#BookClub Rezension: »Bin im Garten« von Meike Winnemuth

Words by Annekathrin Walther
Photography: Felix Amsel
Blonde, ältere Frau mit Haaren bis zum Kinn schaut glücklich zu einer Echinazea-Pflanze in ihrem sonnigen Garten
Den Traum vom eigenen Garten tragen viele in sich – und manchmal auch ihr Leben lang mit sich herum. Irgendwie steckt in der Idee vom Gärtnern ein ganz besonderes Versprechen. Doch was passiert, wenn man die Idee in die Tat umsetzt? Meike Winnemuth hat genau das gemacht. Sie hat das Stadtleben hinter sich gelassen und ist für ein Jahr in ihren Garten an der Ostsee gezogen. Über das Jahr hat sie ein Buch geschrieben. Wir haben es gelesen.
 

Wenn man die Gründe für Erfolg und Misserfolg durchschaut hat und beides nicht für dummen Zufall hält, ist man ein Gärtner.

Meike Winnemuth, Bin im Garten
»Bin im Garten« von Meike Winnemuth

Vor dem Umzug in ihren Garten war Meike Winnemuth so etwas wie eine Schreibtisch-Nomadin. Die 1960 geborene Journalistin und Autorin wurde einem größeren Lesepublikum bekannt, als sie – zunächst auf ihrem Blog  – darüber schrieb, wie sie bei »Wer wird Millionär« eine halbe Million gewann und mit dem Geld in der Tasche ein Jahr lang die Welt bereiste. Aus dem Blog entstand später das Buch Das große Los.

Nach ihrer Rückkehr startete sie ein neues Reise-Schreib-Projekt. Diesmal sollte es ein Jahr lang in 12 verschiedene deutsche Städte gehen. Doch dann kam alles ganz anders als geplant. Nach fünf Monaten überkam sie das Gefühl, kein Zuhause mehr zu haben: Sie kehrte um und wurde – gemeinsam mit ihrem Foxterrier Fiete – in Hamburg sesshaft. 2016 – zwei Jahre später – kaufte sie den Garten mit Wochenendhäuschen 300 Meter von der Ostsee entfernt. Nach und nach wurde er immer mehr zum Erstwohnsitz.

 

Meike Winnemuth in ihrem Refugium

 

So wurde aus einer Schreibtischtäterin eine Gärtnerin. Aber Meike Winnemuth wäre nicht Meike Winnemuth, wenn sie ihre Erfahrungen im stillen Kämmerlein – oder besser gesagt im verwilderten Gärtchen – verbergen würde. Über persönliche Erfahrungen oder zeitlich begrenzte Selbstversuche zu schreiben, ist ihr Ding: in der Vergangenheit, wie beschrieben, in Form von Reiseberichten, aber beispielsweise auch auf einem Blog, auf dem sie darüber berichtete, wie es war, ein Jahr lang jeden Tag dasselbe blaue Kleid anzuziehen. Es ist also nicht überraschend, dass ihr Jahr im Garten in einem Gartentagebuch mündete: Bin im Garten. Ein Jahr wachsen und wachsen lassen erschien 2019 im Penguin Verlag.

 

Garten gestalten heißt Leben gestalten

 

»Bin im Garten« ist ein sehr persönliches Buch, in dem es ums Ankommen und Wurzelnbilden geht. Frau Winnemuth gestaltet ihr bisher rastloses Leben via Gartenarbeit neu. Zugleich lässt sie uns daran teilhaben, dass sie sich an etwas versucht, von dem sie sich nicht sicher ist, ob sie es überhaupt kann. 

Der Garten ist mein Essai dieses Jahr. Ein Versuch, mit der ausdrücklichen Erlaubnis, alles falsch zu machen. Ohne Ziel, ohne Ergebnis. Natürlich nehme ich weiterhin Fachbücher zu Hilfe, natürlich halte ich mich an Ratschläge. Aber was mich in diesen Garten getrieben hat, war nicht zuletzt eine bestimmte Müdigkeit, ein Gefühl der Überwältigung durch eine nicht mehr überschaubare Welt, das Bedürfnis nach Vereinfachung und einem Reset.

Meike Winnemuth, Bin im Garten

Wer sich also Profi-Gartentipps erhofft, wird von diesem Buch erstmal enttäuscht sein. Stattdessen erleben wir das Gärtnern aus der Perspektive einer Außenseiterin, die sich mit der Zeit immer mehr in die Sache reinfuchst und ihr Wissen Stück für Stück erweitert. Sie fragt, googelt und guckt YouTube. Entsprechend kommt dann doch sehr viel Wissenswertes zusammen – oder Hinweise darauf, wo man Wissenswertes finden kann. Jede, die vorhat, selbst zu gärtnern, wird davon profitieren. 

 

Kleine Pause von der Gartenarbeit.

 

Vor allem geht es in »Bin im Garten« aber darum, eine Erfahrung zu teilen. Meike Winnemuth erschafft sich ein Reich voller Leben, Farben, Gerüchen und Geschmäckern und es macht Freude, dabei zu sein. Das Buch ist in leichtfüßiger Sprache geschrieben und liest sich gut. Es ist witzig und voller Ironie. An manchen Stellen war uns die Heiterkeit ein bisschen zu viel. Es ist toll, wenn man über sich lachen kann, gleichzeitig gilt auch, dass eine Person, die sich selbst zum Nerd erklären kann, sehr luxuriös lebt. Bei einem Selbstversuch –  und noch dazu einem, der größtenteils allein im Garten stattfindet – liegt es in der Natur der Sache, dass alles um die eigene Persönlichkeit kreist. Interessant ist, dass die Autorin am Ende selbst davon genug hat:

Mein Plan für nächstes Jahr ist, wieder ein bisschen mehr mitzuspielen in der Welt da draußen. Nützlich zu werden. Denn bei aller Liebe zum Gärtnern: Wenn das Leben zu sehr um die eigene Scholle und den eigenen Bauchnabel kreist, dann ist das einfach nicht genug.

Meike Winnemuth, Bin im Garten

Auch wenn die Idee der Nabelschau irgendwie negativ besetzt ist, muss man sagen, dass es ein Talent ist, wenn es einem gelingt, andere an etwas teilhaben zu lassen, das einem am Herzen liegt. Meike Winnemuth schafft das mit ihrem Buch. Ihr Selbsterkundungstrip mit Schaufel und Spaten beinhaltet wertvolle Erkenntnisse und eine Portion Lebensweisheit. Wer also Lust auf Geschichten vom Buddeln und Pflanzen hat und in Zukunft gerne mit fachsimpeln möchte, ist hier richtig. Ist doch toll, wenn man mitreden kann, wenn andere ihre Marschrüffel oder ihre Wiedehopfhauen vergleichen. Bitte, was? Nein, verraten wir hier nicht. Wer wissen will, was das ist, muss das Buch schon selbst lesen. 

Share:

Annekathrin Walther

Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

Kommentieren