#BookClub Rezension: „Die Hochzeit der Chani Kaufman“ von Eve Harris

30.11.2018
Words by BookClub
: „Die Hochzeit der Chani Kaufman“ von Eve Harris

Buchempfehlung von Christina Z., 64 Jahre, Lehrerin im Ruhestand, Baden-Württemberg

„Bist du meschugge?”„Das kommt mir aber nicht ganz koscher vor.”„Der hat‘s total vermasselt.” Wer weiß schon, dass diese und manche anderen Begriffe, die wir in unserem Alltag verwenden, aus dem Jiddischen stammen? Das erfährt man – neben vielen weiteren spannenden Einblicken in die für uns oft fremdartig, ja exotisch anmutende jüdisch-orthodoxe Welt – in „Die Hochzeit der Chani Kaufman“ von Eve Harris. Ich stieß zufällig in unserer schönen Stadtbibliothek darauf, einem meiner Lieblingsorte in meiner Heimatstadt am Bodensee.

Die Hochzeit der Chani Kaufman mit Baruch Levy an einem heißen Tag in London ist die Rahmenhandlung für den Einblick in mehrere unterschiedliche Einzelschicksale aus dieser streng geregelten Welt mit ihren vielen Vorschriften für alle Lebensbereiche, von der Kleidung über das Essen bis hin zum Sexualleben.

Eine jüdisch-orthodoxe Hochzeit
Bildquelle: Fortepan

Die Autorin, Eve Harris, kennt sich in diesem Milieu gut aus. Sie ist die 1973 in London geborene Tochter polnisch-jüdischer Eltern und arbeitete unter anderem an jüdisch-orthodoxen Mädchenschulen in London und Tel Aviv.

In diesem Buch schildert sie unterschiedlichste Menschen mit ihren ganz eigenen Schicksalen und Verwicklungen in teils sehr witzige, teils im Wortsinn todtraurige und zuweilen auch tragikomische Ereignisse. Eve Harris erzählt spannend, detailliert und sinnlich über die vielfältigen Probleme und Herausforderungen, die das von den einen mehr, von den anderen weniger streng praktizierte jüdisch-orthodoxe Leben mit sich bringt. Sie tut dies in einer bilderreichen, zuweilen auch drastischen Sprache, die mich rasch in ihren Bann gezogen hat.

Gleich auf den ersten Seiten beschreibt sie Chanis Brautkleid, ein züchtiges Familienerbstück mit „Lagen kratziger Petticoats”. „Das Kleid knarrte, als sie sich setzte … Nur ihr Gesicht und die Hände bekamen Luft. Der Stoff kroch über das Schlüsselbein und umklammerte ihre Gurgel…” – das ist so plastisch beschrieben, dass es bei mir für einen mitfühlenden Schweißausbruch gesorgt hat.

Drastisch schreibt sie auch über Mrs Kaufman, Chanis Mutter. Die hat das schwere Los, mit acht Töchtern gesegnet zu sein, die alle an den Mann gebracht werden müssen. Eindringlich wird ihr mühseliger Alltag mit den vielen Kindern und den ständigen Geldsorgen geschildert. „Über die Jahre hatte sich ihr Bauch aufgebläht und war wieder erschlafft, wie der Kehlsack eines Ochsenfrosches… ein erschöpfter Berg erschlafften Fleisches, der ohne Pause stillte, beruhigte, tätschelte oder fütterte…“, während Chanis Vater, der schmächtige Rabbi Kaufman, „ein sanfter, stiller Mann… eher geistig als körperlich anwesend war.“

Es zieht sich durch das ganze Buch, dass die Frauen fast durchweg die Stärkeren, Lebenstüchtigeren sind, die den Alltag zu meistern haben, während die Männer den Problemen eher hilflos bis gleichgültig gegenüberstehen. Chani, die Braut, wünscht sich, „dass das alles anders sein würde, wenn sie an der Reihe war.“ Sie ist einerseits aufgeweckt, selbstbewusst und wissbegierig, andererseits aber auch unglaublich ahnungslos und ängstlich, was ihre zukünftige – arrangierte – Ehe mit all ihren Pflichten betrifft.

Chani Kaufmann
Bildquelle: Fortpan

Ebenfalls nicht viel Ahnung hat auch ihr zukünftiger Ehemann Baruch Levy, der aus einer wohlhabenden Familie und einem ganz anderen Milieu als Chani stammt. Intelligent und lernwillig ist auch er, darüber hinaus sehr fromm – er soll eines Tages Rabbi werden. Was seine kommenden Aufgaben als Ehemann angeht, ist er jedoch voller Befürchtungen und Selbstzweifel. So klagt er während der Vermählungsfeier auf der Herrentoilette gegenüber seinem Freund über seine Pflicht in der Hochzeitsnacht: „Was genau tun? Das ist doch der Punkt. Ich weiß nicht, was ich zu tun habe! Ich meine, woher soll ich wissen, was wohin gehört? Wie soll ich es also tun?“

Die Schilderung der Hochzeitsnacht in einem noblen Londoner Hotel ist ein großes Lesevergnügen, wenn auch zuweilen mit etwas bitterem Beigeschmack. Gleiches gilt für die Art und Weise, auf die Baruchs Mutter, die elegante und gut betuchte snobistische Mrs Levy, im Vorfeld der Hochzeitsanbahnung mit raffinierten Intrigen versucht, die Heirat zu verhindern. Die in ihren Augen bettelarme Familie Kaufman erscheint ihr keineswegs standesgemäß für ihren Augapfel Baruch.

All das schildert Eve Harris sehr anschaulich und facettenreich. Ich empfehle dieses Buch, weil es die richtige Mischung bietet zwischen vergnüglicher Unterhaltung und ernsthaften und nachdenklich stimmenden Informationen. Ich fand es spannend, authentische Einblicke in andere Lebensweisen, Einstellungen und Wertvorstellungen zu gewinnen, gerade auch wenn diese zuweilen fremdartig, skurril und nicht leicht nachvollziehbar erscheinen. Es ist bereichernd, sich auf so unterhaltsame Weise mit Toleranz und Respekt darauf einzulassen.

Autorin Eve Harris
Autorin Eve Harris ; Bildquelle: Karolina Urbaniak via Diogenes Verlag

Harris, Eve: Die Hochzeit der Chani Kaufman. Aus dem Englischen von Kathrin Bielfeldt. Zürich: Diogenes, 2018.

Vielen Dank, liebe Christina Z., für diesen tollen Einblick!

Das Beitragsbild ist übrigens von Fortepan

Die letzte Rezension von Waltraud A. findest du hier.

Du möchtest mitmachen? Dann schick uns eine Buchrezension oder eine Buchempfehlung an die Adresse info@monda-magazin.de mit dem Betreff #BookClub. Wir veröffentlichen gute Texte in einer Länge zwischen einer und zwei Din-A4-Seite/n bei Schriftgröße 11.

share:
FacebookPinterest
BookClub

Wir wollen wissen: Was liest du gerade? Was begeistert dich und warum? Welche Bücher würdest du nicht empfehlen und was sollten am besten alle einmal gelesen haben? Dafür haben wir unseren digitalen Buchclub gegründet. Du möchtest mitmachen? Dann schick uns eine Buchrezension oder eine Buchempfehlung an die Adresse info@monda-magazin.de mit dem Betreff #BookClub. Wir veröffentlichen gute Texte in einer Länge zwischen einer und zwei Din A4 Seite/n bei Schriftgröße 11.

kommentieren