Buenos Aires: Im Bann einer Verführerin

Words by Christina Feyerke
Photography: Sasha Stories
Ein urbaner Platz mit alten, gut erhaltenen Gebäuden in weißer Stein-Architektur in Buenos Aires

Anders als bei einer Reihe anderer attraktiver Metropolen auf der Weltkarte wurden der argentinischen Hauptstadt ihre hervorstechendsten Merkmale nicht bequem in die Wiege gelegt. Vielmehr sind sie das erfreuliche Resultat eines langen – wenn auch alles andere als schmerzfreien – Prozesses, der im 19. Jahrhundert seinen Anfang nahm: Zuwanderer aus der Alten Welt injizierten ihre Traditionen und Werte erfolgreich ins Mark der neuen Heimat und bereiteten ihr mit erprobtem Rüstzeug den Weg zu einer ausgereiften, vielfältigen Identität.

 

Eine der lebenswertesten Hauptstädte der Welt

Es waren also Immigranten unterschiedlicher Herkunft, die das faszinierende Potpourri »europäischer« Viertel schufen: Madrid ist jetzt in der Avenida de Mayo, Paris in der Avenida Alvear im Stadtteil Recoleta, Neapel in La Boca. Architektonisch verströmt das Herz von Buenos Aires bis zum heutigen Tag das Flair kolonialer Vergangenheit. Vorwiegend spanische, italienische und französische Einflüsse haben markante Spuren auch in den Bereichen Erziehung, Kunst und Gastronomie hinterlassen. Einheimische Zutaten mischen sich mit europäischen zu einem verträglichen Zufallscocktail aus Nationalitäten, Mentalitäten und Kulturen. Nach wie vor lockt die Stadt Einwanderer an, die eine neue Herausforderung suchen und zu einer ständig wachsenden Diversität beitragen. Buenos Aires wurde durch viele Köpfe und Hände geformt, um schließlich als eine der verlockendsten und lebenswertesten Hauptstädte der Welt gefeiert zu werden. Drei Millionen »Porteños« können kaum irren.

Die Barrios: Ein Streifzug durch dynamische Quartiere

Von Buenos Aires« 48 Vierteln – den barrios – ist San Telmo eines der ältesten und möglicherweise das populärste. Einst residierte in den herrschaftlichen Gebäuden entlang der gepflasterten Straßenzüge die Aristokratie in gewohntem Komfort. Wer die Gegend erkunden möchte, kommt am besten am Wochenende, dann entfesselt sich San Telmo zu einem turbulenten Zirkus aus kunterbunten Aktivitäten. Internationales Publikum schiebt sich ausgelassen und geräuschvoll durch das vibrierende Quartier, immer auf der Suche nach dem einzigartigen Schnappschuss für Kamera oder Kopfkino.

Ein geschultes Auge findet in den Antik-Läden in San Telmo echte Schätze.

Oder es fahndet nach großen und kleinen Schätzen, die in den vielen Geschäften und auf dem Antikmarkt (kein Flohmarkt) auf das Kennerauge neuer Besitzer spekulieren. Und: In San Telmo lebt der Tango wie kaum irgendwo in der Stadt. Hier dürfen sich Einheimische und Gäste gleichermaßen fasziniert in die oft improvisierten Darbietungen leidenschaftlicher Tanzvirtuosen versenken und der unvergleichlichen Musik machtlos erliegen. Das geschieht häufig spontan mitten auf der Straße. Auch wenn man selber keine Tango-Erfahrung mitbringt: Nachzueifern und mitzumachen erhöht den Spaß- und Gänsehautfaktor noch einmal um ein Vielfaches. Und spätestens in solchen Momenten authentischer Atmosphäre greift die Erkenntnis: Ja, das ist Buenos Aires!

San Telmo ist leicht zu Fuß zu bewältigen und liegt nur etwa zehn Gehminuten entfernt von Recoleta, wo eine Reihe hochklassiger Hotels ihre Pforten für anspruchsvolle Kunden geöffnet hält. Eine überaus praktische Konstellation für Reisende innerhalb einer weitläufigen Metropole.

El Ateneo – der vielleicht schönste Bookshop der Welt

Bücherregale statt Theater-Ränge: Der Buchladen El Ateneo ist immer einen Besuch wert!

 

Da wir gerade in Recoleta sind: »El Ateneo« in der Avenida Santa Fe 1860 war – wie man noch gut erkennen kann – in seinem früheren Leben ein prunkvolles Theater. Heute ist es ein nicht minder prächtiger Buchladen, in dessen herrlichem Innern es sich wunderbar stöbern lässt. Ein Besuch des El Ateneo lohnt sich definitiv auch für Lesemuffel.

 

Das modernste, stylishste – und teuerste – Viertel von Buenos Aires ist derzeit Puerto Madero in den alten Docks, deren einst marode Gebäude restauriert und im Zuge der Gentrifizierung einem schickeren Zweck als dem ursprünglichen zugeführt wurden. Wenn Lifestyle, dann hier! Hunderte Lokalitäten mit einem unwiderstehlichen Angebot an appetitlich präsentierten Delikatessen locken zudem nicht nur Menschen mit knurrenden Mägen an die angesagten Ufer des Rio de la Plata. Auch wer nur vorbeischlendert und eigentlich keinen Hunger hat, befindet sich in ständiger Versuchung.

Ein Blick von Oben auf den modernen Stadteil Puerto Madero

Mittendrin: das Faena. Das Luxushotel managt neben seinen gediegenen Unterkünften auch das zwei Häuserblocks entfernte Faena Arts Center – eine zweistöckige von Foster & Partners realisierte Galerie im runderneuerten Los-Molinos-Komplex.

Hohen Ansprüchen genügt auch der Park Tower, ein Luxury Collection Hotel in der Avenida Leandro N. Alem 1193 im barrío Retiro. Das Hotel bietet Gästen neben 181 im Biedermeier-Stil gestalteten Zimmern ein gut ausgestattetes Business Centre, das auch von Privatreisenden gerne in Anspruch genommen wird.

Das barrio Palermo gilt als das eleganteste Wohnviertel und ist erste Wahl, wenn es um die Kombination aus Sicherheit, großartigem Tango, sonntags geöffneten Märkten, tollem Shopping und luxuriösen Unterkünften geht. Ein passendes Beispiel für letztere ist das Boutique-Hotel Algodon Mansion.

Vom Provisorium zum Prunkstück: Die Conventillos sind gehören zu den schönsten Häusern in La Boca.

Ohne sich in der Hafengegend La Boca (»der Mund«) umgesehen zu haben, ist ein Buenos-Aires-Besuch nicht komplett. Besonders sehenswert und typisch für das Quartier: die Conventillos. Sie wurden seinerzeit von mittellosen Immigranten aus Baustoffabfällen wie Wellblech und Holzplanken krude zusammengezimmert – Sperrmüll, den sie heimlich in den nahegelegenen Werften auflasen. Heute leuchten die Conventillos in schönster Farbenpracht und sind die Touristenattraktion schlechthin. Bars, Cantinas, kleine, meist italienische Restaurants, das Téatro La Ribera (Tango!) und einige besuchenswerte Museen und Galerien reihen sich in den zwei dominierenden Straßen dicht aneinander. Wachsam bleiben sollte man in La Boca bei aller Abgelenktheit aber schon, speziell nachts.

Kulturerbe: Ein Füllhorn an Cafés und Bars

Warmes Licht, Marmor, Stuck und roter Samt sorgen für Atmosphäre im Café Tortini.

Buenos Aires schäumt förmlich über vor stimmungsvollen Cafés und Bars. Eine beträchtliche Anzahl davon darf sich mit dem Qualitätssiegel »bares notables « schmücken, nachdem die argentinische Regierung sie offiziell auf ihre Liste des Kulturerbes gesetzt hat. Eines der bekanntesten Cafés ist das »Don Victoriano« (früher »El Gato Negro«) in der Avenida Corrientes im Quartier San Nicolás. Den unangefochtenen Spitzenplatz in der Popularität nimmt aber das Tortoni ein – eine Legende in sich.

Das älteste Café der Stadt wurde 1858 von einem französischen Einwanderer gegründet und liegt heute in der Avenida de Mayo Nr. 825. Die unverwechselbare Innengestaltung, das traditionelle Menü, die formvollendet gekleideten und geschliffen auftretenden Kellner und auch die ausgesuchte Klientel machen den Archetypen unter den lokalen Café-Bars zu einem echten Unikat. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute ist das Tortoni ein willkommener Hafen für Intellektuelle, berühmte Künstler, einflussreiche Politiker, treue Stammkunden – und neugierige Besucher aus aller Welt.

Der mitunter dramatische Verlauf der argentinischen Vergangenheit ist wirkungsvoll eingefangen in den Bildern, den Gedichten und den Büsten bekannter Größen, mit denen die Räumlichkeiten des Tortoni großzügig ausgeschmückt sind. Sie alle erzählen die Geschichte des Cafés aufs Eindrücklichste und untermauern damit noch einmal dessen Bedeutung als tonangebender Treffpunkt einer streitbaren Elite. Auch der musikalische Ton wird nicht vernachlässigt: Shows mit fetzigem Jazz oder melancholischem Tango bilden im Tortoni einen festen Bestandteil des Veranstaltungsprogramms.

Let’s Tango!

Auf Tuchfühlung mit den Ursprüngen des Tango.

Die Geschichte des Tango Argentino begann am Rio de la Plata etwa Ende des 19. Jahrhunderts, wobei der Begriff sowohl für die Musikrichtung als auch für den Tanz steht. In den vergangenen Jahren erfuhr der Tango ein fulminantes Revival; weltweit schossen Tango-Schulen und -Bars wie Pilze aus dem Boden – und tun es noch. In Argentinien heißen die einschlägigen Tango-Bars Milongas.

Schau mir in die Augen, Kleines

Mit wie vielen Milongas Buenos Aires letztlich aufwarten kann, weiß vermutlich niemand ganz genau. Empfehlungen können heikel sein, weil sich zwischen eleganten Etablissements und schäbigen Spelunken ein Universum an Zwischentönen eröffnet. Ein lokaler Insider wagt trotzdem zwei Tipps zu reinerbigen, typischen Tango-Lokalen, wie sie von Einheimischen bevorzugt werden:

In der Milonga Porteño y Bailarín im Stadtteil Monserrat ist gut aufgehoben, wem der Sinn nach einem unverfälschten Tango-Erlebnis steht. Etikette ist sekundär und Status spielt keine Rolle; vielmehr lebt die Bar durch die charmante Melange ihrer Klientel. In der entrückten Welt des Porteño y Bailarín verschwimmen zwischen 23.00 und 04.00 h Zeit und Raum.

In den Milongas erklingt die Musik Astor Piazollas

Im ebenfalls stets stark frequentierten Milonga Salon Canning im Viertel Palermo/Almagro liefert die bekannte Tanztruppe Milonga Parakultural samt Orchester regelmäßig packende Sessions. Das Parkett gilt als besonders tangofreundlich, eine Qualität, die von aficionados weidlich ausgekostet wird. Diese Milonga besitzt schon alleine aufgrund ihrer großzügig ausgelegten Raummaße eine enorme Strahl- und Anziehungskraft.

Beide Bars bieten tangohungrigen Laien an, sich vorab in Einweisungskursen die wichtigsten Schritte anzueignen, um sich hernach bei einem kühlen Drink von den zackig vorbeischwänzelnden, beinschlenkernden Profis noch ein paar extravagante Tricks abzuschauen. Natürlich ist nach den Shows Mitmachen angesagt (könnte spät werden!). Blamieren kann man sich dabei kaum, denn niemand schaut zu. Vielmehr sind fast alle selbst Akteure und als solche mit ihrer eigenen Choreographie und der beim Tango gebotenen Leidenschaftlichkeit samt tiefen Augen-Blicken völlig ausgelastet.

Astor Piazolla ist ein Urgestein des Tango.

Argentinischer Tango und Astor Piazollas eindringliche Bandoneon-Klänge sind untrennbar miteinander verbunden. Der talentierte Musiker komponierte neben mehr als 300 Tangostücken gut 50 Filmthemen und produzierte rund 40 Schallplatten.
Jedes Jahr Mitte August ist Buenos Aires Gastgeber des »Tango Festival & World Cup«, einem zwölftägigen Karneval mit Shows, Ausstellungen, kostenlosen Tanzstunden, Milongas und Konzerten an einer Vielzahl von Veranstaltungsplätzen.

Dieser Artikel vermag den Facettenreichtum von Buenos Aires nicht annähernd darzustellen. Aber vielleicht macht er ja Appetit auf mehr.

Share:

In Christina Feyerke’s internationaler Biografie schlagen knapp 20 Auslandsjahre zu Buche. Zurück in Deutschland begann sie, für Fachmagazine der Veranstaltungswirtschaft zu schreiben. Reisen gehörten auch hier zum regulären Tagesgeschäft. Neben Artikeln für Zeitschriften verfasst sie humorvolle, meist ironische Gedichte und betreibt Goodmeetings, eine englischsprachige Online-Plattform.

Kommentieren