Anne Ratte-Polle über »Es gilt das gesprochene Wort«

Words by Jana Ahrens
Photography: Mathias Bothor
Portrait einer Frau mit dunkelblonden über-schulterlangen Haaren und blauen Augen. Sie lächelt geradeaus in die Kamera.

Der Kinofilm »Es gilt das gesprochene Wort« ist ein echter Glücksfall. Wenn es ein Liebesfilm schafft, einerseits Herzen zu öffnen und andererseits völlig unkitschig und mit trockenem Humor starke Charaktere aufeinander treffen zu lassen, dann ist der Gang ins Kino eigentlich Pflicht. Wie sich diese Besonderheiten um einen Plot über eine interkulturelle Scheinehe ergeben können, haben wir mit der Hauptdarstellerin Anne Ratte-Polle besprochen.

 

Man könnte den Plot von »Es gilt das gesprochene Wort« mit ähnlichen Worten beschreiben wie den von »Pretty Woman«: Wohlhabender Mensch mit prestigeträchtiger Karriere rettet einen anderen Menschen aus der Sexarbeit. Doch Richard Gere ist in diesem Fall eine Frau und »gerettet« wird ein Prostituierter. Und das ist nicht der einzige Unterschied.

Im Gegensatz zum Drehbuch von Pretty Woman, lassen die Autoren vom »gesprochenen Wort« all ihren Charakteren zu jedem Zeitpunkt ihre Würde. Sie zeigen, dass in Situationen wie diesen kein Moment eindimensional ist. Sie lassen eine Liebesgeschichte passieren, die neben Drama auch Kraft, Ruhe und eine große Portion Humor liefert. So entsteht ein Film, der einen gelungenen Spagat zwischen Unterhaltungskino und Art-House-Seelenstriptease macht. Und damit eine ganz neue Facette deutsches Kino zeigt. Kein Wunder also, dass Anne Ratte-Polle, die im Film Marion – die wichtigste weibliche Rolle – spielt, sowohl vom Drehbuch, als auch von der Regie und ihren Kollegen total begeistert ist.

Was hast du gedacht, als du das Drehbuch zum ersten Mal gelesen hast? 

Ich war total beglückt. Ich fand die Frauenfigur supertoll! Endlich mal so eine Frau zu spielen, die eine komplette Macherin ist, das ist etwas ganz Besonderes. Dann ist Marion, so heißt die Figur, auch noch Pilotin. Und ich mag diese Welt des Fliegens mit all ihren Klischees sehr gern. Sie erinnert mich stilistisch ein bisschen an die 60er. Diese abgeschlossene und abgehobene Parallelwelt, die auch komisch sein kann. Denn als Passagier gibt man sich völlig ab, begibt sich im Transit in all diese komischen Glasräume und ist dann umgeben von diesen wichtigen Stewardessen und Piloten. Das erinnert mich an Jaques Tati Filme. Zum Beispiel Playtime.

Man muss alles sehr unter Kontrolle haben…Marion ist ja nicht nur Pilotin, sondern auch Captain.

Vielleicht auch, weil es zugleich etwas so Maschinelles hat? Und Marion ist ja im Film auch eine Persönlichkeit, die erst mal vor allem total funktioniert.

Das finde ich sehr interessant am Leben einer Pilotin. Das ist ja sehr unsicher. Du bist in der Luft und immer auf Sicherheit bedacht. Du musst auch Sicherheit ausstrahlen, damit die Leute Vertrauen haben und sich gut fühlen. Denn sonst kommt Unruhe auf und das bringt Unsicherheit mit sich. In diesem Job gibt es sehr viele Check-Up-Listen, die man führen muss. Man muss alles sehr unter Kontrolle haben. Und vor allem auch noch als Captain. Marion ist ja nicht nur Pilotin, sondern auch Captain. Captain und Copilot sind sich gegenseitig die Lebensversicherung. Die müssen sich gegenseitig beobachten und schauen, ob der Kollege oder die Kollegin auch alles richtig macht. Und In der Regel kennen die sich nicht.

Anne Ratte-Polle als Marion und Godehard Giese als Raphael geraten aneinander.

 

Da gibt es diese sehr prägnante Situation im Film, in der wir Marion im Cockpit mit ihrem Copiloten sehen. Er wirkt sehr entspannt und auch unkonzentriert, plaudert eine Weile, blättert durch eine Zeitschrift und verpasst offensichtlich seinen Einsatz. Marion scheint so viel Nähe auszustrahlen, dass sich der Copilot hier bemüßigt fühlt, ein bisschen über die Grenzen zu gehen. Sie setzt dann aber ganz klar die Grenze und übernimmt und verpasst ihm einen ordentlichen Dämpfer.

Ja, das ist ganz wichtig. Ich habe mit Piloten und Pilotinnen zu dieser Szene gesprochen. Ich wollte wissen: Was ist das für eine Situation? Man kennt diese ganzen Begrifflichkeiten als Laie oder als Passagierin ja nicht. Man fliegt auf bestimmten Frequenzen und wenn man einen bestimmten Frequenzbereich verlässt, dann wird das per Funk kommuniziert. Da kommen permanent Durchsagen, weil man auf diesem Kanal auch die Kommunikation von allen anderen hört, die drum herum fliegen. Es ist ein permanenter Informationsfluss und man muss sehr genau checken, wenn man in diesem Ansagen-Strom gemeint ist. Deshalb kommt dann die Nachfrage: »Do you read me?« Also: Haben sie verstanden? Und man muss einfach nur antworten: Ja, hab ich verstanden.

 

Das Fliegen war ja, bevor es Passagierflugzeuge gab, einfach ein Mittel um Bomben zu werfen.

Wenn aber nach drei »Do you read me«-Anfragen keine Reaktion kommt, dann muss übernommen werden. Im Cockpit läuft dazu ständig ein Mikrofon mit, das alles aufzeichnet, was gesprochen wird. Alles ist komplett überwacht, damit nichts passiert. Deshalb musste ich in dieser Szene, als ich übernommen habe, die Ansage machen: »I take communication.« Das muss alles in dieser speziellen ›kriegerischen‹ Sprache passieren. Denn das Fliegen war ja, bevor es Passagierflugzeuge gab, einfach ein Mittel um Bomben zu werfen. Deswegen ist diese ganze Sprache im Cockpit auch noch geprägt vom Krieg.

Hast Du mit dem Regisseur gemeinsam daran gearbeitet, dass speziell diese Szene so gut den Charakter der Hauptfigur Marion widerspiegelt?

Die Szene war von Anfang an so da. Auch das Marion ihren Copiloten unterbricht. Ich bin ab einem Punkt dazugekommen, als es um Detailfragen ging. Mir ist es wichtig, dass solche Szenen realistisch sind. Jeder Beruf macht ja was mit einem. Und deshalb habe ich mich sehr mit diesem Piloten-Dasein und dem Versuch, alles zu kontrollieren, beschäftigt. Denn das ist ja auch später im Privatleben von Marion wichtig. Sie wird krank, darf nicht mehr diesen geliebten Beruf ausüben, ihr ganzes Leben bricht ein wie ein Kartenhaus. Und dann tritt da jemand völlig unerwartet in ihr Leben. Das energetisiert sie irgendwie. Sie lässt sich auf diese Scheinehe ein, bereitet aber detailliert vor. Sie baut tausend Sicherheitsfaktoren ein, damit nichts schiefgeht. Wie die Checklisten beim Fliegen. Denn es kann ja sein, dass Baran, ihr Schein-Ehemann, sie belügt oder ihr schadet. Sie weiß nicht: Kann sie ihm trauen, oder nicht? Nutzt er sie aus, oder nicht?

Das ist auch sehr interessant zu beobachten: Wie Marion in einer absoluten Krisen-Situation mit Hilfe dieser Hochzeit unglaubliche Kräfte mobilisiert.

Bei ihr geht’s um Leben und Tod und sie wird gezwungen auf ihr ganzes Leben zu schauen. Sie lebt für ihren Beruf, das ist ihr Ein und Alles. Fliegen kann ja auch so eine Art Narkotikum sein. So geht’s mir jedenfalls, besonders nach einem Langstreckenflug. Der Flug selber und auch der Jetlag: Man ist in einer Art Parallelwelt. Marion bewegt sich einfach im permanenten Jetlag, wenn man so will. Sie schwebt gern. Ihr Element ist die Luft. Das ist wie eine Sucht. In der Luft kann man auch nicht stehenbleiben, sonst stürzt man ab. Man braucht also ständig High-Speed, um oben zu bleiben. Das ist ihr Lebenselixier. Durch die Krankheit wird sie gezwungen auf der Erde zu sein, zu gehen, Auto zu fahren, statt zu fliegen. Dann brechen viele Themen auf, die sie nicht wirklich bearbeitet hat. Das fand ich an dem Drehbuch sehr gut: Es gibt für Marion viele Baustellen. Aber die Figur ist nie selbstmitleidig, sondern geht damit um und alle anderen in dem Film eigentlich auch. Sie gehen mit den Umständen um, so gut sie können. Marions Beziehung zu ihrer Affäre ist ein ständiges Spiel. In diesem Spiel machen sie gute Witze, sie pokern mit Gefühlen. Dadurch reden sie sehr viel aneinander vorbei. Das gibt auch Sicherheit, denn sie müssen sich nicht wirklich zeigen. Das können sie beide nicht.

 

Das scheint eine Bedingung zu sein für diese Beziehung. Immer wenn die beiden auch nur in die Nähe von « sich zeigen« kommen, entsteht wieder diese Spielerei.

Mit Baran, mit dem Marion die Schein-Ehe eingeht, funktioniert das nicht. Das überrascht Marion. Das ist komplett neu für sie. Und sehr interessant. Vielleicht hat er auch deshalb so eine hohe Anziehungskraft auf sie, vom ersten Moment an. Er löst etwas völlig Unerwartetes in ihr aus, wenn er in ihr Leben tritt mit: »Please marry me, I have to get out from here!« Damit kann sie etwas anfangen. Es ist absurd, aber sehr konkret und lenkt ihren Fokus auf ihre Kraft, nicht auf ihre Krankheit.

Weil sie davon ausgeht, dass sie das kontrollieren kann?

Richtig. Sie plant alles ganz genau: Seine Wohnung, seinen Job und in drei Jahren wird er dann ja eh abhauen. Das ist ihre Idee. Sie geht davon aus, dass sie bis dahin auch ihre eigene Krise überstanden hat. Vielleicht ist die Ehe mit Baran auch eine Art Beschäftigungstherapie? Es bleibt das Geheimnis von Marion, warum sie das gemacht hat.

Seite 2

Dieser Liebesfilm ist ein Glücksfall für das deutsche Kino

Lässt sich eine Scheinehe einfacher kontrollieren als eine Liebesehe? Im Film »Es gilt das gesprochene Wort« hat sich Marion, gespielt von Anne Ratte-Polle, für eine Scheinehe entschieden. Im Interview erzählt die Schauspielerin, wie es war, sich in diese Rolle einzufühlen. 

Share:

Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Dabei interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Zum Schönen gehört natürlich auch, wenn sich komplexe Themen in verständliche Zusammenhänge zerlegen lassen. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

Kommentieren