Frauen und ihre Kräfte: Was wir alles tragen und ertragen

Words by Katharina Windorfer
Photography: Nick Fewings
Blick auf den Rücken einer Frau, die eine große Schale mit Bananen auf dem Kopf trägt

Es kann an einem Tag passieren oder sich über eine längere Zeit hin entwickeln: Etwas Schönes wird plötzlich zu etwas Erdrückendem. So ist das im Buch »Mrs Dalloway« von Virginia Woolf und auch bei den Frauen in Julie Heffernans Bildern. Doch zugleich finden wir bei all diesen Frauen auch einen Ausweg: Sie setzen ihre Kräfte dafür ein, dass diese Veränderung zu ertragen ist. Und am Ende ist da etwas Schönes: eine starke Frau.

 

»Mrs Dalloway sagte, sie würde die Blumen selber kaufen.«  Mit diesem Satz beginnt das Buch »Mrs Dalloway«. In diesem Roman beschreibt Virginia Woolf einen Tag aus dem Leben der wohlsituierten Larissa Dalloway. Und dieser Tag beginnt mit dem Blumenkauf. Der Tag verläuft in Vorfreude auf den Abend, an dem Larissa verschiedene Gäste erwartet. Die Blumen, die Erwartungen an den Abend, kurzum: das Schöne an diesem Tag werden jedoch am Abend auf eine Probe gestellt. Denn Larissa begegnet Menschen aus ihrer Vergangenheit – einer Frau, die sie mal geküsst, sowie einem Mann, der ihr einst einen Heiratsantrag gemacht hat. Der schöne Tag wird nun von den Erinnerungen erheblich belastet.

Self Portrait Holding a World II Oil on canvas, 98 x 62 inches

Ganz ähnlich wie bei Larissa Dalloways Tag gibt es auch bei der Frau in Julie Heffernans Bild »Selbstporträt, die Welt haltend« sowohl etwas Schönes als auch etwas Belastendes. Hier sind wunderschöne Blumen zu einem globusartigen Arrangement zusammengefügt. Dies ziert den Kopf der Porträtierten. Doch dieser Rosenball ist so groß, dass man förmlich zu fühlen scheint, wie sein Gewicht auf die Frau drückt.

Self-Portrait with Scroll II o/c 79″ x 56″

Etwas Schönes und zugleich eher Bedrückendes finden wir auch in Heffernans Bild »Selbstporträt mit einer Rolle«. Wie schon bei dem vorherigen Bild stehen wir auch hier einer nackten Frau gegenüber. An den Wänden des Raumes hängen zahlreiche Gemälde. Auf den meisten von ihnen sind Frauen dargestellt. Es sind Frauenporträts, aber auch Szenen, in denen Frauen eine Rolle spielen.

 

Vergleiche können eine Belastung sein

Auf den ersten Blick wirkt dieser Raum schön mit seinen ganzen Bildern. Doch dann bemerken wir die etwas bedrückende Stimmung. Denn die Frau im Vordergrund wird von uns immer mit den anderen Frauen auf den Bildern verglichen. Solch ein Vergleich kann belastend sein, genauso wie der Rosenball in dem vorherigen Bild und genauso wie die Begegnung mit alten Lieben bei Larissa Dalloway.

Doch genauso wie Larissa Dalloway mit ihren Blumen gerüstet durch den Tag schreitet und auch die Begegnungen mit der Vergangenheit übersteht, lassen sich die Frauen in beiden Bildern von Julie Heffernan nicht von der Last der Rosen oder des Vergleichs erdrücken. Sehen wir uns die Frau mit den Rosen nochmal an. Sie blickt uns nicht leidend entgegen. Ganz im Gegenteil wirkt sie recht selbstbewusst und trägt den Rosenball erhobenen Hauptes. Die Rosen sind durch ein feines Band mit einer Pflanze verbunden. Diese wiederum befindet sich auf einer gewellten Karte, die die Frau auf ihren Beinen balanciert. Ist dies vielleicht eine Art »Lebenskarte«? Die Frau mit dieser Land- und Lebenskarte zeigt: Ich habe genug Kraft, den Rosenball zu tragen, denn ich weiß, wohin ich gehöre, ich kenne das Relief meines Lebens.

Frauen, die ihre Kräfte sammeln

Gegen das Bedrückende kämpft auch die Frau in dem anderen Bild von Julie Heffernan an. Vor ihrem Körper hält sie eine entrollte Papierrolle. Auf dieser sind Bilder zu sehen, das obere könnte ein Weg sein. Hinter der Frau liegen Stifte, sie selbst hat also diesen Weg gemalt. Er führt von ihr zu den Frauen auf den Gemälden. Anstelle sich von dem bedrückenden Vergleich mit den anderen Frauen einnehmen zu lassen, versucht die Frau, einen Weg zwischen sich und den sie umgebenden Frauen zu bauen. Dadurch sucht sie die Gemeinschaft, in der kein Platz für einen Vergleich ist.

Sowohl in Virginia Woolfs Roman »Mrs Dalloway« als auch in Julie Heffernans Bildern erleben die Frauen etwas Schönes, das aber auch belastend sein kann. Doch alle drei Frauen sammeln ihre Kräfte, gehen weiter durch den Tag, tragen den Rosenball und treten den anderen Frauen selbstbewusst und wohlwollend entgegen.

Wenn wir uns manchmal fragen, wie wir den schönen, aber vielleicht auch zu schweren Rosenball tragen können oder eine Begegnung meistern sollen, dann denken wir an diese Frauen. Plötzlich sind dann die Rosen nicht mehr zu schwer, sondern vor allem duftend und schön, die anderen Frauen um uns herum sind eher interessant, aber kein verunsichernder Vergleich mehr. Wir fragen dann nicht mehr, ob wir es (er-)tragen können, sondern wie. Und das macht uns dann noch stärker.

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KunstMalerei

Katharina Windorfer studierte in Hamburg, Freiburg und Düsseldorf Kunstgeschichte. Schon im Studium war sie von Themen rund um Frauen fasziniert. Über die Zeiten hinweg wollte sie Kunstwerke untersuchen, die mit Frauen zusammenhingen. Sie widmete sich zeitgenössischen Performances von Frauen sowie Bildern von Frauen im Mittelalter. In ihrer Doktorarbeit zeigt sie, dass Frauen im Mittelalter gemeinsam mit Maria etwas vorführen: Auf Buchseiten aus mittelalterlichen Handschriften veranschaulichen sie, wie Frauen sich zu verhalten hatten.

Seit Anfang des Jahres schreibt Katharina für den Blog ArtStories. Hier geht es um Geschichten rund um die Kunst, um Geschichten von Frauen in der Kunst und vor dem Kunstwerk.

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