SIBYLLE - das war die »Ost-Vogue«

Words by Annekathrin Walther
Photography: Günter Rössler
Auf dem Cover der Zeitschrift Sibylle lacht eine junge brünette Frau mit einer braunen Lederkappe
Die Sibylle war die wichtigste Mode- und Kulturzeitschrift der Deutschen Demokratischen Republik. Die »Ost-Vogue«, wie sie auch genannt wurde, war für die Länder hinter dem Eisernen Vorhang stilprägend und setzte im Bereich Fotografie immer wieder neue Maßstäbe. Derzeit ist im Berliner Willy-Brandt-Haus eine Ausstellung zur Sibylle zu sehen. Wir haben sie uns angeschaut. 
 

Wer heute eine Sibylle aufschlägt, begibt sich auf eine Zeitreise. Zugegeben, so würde es einem mit einer Vogue oder Elle von vor 25 Jahren auch gehen. Und doch ist eine Zeitreise mit der Sibylle etwas anderes, denn sie führt in einen Staat, der von der Landkarte verschwunden ist, und lässt ein Wertesystem auferstehen, das es so nicht mehr gibt. 

SIBYLLE-Cover von 1959

Ab 1956 erschien die Zeitschrift 34 Jahre lang in der DDR. Gegründet wurde sie von Sibylle Gerstner, einer Malerin und Kostümbildnerin, die auch als Namensgeberin fungierte. Nach der Wiedervereinigung überlebte die Sibylle weitere 5 Jahre als gesamtdeutsche Zeitschrift, bevor sie 1995 Insolvenz anmelden musste. In ihrem 39-jährigen Bestehen erreichte sie zu Hochzeiten eine Auflage von 200.000 Exemplaren und war dennoch oft bereits kurz nach Erscheinen vergriffen. Wer heute eine Sibylle kaufen möchte, wird auf Ebay fündig und muss mindestens 10 € pro Heft investieren. Was war das Besondere an dieser Mode- und Kulturzeitschrift?

Die Sibylle mag als Modemagazin gegolten haben, unpolitisch war sie jedoch nie, sondern stets Reflexion der zeitgeschichtlichen Verhältnisse.

Ute Mahler
SIBYLLE-Cover von 1964

Spannungsfeld Presse und Staat

Die Sibylle erschien innerhalb des staatlich kontrollierten Pressesektors der DDR. Pressefreiheit gab es nicht, und so war sie ein Modejournal im staatlichen Auftrag. Anders als bei westlichen Modemagazinen stand bei der Sibylle nie im Vordergrund, den Konsum anzukurbeln oder Kaufanreize zu schaffen. Ihr Auftrag war vielmehr didaktischer Natur. Sie sollte ihre Leserin und ihren Leser – denn sie sprach keineswegs ausschließlich Frauen an – im sozialistischen Wertekanon erziehen.

Sie hatte als meinungsbildendes Medium an der Formierung einer sozialistischen deutschen Nationalkultur mitzuwirken.

Andreas Krase
 
»Frauen von heute« portraitierte Frauen im sozialistischen Alltag. SIBYLLE 6/1968

 

Rolle der Fotografie 

Das Medium Fotografie war von Beginn an elementar für die Sibylle. Einerseits wurden Fotos – wie in jeder Modezeitschrift – zur Darstellung von Lebensstil, Mode und Kunst genutzt. Andererseits wurde die Fotografie innerhalb der Zeitschrift zunehmend als ästhetisch eigenständiges Element begriffen. Die Sibylle entwickelte sich zu einem Forum künstlerisch ambitionierter Fotografie und brachte über die Jahre herausragende Fotografen und Fotografinnen hervor.

Arno Fischer prägte den Fotografierstil der SIBYLLE nachhaltig.

Einer von ihnen war Arno Fischer, der in den 1960er Jahren wegbereitende stilistische Vorgaben für die Zeitschrift setzte. Seine Modefotografie war alltagsnah und dynamisch. Er zeigte seine Modelle in Straßensituationen anstatt sie – wie bis dahin durchaus üblich – im Studio zu inszenieren.

Modefotografie kann viel mehr sein als die Abbildung eines Kleides, kann mehr wollen, als nur Begehrlichkeiten zu wecken. Sie kann von Gesellschaft, Frauenbildern, Männerbildern, einfach vom Leben und von Lebensweisen erzählen.

Ute Mahler
Ute Mahler fotografierte ab dem Ende der 1970er-Jahre für die SIBYLLE

Trotz des Eisernen Vorhangs griff die Sibylle westliche Schönheitsideale auf. Trends wie TwiggyFlower Power oder Popper-Mode wurden aufgenommen, ohne dass das Magazin den Wertekanon der DDR abstreifte. Ende 1970er Jahre trat mit Ute Mahler eine weitere spektakuläre Fotografinnenpersönlichkeit auf den Plan. Fortan wurde mehr experimentiert und kein Fotografierstil mehr – wie noch in den 1960er Jahren –als maßgebend begriffen.

Das Klima der Sibylle-Hefte änderte sich in den Achtzigerjahren merklich, obwohl die politische Ausrichtung der Zeitschrift weiterhin Bestand hatte. Das äußerte sich auch in der zunehmend distanzierten Art und Weise, in der sich die Models den Betrachtern präsentierten.

Andreas Krase

Mit dem Fall der Mauer war die Sibylle mit einem Mal mit westlicher Magazin-Konkurrenz konfrontiert, der sie nur noch fünf Jahre standhielt. Zuletzt erschien sie im Selbstverlag der Redaktion.

Die einstige Definitionsmacht der Sibylle, die erzieherische Note ihres Programms waren mit der Auflösung des bisherigen Bedingungsgefüges verloren und obsolet.

Andreas Krase
Sachliche Mode in der SIBYLLE 1/1984

Sibylle-Ausstellung in Berlin

Wer jetzt neugierig geworden und zufällig in Berlin ist, kann noch bis zum 24. August die Ausstellung SIBYLLE im Willy-Brandt-Haus besuchen. Die sehr unaufgeregte, aber schön gestaltete Ausstellung würdigt die Publikation und die an ihr Beteiligten. Dem Werk einzelner Fotografinnen und Fotografen wird ebenso Raum gegeben wie einer Vielzahl von Magazin-Covern und Artikeln. Wer es nicht mehr schafft, sich die Ausstellung anzusehen, kann sich sicher mit dem sehr schönen Katalog Sibylle. Zeitschrift für Mode und Kultur. 1956-1995 trösten. Das bei Hartmann Projects erschienene Buch liefert auf 336 Seiten ausführliche Texte und 570 Abbildungen. Genau wie die Ausstellung ist auch das Buch ein wahrer Augenschmaus.

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Annekathrin Walther

Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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