Das Gedicht und sein Double

24.10.2018
Words by Annekathrin Walther
Mara Genschel

Sie existieren wirklich und immer noch: Dichter*innen. Für alle, die bisher nichts mit Gedichten am Hut hatten, gibt es jetzt ein Fotobuch, über das sie mit Lyrik in Kontakt kommen können. “Das Gedicht und sein Double” von edition AZUR zeigt genau einhundert Portraits von Dichter*innen aus der aktuellen deutschsprachigen Lyrikszene. Und als wären die Bilder von Fotograf Dirk Skiba noch nicht genug: Jedem Portrait hat der/die jeweilige Dichter*in ein Gedicht zur Seite gestellt. Das Ergebnis ist absolut sehens- und lesenswert!

Menschen, die Gedichte schreiben, tun dies in irgendwelchen schlecht beheizten Dachkammern, rauchen eine Zigarette nach der anderen und trinken morgens zu viel Kaffee und abends zu viel Whiskey. Bekommt man sie überhaupt zu Gesicht, umgibt sie die Aura des Unergründlichen. Soviel zum Klischee. Und dann das: Eine junge Frau steht vor einer Tapete mit Leopardenmuster und einem Geweih. Sie blickt direkt in die Kamera. Am linken Zeigefinger trägt sie einen großen Ring, ihre Hand ist zur Faust geballt – oder nicht?

Frieda Paris
Frieda Paris ; Bildquelle: Dirk Skiba

Das Portrait von Frieda Paris ist nur ein Beispiel dafür, dass der Foto- und Gedichtband “Das Gedicht und sein Double” etwas anderes zeigt als gehemmte Autorenfotos. Aufgenommen hat sie der Germanist und Sinologe Dirk Skiba. Skiba – im Bereich der Fotografie Autodidakt – portraitiert seit fünf Jahren Dichter*innen. Angetrieben von seiner Leidenschaft für Lyrik und Fotografie fertigte er die ersten Portraits im Anschluss an Dichterlesungen. Was so beiläufig begann, entwickelte sich bald zu einem ernsthaften und aufwendigen Projekt: Skiba bereiste den gesamten deutschsprachigen Raum, um Dichter*innen abzulichten. Er tat es auf eigene Kosten und zunächst ohne den Plan, die Fotos in einem Buch zusammenzufassen.

Von einhundertzwanzig angefragten Dichter*innen ließen sich genau einhundert auf das Experiment ein

Dies änderte sich 2015, als Helge Pfannenschmidt vom Verlag edition AZUR aus Dresden und die Schriftstellerin Nancy Hünger auf Skiba aufmerksam wurden. Zusammen mit Skiba kamen sie auf die Idee, nicht nur einen Bildband mit seinen Fotos zu veröffentlichen, sondern darüber hinaus den abgelichteten Lyriker*innen die Gelegenheit zu geben, mit einem Gedicht auf ihre Portraits zu reagieren. Von einhundertzwanzig angefragten Dichter*innen ließen sich genau einhundert auf das Experiment ein. Unter ihnen sind junge und alte Autor*innen. Einige, wie Durs Grünbein oder Ulrike Almut Sandig, sind fest im Literaturbetrieb etabliert, andere, wie zum Beispiel Lisa Goldschmidt, werden in diesem Jahr erstmals veröffentlicht.

Anne Dorn
Anne Dorn ; Bildquelle: Dirk Skiba

In “Das Gedicht und sein Double” gibt es also nicht nur Lyriker*innen zu betrachten, sondern auch Lyrik zu lesen. Was passiert, wenn Text auf Fotografie und Fotografie auf Text trifft? In unserer von Bildern überfluteten Welt neigen wir oft dazu, Fotos für authentischer zu halten als das geschriebene Wort. Ein Foto, so die Annahme, zeigt uns die Wirklichkeit. Aber ist es nicht so, dass jede Ablichtung einer Person so viele Facetten hat, wie ein Gedicht Lesarten zulässt? Die Kombination aus Skibas fotografischen Portraits und den lyrischen Selfies der Autor*innen verdeutlicht, dass beide Formen auf ihre Art authentisch sind und – in der direkten Gegenüberstellung – auf ganz unterschiedliche Art und Weise miteinander spielen können. Während sie sich in manchen Fällen ergänzen, scheinen sie sich in anderen zu widersprechen oder gar miteinander zu konkurrieren.

Özlem Özgül Dündar
Özlem Özgül Dündar ; Bildquelle: Dirk Skiba

Man kann kritisieren, dass hier eine doppelte Inszenierung stattfindet: Dass der undurchdringbaren Kunstform Gedicht auch noch bedeutungsschwangere Schwarzweißfotografie zur Seite gestellt wird. Aber würde sich ein ehrlicheres Bild ergeben, wenn man Schnappschüsse von Lyriker*innen beim Essen, zusammen mit ihrer letzten SMS veröffentlichen würde? Ist etwas wahrer, weil es alltäglich ist? Bei jeder Annäherung an uns selbst und an andere gibt es Grenzen. Diese zu respektieren – und vielleicht als wertvoll wahrzunehmen – bedeutet, dass niemand sein Portrait oder seine Texte erklären muss. Es reicht, dass sie – oder er – sie zeigt.

Siebzig Prozent der Texte sind bisher unveröffentlicht und wurden eigens für das Buch geschrieben

Siebzig Prozent der Texte sind bisher unveröffentlicht und wurden eigens für das Buch geschrieben. In allen anderen Fällen haben die Lyriker*innen eines ihrer Gedichte ausgesucht. Bei den Dichter*innen, die vor Erscheinen des Buches verstorben sind – so zum Beispiel Anne Dorn –, haben die Herausgeber mit noch zu Lebzeiten eingeholtem Einverständnis die Texte ausgewählt. Darüber hinaus konnten die Dichter*innen ihre Seiten selbst gestalten, weshalb in diesem Band tatsächlich keine wie die andere ist.

Der individuelle Spielraum, der im Bereich der Texte ausgeschöpft wurde, deckt sich mit dem, was vor der Kamera passierte: Auch hier hatten die Autor*innen die Möglichkeit, sich ihren Vorlieben gemäß zu präsentieren. Die Strahlkraft von Dirk Skibas Portraits ergibt sich sicherlich auch daraus, dass er den Fotografierten freie Hand ließ und sie möglichst in ihrem eigenen vertrauten Umfeld ablichtete. Den Fotos ist anzusehen, dass der Fotograf hier Menschen und ihrem Werk mit ehrlichem Interesse und ehrlicher Neugier begegnet.

Mara-Daria Cojocaru
Mara-Daria Cojocaru ; Bildquelle: Dirk Skiba

“Das Gedicht und sein Double” ist auf vielen Ebenen ein Glücksfall

“Das Gedicht und sein Double“ ist auf vielen Ebenen ein Glücksfall. Nicht nur, weil es immer ein besonderer Moment ist, ein interessantes und schönes Buch in den Händen zu halten, sondern auch, weil es die Energie der deutschsprachigen Lyrikszene auf bisher ungekannte Weise bündelt. So aufregend das Genre, so versprengt sind doch seine Akteure: Nicht selten werden Dichter*innen – von der Öffentlichkeit wenig beachtet – von unabhängigen Verlagen mit kleinen Auflagen verlegt. Dass sie hier gemeinsam sichtbar werden, ist sehr zu begrüßen. Toll auch, dass es mit der edition AZUR gerade einer dieser kleinen, spezialisierten Verlage ist, der ein solches Projekt wagt. Dabei scheint das Ziel von Verleger und Herausgeberin realistisch: Mit diesem Fotoband möchten sie gerne Menschen mit Gedichten in Kontakt bringen, die sonst keine Lyrik lesen. Hoffentlich nehmen viele diese Einladung zum Spiel mit Sprache und Bildern an.

Das Beitragsbild ist übrigens von Dirk Skiba

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