Wie weiblich war die Berlinale 2019?

Words by Annekathrin Walther
Photography: Richard Hübner
Die Regisseurin Nora Fingscheidt erhält den Silbernen Bären auf der Berlinale 2019
Am Sonntag ist die Berlinale 2019 zu Ende gegangen. Die Bären sind vergeben, der rote Teppich ist wieder eingerollt. Die 69. Internationalen Filmfestspiele von Berlin kreisten jedoch nicht nur um Filme und Glamour: Auch eineinhalb Jahre nach #MeToo waren Gleichberechtigung und Diversität gefühlt in aller Munde. Es scheint, als würde sich im Filmgeschäft tatsächlich etwas verändern. Gut so.

 

 

Diese Berlinale war die letzte für Dieter Kosslick. Der Vertrag des Langzeitdirektors, der die Filmfestspiele seit 2001 leitet, läuft im Mai 2019 aus. Eine seiner letzten Amtshandlungen als Direktor war die Unterzeichnung der Erklärung 50/50 bis 2020. Die Bewegung, die 2018 in Frankreich das Licht der Welt erblickte, stellt bestehende Machtverhältnisse im Filmgeschäft in Frage. Unterzeichnende Filmschaffende, Institutionen und Festivals verschreiben sich dem Ziel, bis 2020 ein 50:50-Geschlechterverhältnis herzustellen.

Wachsendes Bewusstsein für Diversität in der Filmbranche

Ein so ehrgeiziges Ziel ist definitiv eine gute Neuigkeit. Zeigt es doch, dass #MeToo nur der Anfang war und so hohe Wellen geschlagen hat, dass das Thema nicht mehr zurück unter den Teppich gekehrt werden kann. Die Filmbranche scheint wachgerüttelt. Gut, wenn endlich das Bewusstsein dafür da ist, dass bestehende Strukturen in Frage gestellt werden müssen.

Angela Schanelec erhält für ihren Film »Ich war zuhause, aber« den Silbernen Bären für die Beste Regie

Wieso, mag die ein oder andere jetzt denken. Die Berlinale war doch auch in diesem Jahr schon ein sehr weibliches Festival. Dieser Eindruck ist nicht komplett falsch: Immerhin war die Internationale Jury in diesem Jahr mit drei Frauen und drei Männern ausgeglichen besetzt. Mit Juliette Binoche stand ihr zudem eine Frau als Jury-Präsidentin vor. Im Wettbewerb um den Goldenen Bären liefen insgesamt 17 Filme, von denen 7 unter weiblicher Regie entstanden sind. Den Goldenen Ehrenbären erhielt die Schauspielerin Charlotte Rampling. Angela Schanelec gewann für ihren Film »Ich war zuhause, aber« den Silbernen Bären für die Beste Regie. Nora Fingscheidt wurde für »Systemsprenger« mit dem Silbernen Bären (Alfred-Bauer-Preis) ausgezeichnet. Wie jedes Jahr seit 2004 veröffentlichte die Berlinale außerdem auch dieses Jahr im Januar ihre eigene Genderevaluation und zeigt damit bereits Potential in Sachen Selbstreflektion. Das klingt alles nicht schlecht. Und trotzdem gibt es noch viel zu tun.

Charlotte Rampling und ihr Goldener Ehrenbär

 Um die Notwendigkeit und Brisanz einer Bewegung wie »50/50 bis 2020« zu begreifen, lohnt es sich, sich bestimmte Zustände noch einmal vor Augen zu führen. 2017 veröffentlichte das Institut für Medienforschung der Universität Rostock eine Studie mit dem Titel »Audiovisuelle Diversität? Geschlechterdarstellung in Film und Fernsehen in Deutschland«. Die Studie analysierte, wie Frauen und Männer in Film- und Fernsehproduktionen dargestellt werden, und zeigte hierbei eklatante Missstände auf.

 

Frauen sind als Protagonistinnen unterrepräsentiert

Tatsächlich sind Frauen als Protagonistinnen – also als die Figuren, deren Geschichte erzählt wird oder die die Handlung einer Geschichte vorantreiben – unterrepräsentiert. Auf zwei männliche Protagonisten kommt, über alle Fernsehprogramme hinweg, eine Protagonistin. Frauen treten also in einem Verhältnis 1:2 als handelnde Personen auf, die das Geschehen vorantreiben und Entscheidungen treffen. Hinzu kommt ein Altersgefälle: Bis Mitte 30 ist das Frauen-Männer-Verhältnis in etwa ausgeglichen. Hiernach schwinden Frauen zunehmend von den Bildschirmen: Ab Mitte 30 verschlechtert sich das Verhältnis auf 1:2. Wirklich finster sieht es für Frauen ab 50 Jahren aus: In dieser Alterskohorte kommen auf eine Frau drei Männer. Dieser Schwund findet auf allen Sendern und über alle Formate und Genres hinweg statt und gilt auch für den Kinofilm.

50:50 im Publikum ist leider noch nicht gleich 50:50 auf der Leinwand

Die Studie fand außerdem heraus, dass das ungleiche Geschlechterverhältnis nicht nur für Filme und Serien gilt. Männer dominieren auch an den Positionen im Programm, wo es nicht um Unterhaltung, sondern um Information geht: Sie treten öfter als Moderator oder Journalist auf, werden häufiger als Experte befragt und sind öfter Sprecher. Besonders erschreckend aber waren die Studienergebnisse in Bezug auf Kinderprogramme: Hier ist nur eine von vier Figuren weiblich, und auch Moderator*innen sind zu zwei Dritteln männlich. Und gerade da, wo man es am wenigsten erwarten würde, in der Fantasiewelt, in der Tierfiguren oder Fabelwesen agieren, ist das Gefälle besonders hoch: Auf eine weibliche Tierfigur kommen neun männliche. Solche Ergebnisse sind nicht harmlos. Im Gegenteil, sie gehen tief – denn wessen Geschichte als relevant, erzählens- und sendenswert empfunden wird, sagt viel darüber aus, wer wir sind.

Mehr Frauen hinter der Kamera bedeutet mehr Frauen auf der Leinwand

Aber Moment, wo ist jetzt der Zusammenhang zwischen der Rostocker Studie und »50/50 bis 2020«? Schließlich geht es bei der französischen Bewegung, der sich nun auch die Berlinale verschrieben hat, nicht um Inhalte, sondern um die Akteure hinter der Kamera. Die Selbstverpflichtung bezieht sich auf die Personen, die Filme machen und produzieren, sie ist keine Aufforderung, Figuren mit einem bestimmten Geschlecht den Vorrang in den Geschichten zu geben, die Filme erzählen.

Mehr Frauen hinter die Kameras, bitte!

Aber genau an dieser Stelle muss man ansetzen, wenn man insgesamt etwas verändern möchte. Die Rostocker Wissenschaftlerinnen formulieren klar, dass das Geschlecht eines Produktionsteams die Sichtbarkeit von Frauen beeinflusst. Wenn Frauen an der Produktion, der Regie oder am Drehbuch beteiligt sind, sieht man auch mehr weibliche Hauptrollen. »50/50 bis 2020« ist also auch deshalb wichtig, weil gerechtere Geschlechterverhältnisse hinter der Kamera Einfluss auf Inhalte nehmen, ohne sie jedoch konkret vorzuschreiben. Eine Gesellschaft profitiert von allen Geschlechterperspektiven: weiblichen, männlichen, non-binären. Wir müssen uns bewusst machen, dass sehr wohl ein Zusammenhang dazwischen besteht, wer unsere Filme macht und was wir dann als Ergebnis zu sehen bekommen. Dass die Berlinale sich an dieser Stelle – genau wie auch schon die Festivals von Cannes und Venedig – der Wachsamkeit verschreibt, ist absolut zu begrüßen.

Zukunft der Berlinale

Nächstes Jahr wird sich sowieso einiges ändern: Mit dem Italiener Carlo Chatrian und der Niederländerin Mariette Rissenbeek übernimmt erstmals ein Mann-Frau-Chefgespann die Leitung der Berlinale. Mit diesen Berufungen wird definitiv ein richtiges Signal gesendet. Es wird dann zu überprüfen sein, wie viel Dieter Kosslicks Unterschrift unter der »50/50 bis 2020«-Erklärung gebracht hat. Von allem, was jetzt angestoßen wurde, müssen auch Ergebnisse eingefordert werden. Dann könnte sich tatsächlich dauerhaft verändern, was wir in Kino und Fernsehen zu sehen bekommen. 

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Annekathrin Walther

Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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