Filmtipp: Porträt einer jungen Frau in Flammen

Words by Jana Ahrens
Photography: Alamode Film
Eine blonde Frau blickt konzentriert in Richtung Kamere, eine Frau mit schwarzen Haaren betrachtet sie von der Seite.

Am 31. Oktober kommt ein grandioser Liebesfilm in die Kinos, in dem es viel Unerwartetes zu entdecken gibt: Das ist »Porträt einer jungen Frau in Flammen« von Céline Sciamma - ein Film, der in diesem Jahr nicht nur das Publikum, sondern auch die Fachpresse beim Internationalen Filmfestival in Cannes begeisterte und prompt den Preis für das beste Drehbuch absahnte. Wir möchten euch dieses präzise und bewegend erzählte Stück Kino wärmstens ans Herz legen.

 

Die bisher unbekannte Geschichte historischer Malerinnen

 

Spätestens seit Hannah Gadsby in ihrer Stand-up-Comedy-Routine »Nanette« die Kunstwelt sezierte und sich fragte, warum es so viele berühmte Männer unter den Malern gibt, ist klar: Hier gibt es auch noch Geschichten von Frauen, von Malerinnen zu erzählen, die wir bisher nicht kannten. Indirekt setzt »Porträt einer jungen Frau in Flammen« genau hier an.

Als Céline Sciamma entschied, einen Liebesfilm zu drehen, befasste sie sich gerade mit der Rolle von malenden Frauen im 18. Jahrhundert. Sie fand heraus, dass es damals schon viele Frauen mit einer Karriere in der Kunst gab. Vor allem wohl deshalb, weil Porträts gerade voll im Trend lagen.

 

In diesem Kontext gab es etwa 100 Malerinnen, die ein erfolgreiches Leben in diesem Metier verzeichnen konnten… Aber in den zeitgenössischen Berichten spielen sie keine Rolle…Wenn ich mir diese Bilder ansehe, verstören sie mich und bewegen mich, weil ich sie mein ganzes Leben lang vermissen musste.

Céline Sciamma

Die Handlung von »Porträt einer jungen Frau in Flammen«

So entschied Sciamma, ihre Liebesgeschichte im 18. Jahrhundert mit einer Malerin beginnen zu lassen: Marianne hat gerade das Porträt-Studio ihres verstorbenen Vaters übernommen, als sie von Paris auf eine einsame Insel in der Bretagne gerufen wird. Dort soll sie im Auftrag einer Herzogin deren Tochter malen. Die Herausforderung: Die Tochter (Héloïse) weigert sich, Modell zu sitzen. Denn sie weiß, dass ihr Porträt die Hochzeit mit einem ihr unbekannten mailändischen Edelmann besiegeln wird. Sie lehnt diese Hochzeit ab. Mariannes Aufgabe ist es also, tagsüber Héloïse auf ihren Spaziergängen zu begleiten, ihr Gesicht, ihre Mimik und ihre Gestik zu studieren, um dann am Abend heimlich und aus dem Gedächtnis ihr Porträt zu malen. 

 

 

Die zwei jungen Frauen entwickeln auf ihren Spaziergängen ein enges Vertrauensverhältnis. Deshalb fällt es der Malerin besonders schwer, den Betrug an ihrer Freundin zu gestehen, als das Porträt fertiggestellt ist. Héloïse ist jedoch nicht nur ob des Betruges wütend, sie ist auch entsetzt davon, wie uninspiriert und oberflächlich das Porträt wirkt, das Marianne von ihr angefertigt hat. So bietet sie spontan das Porträtsitzen für eine zweite Version des Gemäldes an. Ihre Mutter willigt ein, verlässt dann aus geschäftlichen Gründen die Insel – und hier beginnt die eigentliche Geschichte um zwei starke Frauen, die sich näher kommen.

Eine besondere Frauenwelt

 

Céline Sciamma gelingt es, die realistische Eingeschränktheit der Frauen des 18. Jahrhunderts darzustellen, ohne sie dabei zu sehr als Opfer zu stilisieren. Sie zeigt eine Welt, die aufgrund der starken gesellschaftlichen Reglementierungen vom Verhältnis der Frauen untereinander geprägt ist. Sie zeigt, dass die Vielfalt in Form von Verlangen, Neugierde und Wissensdrang durch den Druck von außen nicht unterdrückt wurde, sondern sich einfach andere Wege suchte. Sie erzählt einen historischen Liebesfilm, in dem fast nur Frauen vorkommen. Sie macht ihn so um Längen moderner als fast jede Romcom, die aktuell aus Hollywood herausfällt.

Kunst als Kontrolle über Emotionen

Und noch in einem weiteren Punkt setzt sich die Arbeit von Sciamma gravierend von Hollywood-Formaten ab: Der Film ist nicht mit Filmmusik unterlegt. Musik ist nur dann zu hören, wenn sie aus der Handlung heraus entsteht. Musik war rar im 18. Jahrhundert. Und so spielen genau zwei Stücke eine Rolle, werden aber umso wirksamer inszeniert.

 

Ich wollte, dass Musik ein Teil des Lebens der Figuren ist, eine seltene, ersehnte, wertvolle, nicht vorhandene Sache.

Céline Sciamma

 

Auch hier bildet Sciamma die Realität des 18. Jahrhunderts zielgerichtet ab. Und erinnert unsere reizüberfluteten Gemüter daran, was für einen intensiv emotionalen Effekt es noch immer haben kann, einen Chor singen zu hören, einem Konzert beizuwohnen oder ein Instrument spielen zu können.

 

Die Beziehung zu Kunst in diesem Film ist von grundlegender Bedeutung, weil die Figuren isoliert sind.

Céline Sciamma

 

»Porträt einer jungen Frau in Flammen« ist aus all diesen Gründen für diesen Herbst und Winter eine absolute Kino-Empfehlung. Der Film wird besonders jenen das Herz öffnen, die für einen Moment das Tempo rausnehmen wollen und sich auf Sinnlichkeit einlassen mögen, ohne dabei auf starke und komplexe Charaktere verzichten zu müssen.

 

»Porträt einer jungen Frau in Flammen« ist ab dem 31. Oktober im Kino zu sehen. 

 

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Dabei interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Zum Schönen gehört natürlich auch, wenn sich komplexe Themen in verständliche Zusammenhänge zerlegen lassen. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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