60 Jahre Barbie: Ein Grund zum Feiern?

Words by Annekathrin Walther
Photography: Mattel
Sechs Barbiepuppen mit unterschiedlichen Körperformen, Haut- und Haarfarben stehen nebeneinander
Am 9. März 2019 ist Barbie 60 Jahre alt geworden. Sie war schon immer eine umstrittene Puppe. Wir gratulieren nachträglich – und geben ihr außerdem einen Tritt in ihren winzigen Allerwertesten.
 

Die Geschichte von Barbara Millicent Roberts – so heißt Barbie mit vollem Namen – ist eine Erfolgsgeschichte. Seit nunmehr 60 Jahren ist sie eine feste Größe in den Kinderzimmern. Menschen weltweit haben sofort ein Bild vor Augen, wenn jemand »Barbie« sagt. Ihr Universum wird in 150 Ländern vertrieben, und sie ist die Hauptfigur in Büchern, Filmen und Computerspielen. Ihr Einfluss war – und ist – jedoch aus unterschiedlichen Gründen nicht überall und von jeder gern gesehen.

Die 29,21 cm große Puppe wird noch immer vor allem für das Körperbild kritisiert, das sie vermittelt. Die klassische Barbie-Körperform mit den elend langen Beinen, den großen Brüsten und der Wespentaille entspricht offensichtlich keiner Körperform einer realen Frau. Frauen der 68er-Generation waren die ersten, die Barbie hierfür hart kritisierten und die Puppe ablehnten. Seither reißen die Diskussionen um die Frage nicht ab, was man Mädchen mitgibt, wenn man sie so früh einem solchen Schönheitsideal aussetzt.

Meerjungfrau-Barbie: Schön und an Land maximal hilflos

 

Diese – wie wir finden – durchaus berechtigte Kritik am Barbie-Körper war jedoch nicht die erste, der die Puppe ausgesetzt war. Als Barbie 1959 zum ersten Mal auf einer Spielzeugmesse in New York präsentiert wurde, wollte sie keiner haben. Jedoch nicht, weil sie große Brüste hatte, sondern weil sie überhaupt Brüste hatte. Die Firma Mattel präsentierte damals mit Barbie eine absolute Neuheit. Die – vornehmlich männlichen – Einkäufer auf der Spielzeugmesse lehnten eine voll entwickelte Frau, die von den Kindern auch noch an- und wieder ausgezogen werden konnte, als Spielzeug rigoros ab. Offenbar ging von einem nackten weiblichen Körper Gefahr aus, auch wenn er aus Plastik war.

Ruth Handler erfand Barbie

 

Barbies Nacktheit und die Tatsache, dass sie an- und ausgezogen werden konnte, war jedoch von Beginn an zentral für die Puppe. Ruth Handler, Barbie-Erfinderin und Mitbegründerin der Firma Mattel, hatte sich vom Spielverhalten ihrer eigenen Tochter inspirieren lassen: Barbara war großer Fan von Pappfiguren, die ihre Mutter für sie ausschnitt und denen man verschiedene Kleidungsstücke anziehen konnte. Nun war es nichts grundsätzlich Neues, dass Puppen an- und ausgezogen werden konnten. Und doch verschob Barbie damit geltende Maßstäbe: Denn die Puppe konnte nicht nur die Kleider wechseln, sondern auch problemlos in unterschiedlichste Situationen gebracht werden. Damit krempelte sie das Konzept »mit Puppen spielen« radikal um. Bisher waren Puppen immer kleine Babys oder zumindest Kinder gewesen, mit denen – hauptsächlich – Mädchen schon im Spiel auf eine Mutterrolle festgelegt wurden. Mit der erwachsenen, unabhängigen Barbie öffneten sich neue Möglichkeitsräume: Mädchen konnten im Spiel jetzt auch etwas anderes sein als kleine Mamas. Genau das war Handler ein Anliegen. Als berufstätige Mutter wollte sie, dass kleine Mädchen in ihren Puppen nicht nur ihre »Kinder« sahen, sondern vor allem auch sich selbst. Barbie sollte eine Karriere haben und ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen. Das traf offenbar einen Nerv, und so konnten die ersten Kritiker den Erfolg der Puppe auch nicht aufhalten. Obwohl Barbie auf der Spielwarenmesse durchgefallen war, fanden doch einige wenige Exemplare den Weg in die Läden. Die Nachfrage setzte prompt ein. Ruth Handler hatte das richtige Gespür gehabt.

Aktuelle Barbie-Karrierepuppen

 

In Barbies Anfängen steckte also durchaus Gedankengut, das für die damalige Zeit fortschrittlich war. Die erste Barbie kam übrigens zunächst problemlos ohne Mann aus. Ken, ihr männliches Pendant, kam erst 1961 auf den Markt. Wie alles andere im Barbie-Universum – Traumhaus, Wohnmobil etc. – wurde er von Anfang an separat verkauft. Auch in Bezug auf ihre Karriere war Barbie fortschrittlich: Noch bevor eine Frau ins All geflogen war, war Barbie Astronautin. Lange vor Hilary Clinton war sie Präsidentschaftskandidatin.

Unter den wechselnden Uniformen und Kostümen blieb sie jedoch lange Zeit unverändert. Mit der Frauenbewegung der 60er und 70er Jahre wuchs das Bewusstsein dafür, dass es vielleicht grundsätzlich nett ist, wenn ein nackter weiblicher Plastikkörper im Kinderzimmer herumliegen darf. Es wurde aber fortan auch formuliert, dass es gleichzeitig überhaupt nicht egal ist, wie dieser weibliche Körper aussieht oder welche Hautfarbe er hat. Erst 1980 wurde die erste afro-amerikanische Barbie auf den Markt gebracht.

Becky: Die erste Barbie-Puppe im Rollstuhl

 

Apropos Körper: 1997 wagte Mattel einen Schritt weg vom »perfekten« Körper hin zu mehr Vielfalt. Barbies Freundin Becky wurde auf die Bühne gerollt, denn sie saß im Rollstuhl. Dieser wurde ihr jedoch schnell zum Verhängnis, denn er passte weder durch die Tür des Traumhauses noch in den Fahrstuhl. In einem nicht-barrierefreien Barbie-Universum konnte Becky sich nicht lange halten und ihre Produktion wurde wieder eingestellt, obwohl sie sich nicht schlecht verkauft hatte.

Auch die Idee von Barbie als Karrierefrau bekam an bestimmten Stellen Risse. 2010 wagte Barbie einen kurzen Einstieg in die Männerdomäne Computer und alles ging schief. Das Buch »Barbie: I Can Be a Computer Engineer« zeigte, dass Barbie eben doch nicht einfach Karriere, sondern eine bestimmte Art von Karriere machen sollte: In der Geschichte hatte Barbie sich ein Computerprogramm überlegt. Ihrer kleinen Schwester Skipper erklärte sie jedoch, dass sie zwar das Design gemacht habe, nun aber männliche Hilfe brauchen würde, um das eigentliche Programm zu schreiben: »I’ll need Steven’s and Brian’s help to turn it into a real game!«. Noch 2010 galt somit: Sie kann – oder darf – designen. Aber programmieren kann – oder darf – sie nicht.

Curvy, tall und petite: Barbie wird diverser

 

Beide Beispiele sind deshalb so interessant, weil Mattel sich aktuell darum bemüht, die Fehler der Vergangenheit nicht noch einmal zu machen. Im Februar 2019 kündigte Mattel sowohl eine Barbie im Rollstuhl als auch eine Barbie mit Prothese an. Bereits 2016 wurden drei unterschiedliche Körpertypen eingeführt – petite, tall und curvy –, nächstes Jahr soll ein weiterer dazukommen, mit weniger Oberweite, weniger Wespentaille und kräftigeren Armen. Auch im Bereich Karriere geht es weiter: 2016 wurde die computeraffine Barbie neu aufgelegt. Sie hat rote Haare, trägt Turnschuhe, und auf ihrem Laptop steht echter Code. Mit Game-Developer-Barbie hat das Universum nun also auch eine durchaus repräsentative Tech-Figur.

Game-Developper-Barbie: Eine repräsentative Tech-Figur?

 

 

Auch wenn Kritik an Barbie angebracht bleibt, ist also nicht alles nur schlecht. Letztlich scheint Barbie vor allem das Resultat der Trägheit von gesellschaftlichen Veränderungen zu sein. Die erste Rollstuhl-Barbie und der erste vermasselte Versuch, Barbie als Computerspezialistin zu etablieren, zeigen gut, dass Rückständigkeit gerade dann überdeutlich werden kann, sobald man sich am Fortschritt versucht. Richtig blöd ist, wenn man aus dieser Erkenntnis gar nichts lernt. Mattel hat in 60 Jahren immerhin einiges dazugelernt. Nur wird Barbie leider immer noch als Pinkbombe präsentiert. Ernsthaft, muss das sein?!

Herzlichen Glückwunsch zum 60.!

 

Es gibt noch viel zu tun. Das Bild bzw. die Vorstellung, die wir sofort im Kopf haben, wenn wir »Barbie« denken, wird sich erst dann verändern, wenn niemand mehr auf die Idee kommt, kleinen Mädchen das Gefühl zu vermitteln, dass sie Astronautinnen, Ärztinnen und Bauarbeiterinnen sein dürfen, dabei aber doch bitte gleichzeitig schön sein müssen. In der Zwischenzeit gratulieren wir trotzdem. Also: Herzlichen Glückwunsch zum 60.! Lass die Finger vom Botox! Und auch wenn du das Gefühl hast, dich vielleicht schon ganz viel zu trauen, können wir nicht umhin, dir noch einen Tritt in deinen winzigen Allerwertesten zu verpassen: Trau dich mehr, Barbara!

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Annekathrin Walther

Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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