Mit einer Teemeisterin im Gespräch

Words by Annekathrin Walther
Photography: Yōshū Chikanobu
Vier Japanerinnen im Kimono sitzen auf in einem Teeraum und halten eine Teezeremonie ab

Eine japanische Teezeremonie ist eine ganz besondere Art der Zusammenkunft. Sie geht weit über ein einfaches gemeinsames Teetrinken hinaus und ist gleichzeitig doch genau das. Dass man Tee bei einer Teemeister*in studieren kann, wissen hierzulande nur wenige. Die Künstlerin und Teemeisterin Nobuko Sōchō Sugai-Baumgarten erzählt, was es mit dieser besonderen Tradition auf sich hat und wie sie funktioniert.

Eine japanische Teemeisterin sitzt in ihrem Teeraum umgeben von Tee-Utensilien
Nobuko Sōchō Sugai-Baumgarten in ihrem Berliner Teeraum
 

Sie sind Künstlerin und Teemeisterin. Wie sind Sie Teemeisterin geworden?

Ende der 70er Jahre kam ich nach Düsseldorf, um Kunst zu studieren. Ich komme aus Kyoto. Aber erst in Deutschland habe ich angefangen, regelmäßig Teeunterricht zu nehmen.

 

Wie kam es dazu?

Ich hatte in Düsseldorf eine Frau kennengelernt, die Teemeisterin war. Ihre schönen Tee-Utensilien haben mich fasziniert, sie hatte einen ganz tollen Geschmack. Und dann gab es bei diesen Zeremonien diese Atmosphäre, dieses Einmalige, das war wie ein kleines Theaterstück.

Utensilien für eine Teezeremonie stehen auf einem schwarzen Tisch
Wichtige Utensilien für eine Teezeremonie

 

Das heißt, Sie haben sich erst fernab Ihres Heimatlandes einer japanischen Tradition zugewandt. Wie erklären Sie sich das?

Als ich in der 7. Klasse war, hat meine Mutter zu mir gesagt: »Du musst jetzt Tee und Blumenstecken lernen. Das gehört sich so.«. Für mich waren diese beiden Dinge mit Heiraten verbunden. Es war damals noch üblich, dass man als Frau ein Angebot durch Bekannte bekam.

 

Dass die Ehe arrangiert war?

Ja. Das ist jetzt nicht mehr so. Weil Teeunterricht für mich mit Heiraten verknüpft war, habe ich abgelehnt. Ich habe damals gesagt: Ich werde niemals Teeunterricht nehmen. Ich habe dann ein bisschen Blumenstecken gelernt, aber auch relativ schnell wieder aufgehört. Als ich dann in Düsseldorf war, dachte ich, dass Tee vielleicht doch ganz interessant sein könnte. Mit der Distanz konnte ich die japanische Kultur etwas objektiver betrachten. Wenn man mittendrin ist, kann man das nicht. Deshalb fangen viele Japaner mit dem Tee an, wenn sie im Ausland sind oder im Ausland waren und wieder nach Japan zurückkommen.

Die japnische Kultur objektiver betrachten

Was lernt man, wenn man den Teeweg lernt?

Eigentlich gibt es drei Teile – Dō Gaku Jitsu. Die Kombination von diesen drei Begriffen ist Teeunterricht. Dō bedeutet Weg. Das ist Zen, oder die geistige Seite. Gaku bedeutet studieren. Man studiert die Geschichte, das heißt, man lernt etwas über die Tradition des Tees, Teeutensilien und auch über Japan. Und schließlich lernt man einzelne Handlungen: Wie man Tee zubereitet, wie man ein Tuch faltet, um die Gefäße zu reinigen und wie man sich verbeugt.

 

Wie kann man Zen lernen?

Zen muss man natürlich eigentlich bei einem Zen-Priester lernen, das geht nicht bei uns.

 

Kann man sagen, dass die Teezeremonie ein Element des Zen ist?

Ja. Matcha-Tee kam Ende des 12. Jh. durch einen Zen-Priester aus China nach Japan. Deshalb gab es am Anfang eine starke Verbindung zum Zen, besonders mit der Rinzai-Schule. Während einer Teezeremonie gibt es eine Konzentration auf die einzelnen Handlungen: Der Gastgeber konzentriert sich, aber auch die Gäste müssen sich konzentrieren. Das sind sehr tiefe Momente. Für jede Teemeister*in ist Zen auf eine andere Art wichtig. In Freiburg gibt es, zum Beispiel, einen deutschen Teemeister, der lange in Japan Tee und Zen studiert hat. Er gehört auch zur Urasenke-Schule, genau wie ich, aber er ist auch gleichzeitig Zen-Priester.

 

Auf einem schwarzen Tisch vor einem Fenster mit Kakteen stehen Tee-Utensilien
Eine Teezeremonie kann auf dem Boden oder an einem Tisch stattfinden

 

Sind Sie als Teemeisterin denn eigentlich auch immer noch Teeschülerin?

Ich habe den Titel. Aber es gibt kein Ende. Seit letztem Jahr gehe ich zu einem Teemeister in London, der von unserer Schule in Kyoto direkt gesandt wurde. Der geht wiederum immer wieder zum Großmeister in Kyoto. Eine Lehrerin in New York hat einmal zu mir gesagt: Wenn man immer nur unterrichtet, geht der eigene Tee unter.

 

Es ist also beides wichtig: Dass man unterrichtet, aber auch selber weiter lernt.

Natürlich ist Tee nicht nur Lernen. Tee ist dafür da, dass man eine Teezusammenkunft macht. Dass man Gäste einlädt und gemeinsam Tee genießt.

 

Was passiert, wenn Sie eine Teezeremonie machen?

Wenn ich Gäste habe, ist es jedes Mal anders. Auch wenn es die gleichen Leute sind. Es ist eine einmalige Sache, die es nur in diesem Moment gibt und die man nicht festhalten und nicht wiederholen kann. Man erlebt zusammen eine einmalige Zeit, die nur in der Erinnerung bleibt. Das ist etwas Schönes.

 

Der einmalige Moment einer Teezeremonie

Wie viele Gäste kommen zu einer Teezeremonie?

Eigentlich sind drei Gäste gut. Ich habe auch schon Teezeremonien mit mehr als zehn Gästen erlebt, dann ist natürlich der Raum auch größer. Aber es hat dann nicht so eine Intimität.

 

Und wenn die Gäste da sind, was passiert dann?

Eine normale Teezusammenkunft kann man nicht so oft machen, denn sie dauert vier Stunden. Wenn die Gäste ankommen, bekommen sie heißes Wasser oder mit einer Essenz der entsprechenden Jahreszeit serviert. Dann werden sie gebeten, im Garten auf einer Bank zu warten. Normalerweise hat man ja einen Garten. Dann kommt der Gastgeber, und er und der Gast verbeugen sich ohne Worte. Das ist der Anfang und bedeutet, dass der Teeraum jetzt fertig ist. Alle reinigen sich vor dem Teeraum die Hände.

 

Das heißt, dann erst wird der Teeraum oder das Teehaus betreten?

Die Gäste gehen einer nach dem anderen rein. Dann schauen sie zuerst, was in der Tokonoma – das bedeutet Bildernische –  hängt und wie das Feuer unter dem Wasserkessel aussieht. Wenn alle sitzen kommt der Gastgeber, und es gibt eine Begrüßung. Im Winter gibt es dann eine Kohlenzeremonie.

 

Was bedeutet das?

Das bedeutet, dass Kohle in die Feuerstelle gelegt wird. Danach wird ein bisschen Reis, ein bisschen Suppe und ein bisschen roher Fisch auf einem Tablett serviert. Und es gibt Sake.

 

Ein japanischer Teeraum mit Tatami-Matten
Ort der Ruhe und Konzentration: Nobuko Sōchō Sugai-Baumgartens Teeraum mit Tatami-Matten

 

Man isst auf dem Boden, richtig?

Ja, auf Tatami. Bei den Gästen gibt es eine Reihenfolge: Einen Hauptgast, zweiten Gast und so weiter. Der Hauptgast ist sozusagen der Chef der Gäste. Er redet mit dem Gastgeber, die anderen Gäste reden mit dem Hauptgast. Neben dem Hauptgast ist auch der letzte Gast sehr wichtig. Er sitzt am nächsten zum Gastgeber und wenn irgendwas passiert oder der Gastgeber etwas braucht, ist er der einzige, der auch den Vorbereitungsraum betreten und helfen darf.

 

Wenn das Essen vorbei ist, kommt der Tee?

Das Essen ist nur ein Vorspiel. Das Wichtige kommt danach. Die Essens-Utensilien werden weggenommen und die Gäste bekommen eine Süßigkeit. Dann schauen sie nochmal in die Bildernische und auf die Feuerstelle und verlassen den Teeraum, damit der Gastgeber umräumen kann.

 

Was wird umgeräumt?

Während des Essens ist der Teeraum dunkel und es gibt die Schriftrolle mit einem Zen-Spruch. Nach der Pause ist der Teeraum heller und es gibt Blumen. Dann wird Tee serviert. Es ist wie der erste und zweite Akt bei einem Theaterstück. Es ist sehr interessant, denn nach der Pause ist es der gleiche Raum, aber er sieht ganz anders aus.

 

Eine kleine Veränderung des Raums macht einen großen Unterschied

Was passiert dann?

Die Gäste gehen wieder rein und dann kommt der wichtigste Teil: Es wird Koicha getrunken, das ist dicker Matcha-Tee. Es ist schwierig, die richtige Konsistenz genau zu treffen. Er darf nicht zu dick und nicht zu dünn sein. Und man muss darauf achten, dass er nicht kalt wird. Wenn man bei einzelnen Handlungen zu lange zögert, wird der Tee kalt. Auch die Gäste müssen zügig trinken und die Schale weiterreichen, denn alle Gäste trinken aus einer Schale. Das ist der Höhepunkt einer Teezusammenkunft. Während dieses Teils gibt es wenig Gespräch. Wenn er zu Ende ist, wird nochmal Kohle aufgelegt und etwas Wasser in den Teekessel gefüllt. Dann gibt es Usucha, den dünnen Matcha-Tee, den wir normalerweise trinken.

 

Das ist der Ausklang?

Ja. Der wichtigste Teil ist vorbei, es wird dann auch mehr geredet. Wenn das zu Ende ist, verabschiedet der Gastgeber die Gäste. Wenn die Gäste den Raum verlassen haben, öffnet der Gastgeber die Tür und alle verbeugen sich noch einmal ohne Worte. Das ist eine Standard-Teezusammenkunft.

 

Was ist für Sie das Besondere?

Es macht unheimlich Spaß, Gastgeberin zu sein, die Gäste zu bewirten und dafür zu sorgen, dass sie sich wohlfühlen. Wenn man zusammen eine besondere Zeit hat, ist das eine schöne Sache. Das ist das Ziel des »Chadō«, des Teewegs. Der Weg einer jeden einzelnen Teemeister*in ist zwar anders, aber das Ziel ist das gleiche.

 

Glauben Sie, Sie werden irgendwann aufhören mit dem Tee?

Man sagt, wenn jemand ein Mal mit dem Tee angefangen hat, kommt er immer wieder zum Tee zurück. Auch ich hatte in meinem Leben Pausen, zum Beispiel als mein Sohn geboren wurde. Ich kenne auch viele andere Leute, die aufgehört haben und wieder angefangen haben. Wenn man wieder anfängt, kann man alle Sachen, die man in der Zeit ohne Tee gemacht hat, mit dem Tee zusammenbringen. So kommt immer etwas Neues dazu. Das finde ich schön.

 

Vielen Dank für den Einblick in diese meditative Praxis. 

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Annekathrin Walther

Freie Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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