Dieser Liebesfilm ist ein Glücksfall für das deutsche Kino

Words by Jana Ahrens
Photography: Boris Laewen für X-Verleih
Ein Mann mit kurzen, dunklen Haaren in einem grauen Sakko steckt einer Frau mit langen, dunkelblonden Haaren einen goldenen Ring an den Ringfinger der linken Hand

Lässt sich eine Scheinehe einfacher kontrollieren als eine Liebesehe? Im Film »Es gilt das gesprochene Wort« hat sich Marion, gespielt von Anne Ratte-Polle, für eine Scheinehe entschieden. Im Interview erzählt die Schauspielerin, wie es war, sich in diese Rolle einzufühlen. 

 

Es bleibt ja Vieles unausgesprochen. Im Film wird kein Wort zu viel gesprochen. Aber was gesprochen wird ist auf den Punkt.

Ich habe so viel Spaß gehabt, diese Dialoge, die Texte zu lernen und zu erarbeiten. Ich habe so viel gelacht vor Freude, weil ich sie so toll fand. Die Szenen enden immer so merkwürdig. Die bleiben immer in so einer Schräglage stehen. Und das finde ich toll.

Dadurch können Zuschauer ihren eigenen Film spinnen. Wir hatten in München Premiere und es kamen verschiedenste Frauen und Männer jeder Altersklasse auf mich zu, die alle sehr emotional auf den Film reagiert haben und an sehr unterschiedliche Themen angedockt sind. Ich war ganz verblüfft und habe mich sehr gefreut, wie persönlich das für alle war.

Marion und Baran lernen sich in der Türkei kennen.

 

Als Schauspielerin suche ich beim Spielen den Kontrollverlust.

Ist das auch so ein bisschen wie nach der Landung, dieser Moment der Premiere?

Auf jeden Fall. Ich war ja auch in einem Parallel-Universum unterwegs. Aber dann denke ich auch wieder: Wenn ich privat bin, ist das ja auch wieder ein Parallel- Universum. Natürlich ist man in jedem Beruf auf irgendwelchen Inseln unterwegs, auf denen es Regeln und Abläufe gibt, die ein Rollenspiel erfordern. Aber gerade als Schauspielerin ist es auch wichtig mal zu sagen: Ok, das ist jetzt hier die Rolle und ich bin aber ich, gerade wenn ich mich vorher stark da hineinbegeben habe. Die Krankheit von Marion zu spielen, das war schon unangenehm. Da war’s für mich besonders wichtig, ab und an die Rolle abzuschütteln und zu sagen: Ich bin gesund, ich bin eine andere Person! Auch wenn es viele Ähnlichkeiten gibt, ist Marion doch eine sehr spezielle Frau in einer sehr speziellen Situation und nicht deckungsgleich mit mir.

 

Der große Unterschied zwischen dem Job der Schauspielerin und dem der Pilotin ist ja, dass du dich als Schauspielerin in den Rollen verletzlich machen musst. Als Pilotin geht’s um Kontrolle und Regeln und als Schauspielerin ist die Aufgabe, sich Einzulassen.

Als Pilotin machst du einfach ganz viele Check-Up-Listen und Sicherheit steht im Mittelpunkt. Es geht immer um Risikovermeidung. Als Schauspielerin suche ich beim Spielen den Kontrollverlust. Den Punkt, wo es mit mir spielt. Ich versuche das immer so zu gestalten, dass ich rundherum viel aufbaue und natürlich den Text kann – das ist immer hilfreich (lacht) – aber manchmal kommen dann ganz andere Sachen aus mir raus. Ich weiß vorher nie genau, was in dem Moment passieren wird. Das suche ich, den Kontrollverlust im Spiel. Ich überrasche mich dann und das macht am meisten Spaß. Es macht keinen Spaß, etwas zu spielen, was komplett abgezirkelt ist.

In der Regie von Ilker Çatak habe ich mich… immer sehr gut aufgehoben gefühlt.

Und das ging jetzt in diesem Team auch ganz gut?

Das ist nicht teamspezifisch. Man kann sich das jetzt nicht so vorstellen wie: Ja, ich schau mal, was der Kontrollverlust mir so zeigen wird. Ich mache diesen Beruf seit 20 Jahren und das ist etwas, was ich mir als Methode erarbeitet habe. Weil es das ist, was mich am Spiel generell interessiert. Daraus ziehe ich Energie.

Das Besondere mit diesem Team war, dass wir ziemlich viel auf dem Zettel hatten. Es wurden jeden Tag 5 Filmminuten gedreht. Das musste zack, zack gehen. Wir waren sehr gut vorbereitet. Ich habe mit Ilka Çatak sehr viel und sehr oft im Vorfeld die Dialoge und Szenen besprochen. Auch mit Arman zusammen – der Baran gespielt hat – und mit Godehard Giese, der Raphael – also Marions Affäre – gespielt hat. Wir mussten sehr gut vorbereitet sein. Es war gar keine Zeit, während der Dreharbeiten selber zu Proben. Drei Takes, zack, nächste Szene. Wir konnten uns keine Überstunden leisten. Es ging wahnsinnig rasant.

 

Ich habe in den ersten zwei Wochen nach Drehschluss permanent die Szenen noch mal im Kopf nachgespielt und gedacht: Scheiße, was hab ich denn da gemacht? Hätte ich das doch anders gespielt! Ich kam nur schwer wieder runter. Ich glaube, das ging uns allen so. Aber in der Regie von Ilker Çatak habe ich mich auch immer sehr gut aufgehoben gefühlt. Er hat ein sehr hohes Gespür für Schauspieler. Ich wusste eigentlich immer, das mindestens ein Take gut war. Vorher hat er nicht weitergemacht. Und er hat mich auch sehr gut geführt.

Vielen Dank für das Interview!

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Anne Ratte-Polle über »Es gilt das gesprochene Wort«

Der Kinofilm »Es gilt das gesprochene Wort« ist ein echter Glücksfall. Wenn es ein Liebesfilm schafft, einerseits Herzen zu öffnen und andererseits völlig unkitschig und mit trockenem Humor starke Charaktere aufeinander treffen zu lassen, dann ist der Gang ins Kino eigentlich Pflicht. Wie sich diese Besonderheiten um einen Plot über eine interkulturelle Scheinehe ergeben können, haben wir mit der Hauptdarstellerin Anne Ratte-Polle besprochen.

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Dabei interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Zum Schönen gehört natürlich auch, wenn sich komplexe Themen in verständliche Zusammenhänge zerlegen lassen. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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