Interview mit der Alpinistin und Fotografin Caroline Fink

17.09.2018
Words by Annekathrin Walther
Fotografin Caroline Fink

Hoch hinaus wollen wir alle. Doch reale Berge besteigen wir normalerweise nur im Urlaub. Nicht so Caroline Fink. Die Schweizerin ist Alpinistin, Fotografin und vieles mehr. Ihr aktueller Fotoband Silence zeigt, dass auch die einfachen Motive große Wirkung entfalten können. Ein Gespräch über Gipfelgefühle, visuelle Stille und den Mut zu lackierten Fingernägeln.

Du und die Berge, ist das eine Liebesgeschichte?

Ja, mit einer kleinen Unterbrechung ist das eine lebenslange Liebesgeschichte, die mit 20 so richtig Fahrt aufgenommen hat. Als Kind war ich mit meiner Großmutter in den Bergen wandern. Dann gab es für eine Weile keine weiteren Berührungspunkte. Mit 20 sah ich dann auf einer Trekking-Reise durch Nepal wieder Berge, und da ist etwas mit mir passiert. Die haben mich wahnsinnig beeindruckt. Ich kann mich an einen Moment erinnern, als ich dachte: Ich weiß nicht, wie man das macht, aber ich möchte auf diesen Berg steigen.

Wie ging es dann weiter?

Als erstes habe ich einen Kletterkurs in der Halle gemacht und habe gelernt, mit Seil zu sichern. Zufälligerweise hatte ich in Nepal einen Schweizer getroffen, der damals in der Ausbildung zum Bergführer war. Der hat gesagt, er brauche immer mal wen, der für ihn den Gast spielt. Ein paar Monate später haben wir die erste Hochtour zusammen gemacht.

Östlicher Yukon, Kanada
Östlicher Yukon, Kanada, Bildquelle: Silence

Was bedeutet Hochtour genau?

Das ist klassisches Bergsteigen in steile Firnwände – also Wände aus sehr hartem, altem Schnee – unterbrochen von Felspassagen, in denen man klettert. Standardausrüstung ist Steigeisen, Pickel, Seil, Klettergurt und Helm. Diese erste Tour, die wir gemacht haben, war dann gleich ein 4000er, der Pollux bei Zermatt. Ein Jahr später habe ich mit dem gleichen Bekannten das Weisshorn traversiert. Traversieren bedeutet, einen Berg zu überschreiten, also für den Auf- und Abstieg unterschiedliche Routen zu benutzen. Das Weisshorn ist eine der größten Touren in der Schweiz. Viele träumen jahrelang davon, ich wusste damals gar nichts darüber, nur dass es lang und hoch war.

Man muss überzeugt sein von der Sache. Unten einsteigen und oben auch wieder rauskommen.

Und heute? Von allen möglichen Spielarten – Bergsteigen, Felsklettern, Eisklettern – was machst du am liebsten in den Bergen?

Die klassischen hohen Berge, wo man nicht allzu schwer klettert, aber die Touren lang, ausdauernd und hoch sind. In den letzten Jahren habe ich auch angefangen, etwas steilere Nordwände zu machen, zusammen mit einer Freundin. Das hat mich schon länger interessiert, aber ich hatte mich bisher nicht getraut. Nordwände sind ganz steile Firnflanken, also Schneeflanken. Man klettert sie mit zwei Pickeln. Das Problem bei ihnen ist, dass man sie nicht wirklich sichern kann. Und rückwärts abklettern, also 500 oder 600 Höhenmeter, geht auch nicht gut. Man muss also überzeugt sein von der Sache. Unten einsteigen und oben auch wieder rauskommen.

Tschingelfirn, Schweiz
Tschingelfirn, Schweiz, Bildquelle: Silence

Wie ist das für dich, wenn du oben ankommst? Was ist ein Gipfelgefühl?

Bei einer großen Tour, auf die man sich gut vorbereitet hat oder sich lange drauf gefreut hat, finde ich den Gipfel an sich nicht mal am intensivsten. Der intensivste Moment ist für mich ungefähr 30 Meter unter dem Gipfel. Wenn ich weiß, jetzt schaffen wir es. Jetzt kann eigentlich nichts mehr schiefgehen.

Es kann dir niemand mehr nehmen.

Das kann man vielleicht am ehesten mit Schmetterlingen im Bauch vergleichen. Es ist ein Hochgefühl: Freiheit, Glück, Zufriedenheit. Meine Kollegin, die eben auch gern Nordwände macht, hat mal gesagt: Es ist ja auch dieses Gefühl von “Yes, you can.” (lacht)

Klar, wenn man unten steht, hält man es vielleicht nicht unbedingt für möglich.

Genau. Man schafft etwas, das man nicht so ganz für möglich hielt. Man hat den Willen gehabt, durchzuhalten. Es geht auch um eigene Belohnung.

Wo man raufklettert, kann man runterfallen.

Was war die bisher herausforderndste Tour, die du gemacht hast?

Es ist schwierig, eine einzelne rauszupicken. Was es schon gab, waren größere Hochtouren, auf denen die Bedingungen ein bisschen schlechter waren als erwartet. Vor zwei Sommern hatten wir in einem schönen, gemütlichen Felsgrat im dritten Grad, also einer eigentlich nicht so anspruchsvollen Tour, 20 cm Schneewehen. Das hatten wir so nicht erwartet, das Wetter war viel schlechter als prognostiziert. Das fühlte sich dann plötzlich an wie Winterbergsteigen. Sowas kommt vor, ist aber immer noch in der Komfortzone. An sich bin ich zu ängstlich und zu defensiv, um mich in Situationen zu bringen, die zum totalen Fürchten sind.

Zum totalen Fürchten vielleicht nicht, aber empfindest du auch Gefahr, wenn du in die Berge gehst?

Gefahr wäre das falsche Wort. Wenn man schon lange Bergsteigen geht und auch ernsthaftere Touren macht, dann setzt man sich mit dem Risiko auseinander. Es ist immer ein Abwägen. Wie viel Risiko gehe ich ein für welches Erlebnis? Wenn man es mit dem Straßenverkehr vergleicht, dann schneidet das Hochtouren nicht so viel schlechter ab als das Autofahren. Aber es ist natürlich ein Fakt, dass man sich Gefahren aussetzt. Wo man raufklettert, kann man runterfallen.

Und die Rettung ist unter Umständen komplex.

Man hat zwar ein Mobiltelefon dabei, aber es gibt ganz viele Gebiete, in denen man keinen Empfang hat. Und mein Telefon schaltet sich bei 5 ° C Umgebungstemperatur selbst aus.

Rhonegletscher, Schweiz
Rhonegletscher, Schweiz, Bildquelle: Silence

Hat das Risiko, das der Sport bedeutet, Auswirkungen darauf, mit wem du ihn machst?

Wenn ich mich mit jemandem ans Seil binde und es Passagen gibt, die man nicht absichern kann, dann ist klar, ich vertraue dieser Person mein Leben an. Wenn die andere Person stolpert, sind wir beide weg. Gleiches gilt für mich: Die andere Person vertraut mir ihr Leben an. Deshalb mache ich solche Touren nur mit Leuten, die ich kenne und die ich mag. Wenn ich wegen eines Fehlers meiner besten Freundin nicht mehr nach Hause komme, dann ist es ok. Und ich weiß, dass sie es mir nicht übelnehmen würde, wenn sie wegen eines Fehlers von mir im schlimmsten Fall nicht mehr nach Hause käme.

Das heißt, du gehst mit Freundinnen in die Berge?

Im Moment gibt es ein Netzwerk aus fünf Freundinnen – alles Frauen – und meinen Partner. Das ist der einzige Mann, aber das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass ich nicht mit anderen Männern in die Berge gehen will. Sondern damit, dass die Anzahl der Wochenenden, an denen man auf größere Touren gehen kann, begrenzt ist.

Beim klassischen Alpinismus ist es allerdings so, dass die Frauen bis heute noch sehr stark in der Unterzahl sind.

In deinem Fall sind also gerade die Frauen in der Überzahl. Wie nimmst du das Männer-Frauen-Verhältnis im Berg- und Klettersport allgemein wahr?

Beim Sportklettern und Bouldern nehme ich es als sehr ausgeglichen wahr. Beim klassischen Alpinismus ist es allerdings so, dass die Frauen bis heute noch sehr stark in der Unterzahl sind. Und oft, wenn man Frauen sieht, sind sie auf einfachen Touren unterwegs, zusammen mit Männern, und sie steigen nicht vor, führen also nicht die Seilschaft. Das ist das Klassische, was ich wahrnehme. Ganz vereinzelt sieht man dann extrem starke Frauen, so zwischen 20 und 35, die auch als Frauenteams unterwegs sind. Da scheint sich etwas zu bewegen.

Pallas-Yllästunturi Nationalpark, Finnland
Pallas-Yllästunturi Nationalpark, Finnland, Bildquelle: Silence

Es gibt also Schritte in Richtung Chancengleichheit?

Ich bin sicher, es braucht noch sehr viel Zeit, bis es normaler wird, dass Frauen ganz selbstverständlich auch anspruchsvolle Hochtouren machen. Sie machen sie zwar jetzt schon, und es werden ihnen auch keine Steine in den Weg gelegt, aber man fällt doch immer noch extrem auf. Man wird auch immer wieder darauf angesprochen. Wenn ich mit Frauen unterwegs bin, kommt es vor, dass wir die einzigen Frauen in der Hütte sind.

Ich habe Frauen für mittelschwere Hochtouren oder alpine Klettertouren gesucht und innerhalb von zwei Wochen hatte ich 36 Anfragen.

Wie ist denn dein Netzwerk aus Bergsteigerinnen entstanden?

Vor etwa sieben Jahren mangelte es mir an Seilpartnern. Manche hatten geheiratet oder Kinder gekriegt oder waren weggezogen. Da habe ich ein Inserat auf bergportal.ch aufgegeben und gezielt nach Frauen gesucht. Einfach weil ich fand, dass es schön wäre, mit Frauen in die Berge zu gehen. Außerdem dachte ich mir: Dann kommt die Anzeige erstmal nicht falsch an, dann denkt keiner, ich suche jetzt einen Mann. (lacht)

Stimmt, “suche Seilpartner…” kann auch missverstanden werden.

Ich habe Frauen für mittelschwere Hochtouren oder alpine Klettertouren gesucht, und innerhalb von zwei Wochen hatte ich 36 Anfragen. Das Bedürfnis war also da. Wir haben dann zwei riesige Treffen gemacht, wo wir uns alle getroffen haben, und da war ganz schnell klar, mit wem man sich versteht und wer ähnliche Vorstellungen hat. So ist dieses kleine Netzwerk entstanden. Das war ein Geschenk. Alle spannenden, eindrücklichen und berührenden Touren der letzten Jahre habe ich mit Frauen aus dieser Gruppe gemacht.

Zusammen mit Karin Steinbach hast du ein Buch geschrieben: Erste am Seil. Pionierinnen in Fels und Eis. Darin portraitiert ihr Frauen, die in den Bergen aktiv sind, von den Anfängen des Alpinismus bis heute. Was zeichnet diese Frauen für dich aus?

Wenn ich so einen gemeinsamen Nenner finden müsste, würde ich sagen, dass es alles Frauen sind, die sich nicht so viel Gedanken darüber gemacht haben, was ihre Rolle in der Gesellschaft sein sollte. Oder was die anderen über sie sagen. Bei den meisten hatte ich das Gefühl – und das ist bei mir selber auch so – dass sie das, was sie gemacht haben, gar nicht besonders fanden. Sie haben die Berge und Felsen gesehen und wollten sie besteigen. Eigentlich so, wie wenn man Kinder auf einem Spielplatz sieht, da machen die Mädchen ja auch das gleiche wie die Jungs und überlegen sich nicht, ob es ihr Bild als Frau verändert, wenn sie mit Steigeisen rumlaufen. Diese Frauen haben sich die Freiheit genommen, so zu sein, wie sie wollen, und das zu machen, was sie wollen. Das finde ich das Inspirierende an diesem Buch.

Delegiertenversammlung des Schweizer Frauen-Alpen-Clubs 1924
Delegiertenversammlung des Schweizer Frauen-Alpen-Clubs 1924, Bildquelle: E. Greppin, SFAC Dossier, Alpines Museum der Schweiz, Bern

Passiert es dir denn selbst, dass du mit gesellschaftlichen Projektionen konfrontiert wirst?

Mein Bergfilm Aletsch wurde auf einem Filmfestival in Washington D.C. gezeigt, und da gab es einen Director’s Evening, wo alle Regisseure und Regisseurinnen eingeladen waren in einem der schönsten und ältesten Hotels. Ich hatte eine schwarze Bluse an und knallroten Lippenstift und lackierte Fingernägel, und zwei Leute haben mir direkt ins Gesicht geschaut und gesagt: Aber eine Bergsteigerin stelle ich mir anders vor. Das fand ich spannend. Wie stellst du dir denn eine Bergsteigerin vor? Und was macht das mit mir?

Gute Frage. Was macht man mit einem Bild, das so über einen gestülpt wird?

Man muss aufpassen, dass man sich nicht selbst zensiert. Ich habe mich jahrelang nicht getraut, mit rot lackierten Fingernägeln in eine Berghütte zu gehen. Weil ich genau weiß, dass der Hüttenwart dann denkt: Was ist denn das für eine! Vielleicht ist es das Alter, 40, wo man sich plötzlich alle Freiheiten nimmt, aber mittlerweile mache ich das.

Kommen wir mal zu deinem Beruf, du bist ja nicht nur privat in den Bergen unterwegs, sondern eigentlich sind die Berge auch dein Beruf, richtig?

Das Bergsteigen an sich ist nicht mein Beruf, aber mein Beruf spielt sich in den Bergen ab, fast zu hundert Prozent. Es ist schwierig, eine Bezeichnung zu finden. Ich bin Fotografin, Autorin und Filmemacherin. Ich sage immer: Ich erzähle alpine Geschichten in Text, Bild und Bewegtbild. Für mich gehört das alles zusammen. Von außen kommt manchmal der Einwand, dass ich zu viel Verschiedenes mache, aber ich will das so.

Sapün, Schweiz
Sapün, Schweiz, Bildquelle: Silence

Für mich ist es ganz normal, dass es auch eine visuelle Stille gibt, die auch nicht unbedingt an akustische Stille gekoppelt sein muss.

Dein aktuelles Buch ist ein Fotobuch mit dem Titel Silence. Die Fotos sind Naturaufnahmen. Was hat es mit diesem Projekt auf sich?

Ich habe diese Art Bilder schon immer gemacht, eigentlich ohne das Ziel, ein Buch daraus zu machen. 95 Prozent der Fotos sind beiläufig entstanden, weil ich in einem Moment ein Motiv gesehen habe, das mich angesprochen hat.

Was ich an dem Buch so interessant finde, ist, dass es diese Fotografien schaffen, einen akustischen Titel visuell darzustellen. Ich habe mich gefragt, warum das so gut funktioniert. Was transportiert sich da?

Ich habe auch darüber nachgedacht. Es gibt ja Synästhesie, also beispielsweise Leute, die Farben riechen können oder für die Grün immer denselben Ton hat. Ich glaube, irgendwo haben wir alle solche Sinnesverknüpfungen noch in uns. Für mich ist es ganz normal, dass es auch eine visuelle Stille gibt, die auch nicht unbedingt an akustische Stille gekoppelt sein muss.

Ist es das, was du auch suchst in den Bergen? Stille?

Beim Bergsteigen nicht bewusst. Aber ab und zu gehe ich alleine biwakieren, schlafe also draußen in den Bergen, und dann suche ich die Stille bewusst. Wenn es die Möglichkeit gibt, gehe ich gerne kurz raus, zum Beispiel abends vor die Hütte. Manchmal braucht es gar nicht lang, manchmal reicht es, wenn man sich einfach drei Minuten alleine draußen irgendwo hinsetzt und nichts macht.

Arktischer Ozean, Spitzbergen
Arktischer Ozean, Spitzbergen, Bildquelle: Silence

Die Fotos gibt es als große Prints. Werden sie auch in einer Ausstellung zu sehen sein?

Im November sind sie zwei Wochen in der Photobastei in Zürich zu sehen.

Was sind deine nächsten Pläne?

Das aktuelle große Projekt nach Silence ist ein 50-minütiger Dokumentarfilm über Bergführerinnen. Wir nennen ihn im Moment “Frauen am Berg”. Zurzeit stecken wir noch in den Dreharbeiten, aber im Winter wird er fertig sein.

Wo wird er laufen?

Der Film wird im Schweizer Fernsehen ausgestrahlt und auf 3sat.

Vielen Dank, Caroline!

Wer pünktlich zur Erscheinung über den Film “Frauen am Berg” informiert werden möchte, sollte uns oder einfach direkt Caroline Fink auf Instagram folgen.

Das Beitragsbild ist von Caroline Fink

share:
FacebookPinterest
Annekathrin Walther

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

kommentieren