Hamburg Festival – Die 7. Triennale der Photografie

12.06.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Hanns-Jörn Anders: Unruhen In Nordirland; 1969

Zum siebten Mal findet von Juni bis September 2018 das große Foto-Festival in Hamburg statt. Zu sehen gibt es zahlreiche Ausstellungen und Events, die unter dem Motto Breaking Point. Searching for Change die momentanen ökologischen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen zeigen. Wir verraten, was euch in Hamburg erwartet und welche Ausstellungen wir bereits gesehen haben.

Es ist ein Festival der vielen Eindrücke, Gedanken, aber auch Warnungen – denn die Veranstaltung soll vor allem eines: zum Handeln anregen und Veränderungen initiieren. Die Triennale der Photographie, die alle drei Jahre in Hamburg veranstaltet wird, findet auch in diesem Jahr in Kooperation mit den großen Hamburger Museen, kulturellen Institutionen, Galerien und weiteren Veranstaltern statt. Neben den Ausstellungen wird es in den kommenden Wochen zahlreiche Künstlergespräche, fachspezifische Diskussionen, Vorträge und Portfolio-Sichtungen geben. Noch bis zum 17. Juni läuft die große Eröffnungswoche, in der es zusätzlich ein spannendes Rahmenprogramm geben wird.

Breaking Point. Searching for Change

Das Motto Breaking Point. Searching for Change spielt vor allem in den acht zentralen Ausstellungen eine tragende Rolle, die von klassischen Computerbefehlen inspiriert werden. Uns allen sind die Begriffe [enter], [home], [control], [space], [shift], [return], [delete] und [escape] geläufig. Doch im Zusammenhang mit der Triennale werden den eigentlich so unspektakulären Tasten unserer Computer-, Laptop- oder auch Handytastatur ganz besondere Bedeutungen zuteil.

[enter], [home], [control], [space], [shift], [return], [delete] und [escape]

So präsentieren unter dem Stichwort [enter] insgesamt 15 Künstlerinnen und Künstler ihre Arbeiten, die mit Nachdruck gesellschaftliche Strukturen und Machtmissbrauch hinterfragen, indem sie sich mit den sozialen, politischen und ökologischen Narrativen unserer Welt auseinandersetzen. Themen wie Flüchtlingskrise, Klimawandel, Cyberattacken, Terrorismus und politische Unruhen finden hier Platz. Die Ausstellungen können bis zum 17. Juni 2018 auf dem Platz der Deichtorhallen als Teil des Container-Festivals besucht werden.

Die Gruppenausstellung [home] setzt sich kritisch mit dem Ort und dem Gefühl des Zuhauseseins auseinander. Zu den beteiligten Künstlern gehören professionelle Fotografen, aber auch Amateure, die sich unter anderem mit Obdachlosigkeit und Hausbesetzungen auseinandersetzen. Große Teile der Ausstellung finden in eigens angefertigten Pavillons statt. Diese befinden sich bei den Deichtorhallen, in der Hafencity und in Altona. Ein weiterer Ausstellungsort ist das Altonaer Museum. Zu sehen gibt es all das bis zum 26. August 2018.

Die Ausstellung [control] no control konfrontiert die Besucher mit den Wirkungsweisen von Macht durch Kontrolle. Wir selbst durften uns bereits einen Eindruck machen und waren fasziniert von dem Rundgang durch die zehn Ausstellungsräume mit insgesamt 80 Werken, die kaum unterschiedlicher und zugleich so äquivalent sein könnten. So engagierte Sophie Calle einen Privatdetektiv, um sich selbst beobachten zu lassen. Die entstandenen Bilder sind faszinierend aber auch beunruhigend – die Fremdkontrolle ist deutlich spürbar.

Künstler Richard Mosse sorgt für besonders bewegende Momente während des Rundgangs. Er setzte eine militärische Überwachungskamera ein, um Menschen auf der Flucht nach Europa zu filmen. Das Ergebnis gibt es in einem dunklen Raum auf drei riesigen Leinwänden zu sehen: Kinder und Erwachsene, die sich aus dem Wasser quälen, sich umarmen, erschöpft sind – froh, noch am Leben zu sein. All diese Bilder erzeugen ein Wechselbad der Gefühle und sind aufgrund der speziellen Aufnahmetechnik absolut einzigartig. Der Künstler selbst war bei unserem Besuch vor Ort. Er erklärte: “Um den Film zu machen, verwendeten wir eine spezielle militärische Überwachungskamera, die menschliche Körperwärme sichtbar macht. Die Kamera funktioniert bei Tag und bei Nacht und kann Menschen in bis zu 30,3 Kilometer Entfernung erfassen. Diese Technik wird von den Europäern und auch von den Amerikanern als Grenzschutz eingesetzt.”

Nicht weniger beeindruckend: Die Arbeit von Adam Broomberg und Oliver Chanarin zeigt Porträts, die mithilfe der neuesten Überwachungstechnik von Moskauer Bürgern gemacht wurden. Mit den Bildern, die eher wie dreidimensionale Kartographien aussehen, hinterfragen die Künstler das Verhältnis von Technologie und Ideologie. Sie ziehen außerdem einen Vergleich zwischen zwei Gesellschaften – der Weimarer Republik und dem heutigen Russland.

Die spannende und aufwendig gestaltete Ausstellung gibt es bis zum 26. August 2018 in der Hamburger Kunsthalle zu sehen.

In der Ausstellung [space] Street. Life. Photography aus sieben Jahrzehnten dreht sich alles um Entfremdung, Anonymität, Urbanismus und Straßenleben. Die rund 320 Werke sind bis zum 21. Oktober im Haus der Photographie ausgestellt und zeigen eine Wende in der Street Photography: Alle beteiligten Fotografen haben sich längst von dem Decisive Moment eines Cartier-Bressons emanzipiert und bahnbrechend weiterentwickelt, heißt es. Sie suchen also nicht mehr nach der perfekten Balance der Bewegung im Moment des Fotografierens, sondern finden ihre ganz eigene Form der Komposition.

Als Nächstes drücken wir die [shift]-Taste und schauen zu Calle Henkel und Max Pitegoff, die mit ihrer Fotografie eine Erweiterung von Performancekunst schaffen. Künstler*innen, Performer*innen und Musiker*innen werden in einer Art und Weise abgebildet, die stark an Theaterreklame erinnert. Dabei wurden die Portraits vervielfältigt und in Gruppen arrangiert. Zu sehen gibt es die Bilder in unterschiedlichen narrativen Strömen im Kunstverein Hamburg und das bis zum 9. September 2018.

Bei [return] geht es um Wurzeln, das Erbe und das Lernen von der Vergangenheit. Die Ausstellung thematisiert die Ereignisse und Strömungen der Jahre 1918 bis 1933. Unterteilt wird das Ganze in vier Bereiche: „Revolution und Republik“, „Vom Slowfox zum Grotesktanz“, „Die Mode der Goldenen Zwanziger“ und „Von der Neuen Sachlichkeit zum Neuen Sehen“. Ausgestellt sind die Kunstwerke bis zum 13. August 2018 im Altonaer Museum.

Das Museum für Kunst und Gewerbe widmet sich in der Ausstellung [delete] den Produktionsbedingungen und den Auswahlprozessen, die ein Bild durchläuft, bevor Zeitschriften und Magazine es drucken. Auch hier konnten wir bereits vor Ausstellungseröffnung einmal vorbeischauen. Gezeigt werden vier Bildstrecken aus den Zeitschriften Stern, Playboy, Kristall und Der Bote. In vier eigens für die Ausstellung entstandenen Interviewfilmen werden den Besuchern die Fotografen hinter den Bildern vorgestellt: Thomas Hoepker, Ryuichi Hirokawa, Günter Hildenhagen und Hanns-Jörg Andres. Was diese Ausstellung so besonders macht? Die Besucher erfahren nicht nur, welcher Fotograf aus welchem Grund eine bestimmte Bildauswahl trifft oder die Entscheidung an das Magazin abgeben muss – die Bilder aus den Jahren 1968 bis 1983 zeigen schonungslos, wie unsere Welt funktioniert. Wie viel Elend und Leid durch Kriege und Unruhen verursacht werden – aber auch, wie viel Liebe in uns steckt. Und obwohl die Fotos nicht von direkter, aktueller Bedeutung sind, halten sie uns dennoch einen Spiegel vor. Die berührende Ausstellung im MK&G ist für Besucher bis zum 25. November 2018 zu sehen.

Wenn wir über gesellschaftliche Relevanz in der Fotokunst sprechen, müssen wir uns zwangsläufig auch über Umweltveränderungen und ökologische Notlagen unterhalten. Angeregt wird die Auseinandersetzung durch die Ausstellung [escape], die mit zwei von Krzysztof Candrowicz, Christian Barbe und Virglio Ferreira (Kurator) organisierten Workshops vorbereitet wurde. Verschiedene Künstler kamen im Vorhinein zu einer Diskussion zusammen, um diverse Schnittstellen rund um die Auswirkungen menschlichen Handelns und der Beziehung der Menschheit zu unserem Planeten zu ergründen. “[escape] ist ein Projekt mit offenem Ausgang. Es geht nicht nur um eine kritische Bestandsaufnahme, sondern soll auch zum aktiven Handeln anregen”, heißt es. Bis zum 17. Juni finden Besucher dieses spannende Projekt im Museum für Völkerkunde.

The Living and the Dead

Den Fotokünstlern Anton Corbijn (Bucerius Kunst Forum), Joan Fontcuberta (Barlach Halle K) und Shirana Shahbazi (Kunsthaus Hamburg) ist jeweils eine eigene Ausstellung gewidmet. Joan Fontcuberta präsentiert bisher unbekannte Werke, die eine neue und überraschende Geschichte der Fotografie zeigen. Mithilfe der Konstruktion ihrer Bildräume erforscht Shirana Shahbazi das Sehen mit und durch Farbe. Abstrakte Fotografien, aber auch Stillleben und Reiseaufnahmen spielen in dieser Ausstellung eine Rolle.

Das außergewöhnliche Arrangement der faszinierenden Aufnahmen von Anton Corbijn haben wir uns auf unserem Vorab-Rundgang ebenfalls bereits ansehen dürfen. Das Bucerius Kunst Forum ist genau der richtige Ort für Corbijn, der mit seinen Star-Fotografien weltweite Anerkennung erlangte. Auf zwei Etagen erstrecken sich die etwa 119 Werke des Mannes, dem es vor allem Musiker angetan haben – denn er wäre selbst gern einer von ihnen. Wegen seines fehlenden Musiktalents begann er damit, seine Idole einfach zu fotografieren. “Wir haben uns entschlossen, nur Musiker zu zeigen, denn das ist die Wurzel seiner Arbeit. Anton Corbijn macht seit Mitte der 70er Jahre Musiker-Fotos, allerdings war er zu Beginn in erster Linie Fan und kein Fotograf. Trotz seiner fehlenden Begabung wollte er irgendwie dazu gehören. Das Fotografieren brachte er sich ganz alleine bei. Seine Handicaps in der Fotografie wurden mit der Zeit zu seinem eigenen Stil – ein Beispiel sind die Bilder mit Bewegungsunschärfe”, erklärt Kurator Franz Wilhelm Kaiser vor Ort. Im unteren Bereich, in dem es 77 der bekanntesten Fotografien aus den 40 Jahren seines Schaffens zu sehen gibt, schaut man Ikonen wie David Bowie oder Bono in die Augen. Im oberen Bereich blickt man dem Künstler selbst in sein tiefstes Inneres. Hier setzt er sich mit seiner eigenen Geschichte auseinander, indem er in die Rollen verschiedener bereits verstorbener Musiker schlüpft und sich in der ländlichen Umgebung seiner Kindheit und Jugend fotografieren ließ. So steht er beispielsweise als Kurt Cobain mitten in der idyllischen Landschaft eines kleinen niederländischen Dorfes. Auch verkleidet als Elvis, Freddy Mercury oder Jimi Hendrix macht er eine gute Figur. All diejenigen, die auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage sind, ab wann Fotografie Kunst wird, sollten sich die Ausstellung auf gar keinen Fall entgehen lassen – denn hier lässt sich eine ziemlich klare Antwort finden. Bis zum 6. Januar 2019 können die Werke von Corbijn bestaunt werden.

Alle weiteren Laufzeiten und Informationen zu den Ausstellungen im Rahmen des Festivals und dem gesamten Programm gibt es hier.

Triennale Hamburg: Foto-Festival 2018

Das Beitragsbild ist von Hanns-Jörg Anders; Unruhen In Nordirland; 1969 – Red. Stern

share:
FacebookPinterest
Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

kommentieren