#BookClub Rezension: „Das Gleichgewicht der Welt“

Words by BookClub
Photography: Tim van Kempen auf Unsplash
Tadsch Mahal
 

Buchempfehlung von Gabriela A., 52 Jahre, Lehrerin, Sachsen-Anhalt

»Verstehen Sie, man kann sich nicht irgendwann Linien ziehen und Kästchen bauen und sich dann hartnäckig weigern, sie zu überschreiten. Manchmal muss man seine Misserfolge als Trittsteine zum Erfolg benutzen. Man muss ein feines Gleichgewicht zwischen Hoffnung und Verzweiflung einhalten.«

Dies sagt der Korrektor, den Maneck auf seiner Zugreise weg von seiner geliebten Heimat in den Bergen kennenlernt. Maneck ist auf dem Weg, um ein Studium aufzunehmen, von dem seine Eltern hoffen, dass es ihm eine Zukunft bietet. Denn sein Traum, den kleinen Laden seines Vaters Farok Kohlah weiterzuführen, wird durch die Globalisierung zerstört, da das nach einem Geheimrezept im Keller des Ladens hergestellte und in weitem Umkreis beliebte Erfrischungsgetränk Kaycee (oder auch Kohlahs Cola) Konkurrenz von Riesenkonzernen bekommt, die »Mr. Kohlahs Territorium mit ihrer Managerarroganz, Werbekampagnen und ihren mörderischen Wettbewerbsmethoden [infiltrierten]«. So fällt die Entscheidung, dass Maneck Kühltechnik in Mrs Kohlas Heimatstadt studieren soll.

Ausgestattet mit guten Ratschlägen für das Leben in der Stadt, wo es nicht mehr egal sein wird, ob man arm oder reich ist und welcher Kaste oder Religion man angehört, tritt Maneck seine Reise an. Nach einer sehr unglücklichen Zeit im Studentenwohnheim, die ihren unerträglichen Höhepunkt erreicht, als ältere Studenten Maneck zwingen, 10 Minuten nackt in einem Kühlschrank zu verbringen und danach vor ihren Augen zu kopulieren, bezieht er bei einer ehemaligen Mitschülerin von Mrs Kohlah ein kleines Zimmer.

Eine Wohngemeinschaft – Dina Dalal, die Mieterin der Wohnung , Maneck sowie Ishvar und sein Neffe Omprakash, die für Dina Näharbeiten erledigen – führt uns in dem Buch »Das Gleichgewicht der Welt « von Rohinton Mistry in eine Welt, in der Menschen ihr Schicksal stoisch annehmen und sich so zum Beispiel dem Kastensystem unterordnen, in der aber auch Menschen aufbegehren und dafür teilweise mit dem Tod büßen müssen.

 
Das Gleichgewicht der Welt von Rohinton Mistry

Rohinton Mistry schafft es auf unglaubliche Weise, Menschenschicksale, die auf den ersten Blick scheinbar nichts miteinander zu tun haben, zu verbinden. Man fühlt mit seinen stark gezeichneten Charakteren, empfindet Mitleid, aber auch Wut auf die für unser mitteleuropäisches Verständnis von Recht und Unrecht teilweise unglaublichen Geschehnisse. Indien, ein Land der politischen Verwirrungen und Irrungen, das schwer an seinem kolonialen Erbe zu tragen hat, ein Land, in dem es auch heute noch von Bedeutung ist, in welche Kaste man hineingeboren wird, ist der Ort, den Rohinton Mistry uns so nah bringt. Und all dem liegt eine große philosophische Wahrheit zugrunde, die Mistry dem Leser aber nicht aufzwingt. Vielmehr lässt er den »kleinen Mann« zu Wort kommen – zum Teil mit einem Augenzwinkern, das uns das scheinbar unabwendbare Schicksal mitertragen und aushalten lässt.

Könnte das Gleichgewicht der Welt erhalten bleiben, wenn ein ganzes Volk weinen würde wie der Korrektor, der aufgrund einer plötzlichen Allergie gegen Druckerschwärze seinen Tränenfluss nicht mehr stoppen kann? Was würden all diese Millionen von Tränen anrichten, wenn doch schon »der Flügelschlag eines Schmetterlings um den halben Globus herum atmosphärische Störungen auslösen kann?«

Und so bleibt es den Charakteren wie auch dem Leser, »ein feines Gleichgewicht zwischen Hoffnung und Verzweiflung ein[zu]halten«, um so viel Leid und Unrecht auszuhalten. Mein Fazit – absolut lesenswert!

Vielen Dank, liebe Gabriela A., für diesen tollen Einblick!

Du möchtest mitmachen? Dann schick uns eine Buchrezension oder eine Buchempfehlung an die Adresse info@monda-magazin.de mit dem Betreff #BookClub. Wir veröffentlichen gute Texte in einer Länge zwischen einer und zwei Din-A4-Seite/n bei Schriftgröße 11.

Share:

Wir wollen wissen: Was liest du gerade? Was begeistert dich und warum? Welche Bücher würdest du nicht empfehlen und was sollten am besten alle einmal gelesen haben? Dafür haben wir unseren digitalen Buchclub gegründet. Du möchtest mitmachen? Dann schick uns eine Buchrezension oder eine Buchempfehlung an die Adresse info@monda-magazin.de mit dem Betreff #BookClub. Wir veröffentlichen gute Texte in einer Länge zwischen einer und zwei Din A4 Seite/n bei Schriftgröße 11.

Kommentieren