Boudica – die Kriegergöttin

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Jared Subia auf Unsplash
Lesezeit: 4 Minuten
Boudica hat für ihre Rechte gekämpft

Dies ist der zweite Teil der Geschichte von Boudica, der kriegerischen Königin aus Britannien. 

 

Mutig & furchtlos: Boudica führt ihre Truppen in den Krieg

Zur Zeit der Revolte waren die Icener zwar offiziell Verbündete der Römer, jedoch weniger in den Handel involviert als andere Stämme im Südosten Britanniens. In East Anglia, dem von den Icenern bewohnten Gebiet, gab es kein städtisches Zentrum, und archäologische Funde deuten darauf hin, dass eine klassisch eisenzeitliche Lebensweise vorherrschte. Die Menschen lebten nicht in Städten, sondern in Siedlungen von mit Stroh gedeckten Rundhäusern, und betrieben Agrarwirtschaft. Haufenweise Gold- und Silberschmuck zeugen von ihrem Reichtum. Die Icener hatten ihre eigene Münzprägung und verwendeten kaum importierte Waren. So konnten sie von den politischen, sozialen und kommerziellen Aktivitäten römischer Städte und Kolonialsiedlungen getrennt bleiben. 

Nach dem Tod ihres Mannes, des Icener-Königs Prasutagus, wurde Boudica zur Stammesfürstin. Man weiß nichts Genaues über die in der icenischen Gesellschaft vorherrschenden Geschlechtererwartungen und sozialen Schichten. Was man jedoch mit Sicherheit sagen kann: Die römischen Besatzer stellten Boudicas Autorität und ihre lokale Machtposition in Frage. Was für ihr Volk selbstverständlich zu sein schien, war den kolonialen Unterdrückern offenbar ein Dorn im Auge, und so nahm Boudicas Leben laut Tacitus eine dunkle Wende. Die Römer schlugen sie und vergewaltigten ihre Töchter. Sie versklavten ihre Verwandten und konfiszierten das Land und den Reichtum der Vorfahren des Prasutagus. Dieses aggressive Verhalten brachte Boudica dazu, die Briten zu vereinen, um sich gemeinsam gegen die Besatzer zu erheben. Ihre Motive für die Rache waren persönlich, der Schlüssel zu ihrem Erfolg war ihre Mutterschaft. Ihre Reaktion auf die römischen Aggressionen folgte dem Urinstinkt, ihre Töchter zu rächen.

Boudica und ihr verlorener Kampf

Mit seiner gut ausgebildeten römischen Armee kehrte Suetonius Paulinus eilig aus Mona zurück, um den Aufstand niederzuschmettern. Vor der letzten Schlacht wendete Boudica sich mit einer Kampfrede an ihre Krieger. Sie forderte Gerechtigkeit für alle, die von den Römern angegriffen wurden. Sogar die Götter seien auf ihrer Seite, wie könnten sie also verlieren? Sie behauptete, es sei britischer Brauch, unter weiblicher Führung zu kämpfen, und proklamierte die Notwendigkeit, bei dem Versuch zu gewinnen oder zu sterben. Trotz dieser flammenden Rede gewannen die Römer mühelos in einer einzigen Schlacht. Boudica beging daraufhin Selbstmord. Ähnlich wie Cleopatra zog sie es vor zu sterben, als gefangen genommen und in einem römischen Triumphzug vorgeführt zu werden. 

 

Der Mythos Boudica 

Bei Cassius Dio hingegen hat Boudica amazonenhafte Qualitäten. In seiner Beschreibung ist sie  überaus groß und schrecklich anzusehen. Sie trägt die goldenen Fackel eines Regenten und die bunte Tunika eines Briten. Ihr Blick steckt voll von Mut und Willenskraft, und ihre Haare fallen ihr wie eine Löwenmähne bis zu den Hüften. Sie greift nach einem Speer, um ihre Truppen anzusprechen, und versetzt sie in Ehrfurcht. In ihrer Rede verurteilt sie die Römer, weil diese die Briten durch überhöhte Steuern unterdrückt haben. Sie stellt die Römer als schwach dar, als dem rauen Wetter und unwegsamen Gelände Britanniens nicht gewachsen. Ihre eigene Gesellschaft feiert sie hingegen als beständig und robust. Ihr Volk kenne keine geschlechtsspezifischen Unterschiede: Männer und Frauen in Großbritannien würden alles teilen, einschließlich des Ruhmes auf dem Schlachtfeld. Außerdem feiert sie die Abgeschiedenheit Großbritanniens: Ihr Volk sei »durch den Ozean so weit vom Rest der Menschheit getrennt, dass man glaubt, wir leben auf einer anderen Erde und unter einem anderen Himmel.« Als Boudica stirbt, ehren die Briten sie mit einem großartigen Begräbnis.

Boudica Statue in London

In ihren Reden stellte Boudica  die römische Gier der britischen Freiheit gegenüber. Sie nutzte das Freiheitsversprechen als Motivationsfaktor. Ihr Ziel war die Freiheit von Verfolgung, die Freiheit von Veränderungen, die ihr und den Briten von der Kolonialmacht aufgezwungen wurden. Sie brachte ihre Hochachtung vor dem britannischen Lebensstil zum Ausdruck, der explizit auch die Gleichstellung der Geschlechter umfasste. Trotz ihrer kraftvollen Worte und charismatischen Persönlichkeit ist Boudica letztlich als Militärführerin gescheitert. Ihr Aufstand wurde niedergeschlagen und konnte der römischen Präsenz in Britannien nichts anhaben. Und doch ist er nicht vergessen und wirkt bis heute nach. Boudica wurde zur Ikone mythologisiert und immer wieder neu definiert, um in allen möglichen Kontexten als Identifikationsfigur herhalten zu können. So gilt sie gleichermaßen als Hüterin der britischen Identität und als Verfechterin der Frauenrechte.

Der Geist von Boudica lebt weiter…

Boudica hätte sich kaum vorstellen können, dass ihre Geschichte Jahrtausende überdauern würde, und sie hätte sich auch nicht als Vorbotin des britischen Empire, als nationalistische Figur oder als Symbol für Suffragetten empfunden. Immer wieder wurde ihre Identität an die Zeit angepasst, um für die jeweiligen Ziele als Vergleich herangezogen werden zu können. Elizabeth I. wurde mit der Kriegerin verglichen, Königin Victoria bewunderte sie als Vorreiterin, Margaret Thatcher galt als »Boadicea in pearls«. In jüngerer Zeit wurde Theresa May zur »Brexit Boadicea«. Boudicas Widerstand gegen die Römer wird als Bild für den Aufstand gegen die EU, für den Kampf um den Austritt aus der ungeliebten Gemeinschaft instrumentalisiert. Auch in den USA hat Boudica ihren Platz gefunden. In den 1970er Jahren wurde sie Teil von Judy Chicagos Installation »The Dinner Party« ­– heute das Herzstück des Elizabeth A. Sackler Centers für feministische Kunst im Brooklyn Museum. Als eine von 39 Gästen sitzt Boudica unter anderen Frauen – von der Urgöttin bis zur Künstlerin Georgia O’Keeffe. Ihre Präsenz kennzeichnet sie als feministische Ikone.

Somit erfüllt Boudica weiterhin ein kulturelles Bedürfnis. Heute ist ihre Geschichte besonders für die »weiblichen Kriegerinnen« relevant, die weltweit für die Gleichstellung der Geschlechter kämpfen. Boudica ermöglicht es uns, unsere Sichtweise auf das Konzept der Freiheit zu erweitern, insbesondere in Bezug auf geschlechtsspezifische Vorurteile und kulturelle Konformität. Obwohl unsere Schlachtfelder unterschiedlich sind, eine Botschaft bleibt: Freiheit bedeutet, dass Frauen ihr Leben leben können, ohne befürchten zu müssen, aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt oder verfolgt zu werden. Es wird weiterhin Boudicas geben, solange Frauen die Grenzen dieser Freiheit austesten und neu definieren – eben so lange, bis derartige Grenzen nicht mehr existieren. Dabei werden sie, so wie Boudica einst, auf ihrem Weg ins Straucheln kommen und auch hin und wieder scheitern, doch wie die Geschichte gezeigt hat, auch immer wieder aufstehen, »kämpfen« und siegen! 

Hier geht es zum 1. Teil ihrer spannenden Geschichte

Faszinierende Boudica! Ist sie das Vorbild aller Frauen?

Die Weihnachtszeit ist die Zeit, um bei einem warmen Tee Geschichten zu lesen und zu erzählen. Wir erzählen heute die von Boudica, der kriegerischen Königin aus dem Britannien des ersten nachchristlichen Jahrhunderts. 

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

1 Kommentar

Dr. Giovanni Gallo
#1 — vor 1 Monat 3 Wochen
Was für ein exzellenter Artikel ! BRAVA !

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