen ist. Aber es gibt ein Projekt, mit dem wir vor Kurzem an den Start gegangen sind und das nun auch weltweit mit noch mehr Kunstwerken verfügbar ist: Unser Art Selfie – ein Tool, mit dem per Gesichtserkennung ein passendes Portrait zum Selfie der Nutzer gefunden wird.

Vielen Dank für das interessante Gespräch, liebe Marzia.

Das  Beitragsbild ist dem Beitrag Appearance can be deceiving über die Kleidung von Frida Kahlo entnommen. 

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Jana Ahrens

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Bis 2013 hat sie als Modedesignerin gearbeitet. Seitdem widmet sie sich dem Schreiben. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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