Die Künstlerin Lotte Laserstein - Meisterin des Selfies

Words by Annekathrin Walther
Photography: VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Auf einer schwarz-weiß Fotografie steht eine junge Frau im Malerkittel und mit Pinsel vor einem großen Gemälde
Lotte Laserstein war Ende der 1920er Jahre eine junge, aufstrebende Künstlerin. Als jedoch 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, endete ihr Erfolg abrupt, und sie geriet in Vergessenheit. Zu Unrecht, denn in ihrem Werk steckt eine Strahlkraft, die bis ins Heute hineinreicht.
 

In der Berlinischen Galerie werden ihre Gemälde derzeit in der Ausstellung »Von Angesicht zu Angesicht« gezeigt. Wir haben sie uns angesehen.  

»Abend über Potsdam« 1930

»Abend über Potsdam« schreibt Kunstgeschichte

Zwei Männer, drei Frauen und ein Hund gruppieren sich auf einer Dachterrasse um einen länglichen Tisch. Nur zwei von ihnen sitzen uns zugewandt. Im Hintergrund sind die Häuser und Kirchtürme einer Stadt erkennbar. Die fünf sommerlich gekleideten Personen bilden ein besonderes Ensemble auf dem Bild, das Lotte Laserstein 1930 fertigstellte: Sie stehen und sitzen zusammen und sind doch ganz für sich. Sie sehen gedankenverloren aneinander vorbei und fixieren ganz unterschiedliche Punkte. Eine Frau in grünem Kleid schenkt aus eine Krug Milch aus. Es wirkt so, als müsste jede*r für sich allein einen Gedanken oder eine Handlung zu Ende führen. Das Gemälde scheint eine Pause im Gespräch einzufrieren, einen Moment festzuhalten, in dem niemand so recht weiß, was noch zu sagen wäre und wie es weitergehen soll. 

»Russisches Mädchen mit Puderdose« 1928

 

Der »Abend über Potsdam« – so der Titel des beschriebenen Bildes – gilt als eines der wichtigsten Werke Lotte Lasersteins. Im Gemälde finden sich gleich zwei Verweise auf große Werke der Kunstgeschichte: Der längliche Tisch lässt Das Abendmahl von Leonardo da Vinci anklingen, und die Frau mit dem Krug verweist auf Jan Vermeers Dienstmagd mit Milchkrug. Als Laserstein 1937 emigrieren musste, hatte sie dieses Bild im Gepäck, offenbar sah sie in ihm eine Referenz für das, was sie bis zu diesem Zeitpunkt künstlerisch erreicht hatte.

 

Aus heutiger Sicht haftet am »Abend über Potsdam« eine ganz eigene Melancholie. Laserstein platziert die nachdenkliche Gruppe in einem historischen Moment, der von Aufbruchstimmung und Unsicherheit geprägt war. Niemand konnte damals wissen, dass es sich um die Zeit zwischen zwei Weltkriegen handelte und die hart erkämpften Freiheiten bald wieder dahin sein würden.

»Selbstportrait mit Katze« 1928

Lotte Laserstein: Eine Meisterin des Selfies

Neben einer großen Anzahl Portraits schuf Lotte Laserstein zahlreiche Selbstportraits. Teils von sich allein, teils zusammen mit anderen. Sie nutzte das Selbstportrait zur Selbstbetrachtung – außerdem gab es ihr die Möglichkeit, ihre Existenz als Künstlerin zu reflektieren. Sie griff das traditionelle – und hierarchische – Motiv vom Maler und der Muse auf und nutzte es auf ihre ganz eigene Art. Malerin und Modell treten bei Laserstein als gleichberechtigte Partnerinnen auf. Sich selbst und andere Frauen als »neue Frauen« darzustellen – in den 1920er Jahren war dieser Begriff Schlag- und Schimpfwort zugleich –, war ihr ein Anliegen. Was wir heute auf Instagram betreiben, verhandelte sie auf der Leinwand. Mittels des »Selfies« fragte sie, wer wir sind, wer wir sein wollen und wo unser Platz in der Welt ist.

»In meinem Atelier« 1928

Die Biografie Lotte Lasersteins

Woher kam diese Künstlerin, die mit so viel Gespür für den Zeitgeist malte? Wie war ihr Lebensweg? Lotte Laserstein wurde 1898 in Preußisch-Holland, Ostpreußen (heute Pasłęk, Polen) geboren. Ihr Vater war ein Protestant mit jüdischen Wurzeln. Als sie vier Jahre alt war, starb er, und sie zog mit ihrer Mutter und Schwester nach Danzig zu Großmutter und Tante. Ab ihrem 11. Lebensjahr erhielt sie ersten Kunstunterricht. 1912 zog die Familie nach Berlin, wo Laserstein 1921 ein Studium an der Akademischen Hochschule für die bildenden Künste begann. Sie wurde Meisterschülerin vom Maler und Grafiker Erich Wolfsfeld und schloss ihr Studium – als eine der ersten Frauen überhaupt – mit Auszeichnung ab.

1924 trat die Schauspielerin und Sängerin Traute Rose in Lasersteins Leben. Sie wurde zu einer engen Freundin und lebenden Inspiration. Rose saß oft für Laserstein Modell – Laserstein portraitierte sie immer wieder und schuf auch Bilder, auf denen die beiden Frauen gemeinsam zu sehen waren.

Lotte Laserstein – diesen Namen wird man sich merken müssen. Die Künstlerin gehört zu den allerbesten der jüngeren Malergeneration. Ihr glanzvoller Aufstieg wird zu verfolgen bleiben.

Berliner Tageblatt 1929
»Traute im grünen Pullover« um 1931

 

Zwischen 1928 und 1933 erlebte Lotte Laserstein ihre produktivsten Jahre. Sie lebte als freie Künstlerin in Berlin, nahm an über zwanzig Ausstellungen teil und beteiligte sich erfolgreich an verschiedenen Wettbewerben. 1929 wurde sie Mitglied im Verein der Berliner Künstlerinnen – 1933 wurde sie aus dem gleichen Verein wieder entlassen. Die Nationalsozialisten stuften sie als „Dreivierteljüdin“ ein, weshalb sie fortan aus dem öffentlichen Kulturbetrieb ausgeschlossen war. 1935 musste sie ihre private Malschule schließen. Da sie nicht Mitglied der Reichskulturkammer war, konnte sie nur noch über Freund*innen Malmaterial beziehen. 1937 reiste sie auf Einladung der renommierten Stockholmer Galerie Modern nach Schweden und kehrte nicht mehr nach Deutschland zurück.

Ihre Versuche, Mutter und Schwester ins schwedische Exil nachzuholen, scheiterten: Die Mutter Meta Laserstein starb 1943 im Konzentrationslager Ravensbrück. Ihre Schwester Käte Laserstein überlebte die NS-Zeit in einem Versteck. Nach 1946 fasste Lotte Laserstein im Kunstbetrieb nur schwer wieder Fuß. Ihren internationalen Durchbruch erlebte sie erst in den 1980er Jahren. Einige ihrer Werke wurden für mehrere Ausstellungen in London ausgewählt, was zu einer Einzelausstellung führte, die 1987 ebenfalls in London stattfand. Diese Ausstellung leitete die Wiederentdeckung Lotte Lasersteins ein. Lotte Laserstein starb 94-jährig in Kalmar, Schweden. 

Die Ausstellung »Von Angesicht zu Angesicht« ist noch bis zum 12. August in Berlin zu sehen, ab dem 21. September dann in Kiel

Lotte Lasersteins Kunst berührt auf zurückhaltende Art und Weise und springt einem zugleich ins Gesicht. Die Blicke – oder auch das Wegschauen – ihrer Portraitierten wirken lange nach. Wer noch die Chance hat, sollte sich die Ausstellung »Von Angesicht zu Angesicht« unbedingt anschauen. In der Berlinischen Galerie ist sie noch bis zum 12. August zu sehen. Danach reist sie weiter in die Kunsthalle zu Kiel, wo sie vom 21. September bis zum 19. Januar 2020 besucht werden kann. 

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Annekathrin Walther

Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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