Schriftstellerin Daniela Krien im Interview

Words by Annekathrin Walther
Photography: Maurice Haas / © Diogenes Verlag
Eine brünette Frau mit blauen Augen lehnt an einer Mauer
Es ist etwas ganz Besonderes, eine Autorin zu treffen, deren Bücher einem etwas bedeuten. Deshalb hat es uns riesig gefreut, dass wir Daniela Krien im Rahmen der Leipziger Buchmesse interviewen konnten. Ihr neuer Roman »Die Liebe im Ernstfall« ist Anfang März bei Diogenes erschienen. Ein Gespräch über Beziehungen, die Vereinbarkeitslüge und die wunderschöne Stadt Leipzig.
 

In Ihrem neuen Roman »Die Liebe im Ernstfall« stehen fünf Frauen im Mittelpunkt. Wie kommen Sie zu Ihren Figuren? Oder kommen die eigentlich zu Ihnen?

Beides. Ich schreibe nie autobiographisch. Ich nehme mir auch keine konkreten exemplarischen  Menschen als Vorlage und beschreibe dann deren Leben. Die einzelnen Figuren kommen zu mir, sie entstehen beim Schreiben. Das, was sie erleben, hat aber natürlich viel mit dem zu tun, was ich gesehen, gehört und auch selbst erlebt habe.

 

Welche von den fünfen war zuerst da?

Paula, die Buchhändlerin, der das erste Kapitel gehört. Das hätte durchaus ein Roman werden können, ich habe es am Anfang auch so angelegt. Aber dann kam bald Paulas Freundin Judith dazu. Die war einfach da und hat mich dann genauso interessiert wie Paula. Es war dann schnell klar, dass es kein Roman nur über Paula und ihre Familie wird, sondern ein Roman, in dem es um mehrere Frauen geht. Die fünf sind ganz organisch zusammengekommen. Ich habe sie nicht geplant, sie haben sich in die Geschichte hineinentwickelt.

 

Sie sind ja auch alle irgendwie miteinander verbunden.

Genau. Sie sind zum Beispiel durch Freundschaft verbunden. Zwei sind Schwestern. Alle sind Patientin bei der Ärztin, alle kaufen ihre Bücher bei der Buchhändlerin. Es gibt viele Verflechtungen.

 

Die größte Herausforderung für Frauen ist derzeit die Vereinbarkeit

 

Obwohl alle aus einem Dunstkreis kommen, sind es aber doch sehr unterschiedliche Lebensrealitäten und Lebensentwürfe. Was empfinden Sie im Moment als die größte Herausforderung innerhalb weiblicher Lebensrealitäten?

Ich glaube, die größte Herausforderung ist derzeit die Vereinbarkeitslüge. Also, nicht die Lüge ist die Herausforderung. Die Herausforderung ist die Vereinbarkeit. Ich halte es für eine Lüge, dass man Kinder, Karriere, glückliche Beziehung, Freiheit, Reisen und was man sich sonst noch vorstellt miteinander vereinbaren kann. Das ist natürlich meine Perspektive, weil ich Kinder habe. Ich denke, für Frauen, die ein ganz anderes Leben führen, sind andere Problematiken wichtig. Die meisten Frauen, die ich kenne, sind allerdings Mütter und deshalb erlebe ich rundherum, wie sie sich an dieser Vereinbarkeit versuchen. Irgendwie sind sie alle daran gescheitert.

 

Mich treibt wahnsinnig um, wo diese mangelnde Solidarität unter Frauen herkommt. Ich wünsche mir ganz stark, dass sie zunimmt.

 

Was interessiert Sie besonders an der Vereinbarkeit?

Vereinbarkeit ist ein Thema, bei dem Frauen zum Teil sehr hart über andere Frauen urteilen: Wenn eine Frau sich entscheidet, mit den Kindern zu Hause zu bleiben, dann ist sie eine uninteressante Glucke. Wenn sie sich entscheidet, Karriere zu machen und die Kinder von einer Vollzeit-Nanny betreuen zu lassen, wird sie als eiskalt und karrieregeil bezeichnet. Man hat es als Frau wahnsinnig schwer, es anderen Frauen recht zu machen. Den Männern auch. Aber auf andere Weise. Ich habe den Eindruck, dass Männer teilweise milder und nachsichtiger urteilen als die Frauen selbst. Mich treibt wahnsinnig um, wo diese mangelnde Solidarität unter Frauen herkommt. Ich wünsche mir ganz stark, dass sie zunimmt. Dass man viel verständnisvoller mit den Entscheidungen anderer umgeht, ob jetzt für oder gegen Kinder, für oder gegen Kinderbetreuung. Es sind individuelle Entscheidungen, die man nicht permanent zu bewerten hat. Genau das wird aber getan. In diesem Dilemma stecken natürlich auch meine Figuren.

 

Die Hälfte aller alleinerziehenden Frauen in Deutschland bekommt vom Vater der Kinder keinen Unterhalt für die Kinder. Diese Frauen müssen das ganz alleine schaffen.

 

Wenn man den Roman liest, dann fällt auf, dass er an manchen Stellen eine ganz subtile Brutalität hat. Wo liegt heute die Brutalität in Frauenbiographien?

Ich glaube, es war schon immer verdammt hart für Frauen. Die Brutalität liegt oft darin, dass Frauen alles schaffen müssen. Wenn zum Beispiel eine Beziehung scheitert, ist es immer noch oft so, dass die Hauptlast der Kinderbetreuung bei der Frau bleibt: Sie geht arbeiten, nimmt alle Termine mit den Kindern wahr und so weiter. Die Männer verbringen zwar noch Zeit mit den Kindern, aber alles, was wirklich Arbeit macht, bleibt oft an den Frauen hängen. Die Hälfte aller alleinerziehenden Frauen in Deutschland bekommt vom Vater der Kinder keinen Unterhalt für die Kinder. Diese Frauen müssen das ganz alleine schaffen. Das ist verdammt hart. Ich kenne es aus eigener Erfahrung, dass man vollkommen allein dasteht und mit ganz wenig Geld alles aufrechterhalten muss. Es sind immer noch Frauen, die in diese Lage kommen. Bei Männern passiert das äußerst selten.ne schaffen

Wie schaffen Sie das? Zumal das Schreiben ja kein klassischer Nine-to-five-Job ist, sondern eine Tätigkeit, für die man auch eine gewisse Muße braucht.

Auf diese Muße darf man gar nicht mehr warten. Ich organisiere das Schreiben wie einen ganz normalen Nine-to-five-Job. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, habe ich eine begrenzte Zeit, die ich nutzen muss. Wenn in dieser Zeit nichts passiert – was sein kann – dann ist das so. Dann kann ich das nicht Schreibkrise nennen, sondern muss einfach sagen: Der Tag ist gelaufen, aber morgen wird es wieder gehen. Es ist anstrengend, immer positiv und diszipliniert zu bleiben. Ich kann es mir nicht mehr leisten, mal unvernünftig zu sein, mal nachzulassen.

 

Ich kann mich mit zwei Kindern, von denen eines schwerbehindert ist, nicht so frei bewegen wie viele Kollegen. Das ist schon eine Einschränkung.

 

Am Literaturbetrieb wird derzeit immer wieder kritisiert, dass Frauen es in ihm schwerer haben als Männer. Empfinden Sie das auch so?

Das ist keine Erfahrung, die ich gemacht habe. Ich habe im Literaturbetrieb bisher keine Benachteiligung erlebt. Beschränkung gibt es höchstens durch meine private Situation: Ich kann mich mit zwei Kindern, von denen eines schwerbehindert ist, nicht so frei bewegen wie viele Kollegen. Das ist schon eine Einschränkung.

Wie meinen Sie das?

Es gibt ein ziemlich gutes Stipendien-Fördersystem für Autoren in diesem Land. Diese Stipendien sind aber in der Regel Aufenthaltsstipendien, das heißt, man muss – oder darf – von zu Hause weg und ist in einem Künstlerhaus zu Gast oder füllt einen Stadtschreiberposten irgendwo aus. All das kommt für mich als Alleinerziehende nicht in Frage. Männliche Kollegen, die auch Kinder haben, überlassen die Kinder dann in der Regel den Frauen und fahren an schöne Orte, um dort in Ruhe schreiben zu können.

 
Schriftstellerin, Mutter, Wahl-Leipzigerin Daniela Krien

 

Nochmal zurück zu »Die Liebe im Ernstfall«: Die fünf Frauen im Roman sind alle sehr ehrlich. Zumindest habe ich sie als wahrhaftig wahrgenommen, teilweise hatte es fast etwas Illusionsloses. Gleichzeitig waren sie aber nicht desillusioniert. Glauben Sie, es gibt eine positive Art der Desillusionierung?

Absolut. Man kann desillusioniert sein, ohne verbittert zu sein. Schlimm ist die Verbitterung. Sie tritt aber nicht automatisch ein, nur weil man sich von falschen Idealen trennt. Genau das tun meine Frauen. Sie sind alle mit riesigen Erwartungen ins Leben gestartet und wurden dann ein bisschen zurechtgeschliffen. Im Buch kommen sie am Ende an Punkten an, wo sie das Leben so sehen, wie es ist. Ohne Illusionen, aber durchaus positiv. Und immer noch mit dem Glauben, dass Liebe auch gelingen kann.

Diese Suche nach der Liebe und einer Beziehung zieht sich ja durch den Roman hindurch. Eine der fünf Frauen beschreibt ihre Situation nach einer Trennung so, dass sie sich nun nicht mehr zu jemand anderem »in Beziehung setzen kann«. Mir gefiel diese Formulierung, weil ich noch nie darüber nachgedacht hatte, dass genau das ja eigentlich eine Beziehung ist: sich zu jemandem in Beziehung zu setzen.

Genau. Das haben mir einige Frauen erzählt, dass nach dem Ende einer wichtigen Beziehung oder sogar einer langjährigen Ehe der Moment der schlimmste war, in dem sie feststellten, dass es diese absolute Bezugsperson nicht mehr gab. Freunde können das nicht abdecken, sie rufen nicht am Abend an und erkundigen sich, wie dein Tag war. Sie fragen nicht diese scheinbar banalen Dinge ab. In diesem Sinne ist der Partner oder die Partnerin eine absolute Bezugsperson, mit der man alles teilt. Wenn das wegbricht, bricht etwas ganz Entscheidendes im Leben weg. Das ist sehr schmerzhaft.

Manche meiner Figuren finden das, was sie gesucht haben, allerdings an einer ganz anderen Stelle, als sie erwartet haben.

 

Der Wunsch danach, sich zu jemandem in Beziehung zu setzen, wird von keiner Ihrer Figuren letztlich aufgegeben, richtig?

Der wird von keiner Figur aufgegeben. Manche meiner Figuren finden das, was sie gesucht haben, allerdings an einer ganz anderen Stelle, als sie erwartet haben. Die Schwestern Malika und Jorinde zum Beispiel probieren ein ganz anderes Modell: Sie versuchen, ihre Kinder gemeinsam großzuziehen und schauen erstmal, ob das mit den Männern überhaupt noch was wird.

Die Stadt Leipzig als Protagonistin

 

Eine weitere Protagonistin Ihres Romans ist die Stadt Leipzig. Sie ist der Hintergrund, vor dem sich alles abspielt. Nun sind wir grade heute auch in Leipzig auf der Buchmesse. Wie nehmen Sie die Veränderungen der Stadt in den letzten 30 Jahren wahr?

Ich lebe hier seit 20 Jahren, seit 1999. Als ich herkam, hatte sich die Stadt schon stark verändert. Die Sanierung war schon voll im Gange und Leipzig extrem lebendig. Es gab viel Zuzug. Was ich seither erlebe, ist eine Verarmung in dem Sinne, dass in bestimmten Stadtteilen die Heterogenität verloren gegangen ist. Es ist alles sehr homogen geworden. Das ist schade.

Früher war die Stadt durchmischter?

Die Stadt war komplett durchmischt. Es gab alles überall. Ich habe das als sehr angenehm empfunden, es war bereichernd. In meinem Viertel lebten damals alle zusammen, vom Sozialhilfeempfänger bis zum Professor, vom Oberarzt bis zum Künstler. Das hat sich völlig verändert durch die steigenden Mietpreise, durch Gentrifizierung, eben diese ganzen Prozesse, die auch in vielen anderen deutschen Großstädten stattgefunden haben.

Ich finde Leipzig trotzdem immer noch großartig.

 

Aber Sie leben immer noch hier...

Ich finde Leipzig trotzdem immer noch großartig. Die Stadt hat eine gute Größe. Man kann alles Wichtige mit dem Fahrrad erreichen. Die Stadt bietet unglaublich viel Kultur, vor allem viel Musik. Es gibt viel Grün, viele Seen in der Umgebung. Man kann hier sehr gut leben und sich sehr leicht wohlfühlen. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, hier wegzugehen. Aber ich würde mir wieder ein bisschen mehr Heterogenität in den einzelnen Stadtteilen wünschen.

Arbeiten Sie aktuell an einem neuen Roman?

Gedanklich, ja. Zum Schreiben komme ich im Moment gerade nicht, weil ich auf Lesetour mit meinem Buch bin. Außerdem schreibe ich gerade noch das Drehbuch für meinen ersten Roman.

Die Regisseurin Emily Atef verfilmt »Irgendwann werden wir uns alles erzählen«

 

»Irgendwann werden wir uns alles erzählen« wird verfilmt?

Ja, von Emily Atef, die mit ihrem Film »3 Tage in Quiberon« beim Deutschen Filmpreis 2018 siebenmal ausgezeichnet wurde. Wir schreiben das Drehbuch zusammen. Ich habe noch nie ein Drehbuch für einen Kinofilm geschrieben und lerne sehr viel dabei. Dieses Projekt wird uns noch bis zum Ende des Sommers beschäftigen. Erst danach wird dann ein neues Roman-Projekt Gestalt annehmen können.

Werden die Liebe und die Frauen in Ihren Romanen weiterhin ein Thema sein? Oder gibt es ganz andere Themen, die Sie noch interessieren?

Diese Themen werden sich auf jeden Fall weiter durch alles durchziehen, was ich schreibe. Ich glaube, als Hauptthema, so wie jetzt in diesem Roman, werden sie im nächsten Buch nicht noch einmal auftauchen. Was mich im Moment interessiert, sind Wiederholungsmuster in Familien. Es gibt fast in jeder Familie bestimmte Muster, die sich wiederholen. Manche Muster sind durchaus positiv. Andere sind extrem pathologisch: Die sollte man besser durchbrechen. Wie so etwas geht – und ob es überhaupt geht – wird vermutlich die Grundlage für den nächsten Roman bilden.

Wir sind gespannt! Vielen Dank für das Gespräch, Frau Krien.

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Annekathrin Walther

Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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