Vitamin T: Textilkunst? Viel cooler, als du dachtest!

Words by Jana Ahrens
Photography: Phaidon
Vitamin-T: Ein Buch über Textilien

Das wuchtige Buch »Vitamin T – Threads and Textiles in Contemporary Art« aus dem Phaidon Verlag wirkt auf den ersten Blick wie ein klassisches Coffee-Table Book, das hauptsächlich dekorativ auf einen gehobenen Lebensstil aufmerksam machen soll. Doch dieses Coffee-Table-Book hat es echt in sich. 

 

»Vitamin T« ist nicht nur einfach und illustrativ aufgebaut, wie man es von einem guten Buch aus dem Phaidon Verlag erwartet, es ist auch ein kompaktes Kompendium an Wissen, wie es das in dieser Form über Textilkunst sicherlich bisher noch nicht gegeben hat. »Vitamin T« ist Teil einer Serie, in der aktuelle Tendenzen in der Kunst jeweils durch die Linse eines spezifischen Mediums aufgearbeitet werden. Dazu gehören auch die Bücher »Vitamin P« über Malerei (Painting), »Vitamin C« über Kunst aus Keramik (Ceramic) und »Vitamin D« über Zeichnungen (Drawing). 

Trotz allem ist es für KünstlerInnen, die mit dem Medium Textil arbeiten, noch immer recht schwer, in der Welt der bildenden Kunst angemessen repräsentiert zu werden. »Vitamin T« räumt deshalb bewusst auf mit dem Vorurteil, dass textile Objekte primär in den Kontext des Handwerks gehören. Damit schafft das Buch auch eine Plattform besonders für weibliche Künstlerinnen, die sich der künstlerischen Arbeit mit Textilien verschrieben haben. Denn auch wenn es genau falsch wäre, Nadel und Faden vor allem in den Händen der Frauen zu verorten, so ist es für viele von ihnen doch ein Schritt in die Freiheit, dieses Medium abseits des Handwerks auch als feministische Ausdruckform für sich zu vereinnahmen.

Die Tatsache, dass textile Materialien, die mit ihnen verbundenen Werkzeuge und Techniken so gewöhnlich und heimisch sind – auch dass sie durch die menschliche Geschichte hindurch Teil der praktischen Produktion von Alltagsgegenständen waren –, ist sowohl das größte Kapital der Textilkunst-Bewegung als auch ihr größtes Problem.

Jenelle Porter

Phyllida Barlow

Ein besonders beeindruckendes Beispiel für die zeitgenössische Wirkung von Textilkunst sind die Arbeiten der Londoner Künstlerin Phyllida Barlow. Diese verbindet Textilien als weiche Materialien kontrastreich mit Werkstoffen wie Beton, Holz oder Teer. Ihre Installationen sind großformatig und haben architektonische Wucht. Besonders die Installation »untitled: 1000banners2015«, die auf der Art Basel 2017 gezeigt wurde, zeigt, wie rigoros mit textilen Objekten in den Raum eingegriffen werden kann. 

Olga de Amaral

Die Kolumbianerin Olga de Amaral nutzt Fasern und textile Flächen auf ganz andere Art. Sie bildet mit freischwebenden und verwobenen Fäden luftige und robuste Flächen, die Gemälden ähneln und trotzdem in ihrer Leichtigkeit eine ganz eigene Qualität bewahren. Dabei setzt sie folkloristische Techniken ihrer Vorfahren ein, wie Bildwirkerei und Stickerei, um den sehr zeitgenössischen Konflikt zwischen südamerikanischer Avantgarde und westlich-modernistischer Abstraktion auszuhandeln. 

Maria Nepomuceno

Maria Nepomuceno kreiert dreidimensionale Fantasiewelten, in der eine ganz eigene Form der Natürlichkeit zum Ausdruck kommt. Mit einer gebogenen Nadel verbindet Nepomuceno farbige Stricke mit transparenten Angelschnüren und lässt so Installationen entstehen, die immer ein Gefühl von Wiedererkennen auslösen und doch in ihrer Abstraktion Spielraum für Spekulationen belassen. Die in Rio de Janeiro lebende Künstlerin bezieht viele ihrer Materialien aus nordbrasilianischen Communities, die Garne und Seile in Handarbeit anfertigen. Sie kombiniert ihre Textilkunst mit Alltagsgegenständen aus Stroh und Ton und manchmal sogar direkt mit Pflanzen – so zum Beispiel in ihrem Werk »Redemagma«, in dessen Zentrum ein junger Zitronenbaum steht. 

Diese drei Künstlerinnen sind nur ein kleiner, exklusiver Ausschnitt aus der umfangreichen Sammlung von 112 Profilen, die in »Vitamin T« zusammengestellt und wunderschön kuratiert wurden. Allen, die sich mal abseits von Fashion Weeks und Shopping-Trips mit der unerschöpflichen Schönheit von Textilien befassen wollen, sei dieses Buch also wärmstens empfohlen. 

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Dabei interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Zum Schönen gehört natürlich auch, wenn sich komplexe Themen in verständliche Zusammenhänge zerlegen lassen. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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