Bist du über die Vulva im Bilde? Mit diesem Comic: Ja.

Words by Annekathrin Walther
Photography: Malvestida Magazine
2 Finger einer Frau mit rot lackierten Nägeln, die vorsichtig die Blütenmitte eine rosa Chrysantheme streicheln

Vulva und Menstruation – zwei alltägliche Themen, über die wir noch immer zu wenig wissen und über die noch immer zu wenig gesprochen wird. Glücklicherweise gibt es den Comic »Der Ursprung der Welt« von Liv Strömquist. Darin vermittelt die schwedische Comiczeichnerin wichtige Fakten zum weiblichen Geschlechtsorgan und erklärt mit viel Witz, Verve und Wut, wie sich bestehende Wissenslücken und Tabus entwickelt haben.

»Der Ursprung der Welt« von Liv Strömquist
 

Wissen ist Macht

»Der Ursprung der Welt« erschien 2017 im Avant Verlag und war der erste Comic der Schwedin Liv Strömquist, der auf Deutsch herauskam. In Schweden wurde das Buch unter dem Titel »Kunskapens fruk« bereits 2014 veröffentlicht. Auf Deutsch bedeutet »Kunskapens frukt« so viel wie »Die Frucht des Wissens«, und dieser Originaltitel beschreibt sehr gut, worum es Strömquist mit ihrem Comic geht. Ihre Zeichnungen vermitteln grundlegendes Wissen über den weiblichen Körper und erklären, warum es dieses Wissen über viele Jahrhunderte nicht gab oder warum es verschwiegen wurde. Wissen über unseren Körper ist jedoch eine wichtige Grundlage unserer Selbstwahrnehmung und unserer Wahrnehmung der Welt. Je mehr wir über uns selbst wissen, desto mächtiger sind wir und desto besser können wir auch sagen, was wir wollen und was wir nicht wollen. Mit »Der Ursprung der Welt« verhilft Strömquist ihren Leserinnen und Lesern also zu ein bisschen mehr Macht.

»L’origine du monde« von Gustave Courbet

Die sehr freie Übersetzung des Titels ins Deutsche (von Katharina Erben) ist interessant, weil sie auf ein anderes – zum Thema sehr gut passendes – Kunstwerk verweist: »L’Origine du monde« – also »Der Ursprung der Welt« – ist auch der Titel eines Gemäldes, das der französische Künstler Gustave Courbet im Jahr 1866 malte. Courbets Bild zeigt die Vulva einer liegenden Frau mit gespreizten Beinen. Das Gemälde, das als eine Auftragsarbeit entstand, befand sich viele Jahre in Privatbesitz. Erst 1988 – über hundert Jahre nach seiner Entstehung – wurde es erstmals öffentlich ausgestellt.

Zu den Personen, die das Bild besaßen, gehörten zwischen 1955 und 1981 der französische Psychoanalytiker Jaques Lacan und seine Frau, die Schauspielerin Sylvia Bataille. Sie hängten das Gemälde in ihrem Landsitz zwar auf, ließen sich allerdings einen verschiebbaren Doppelrahmen anfertigen, durch den das Bild jederzeit hinter einem anderen Bild – einer Landschaftsmalerei – verborgen werden konnte. Mittlerweile hängt das Bild im Pariser Musée d’Orsay, doch auch heute ist die öffentliche Zurschaustellung einer Vulva noch keine Selbstverständlichkeit. Wie kann das sein, wenn doch zugleich an jedem öffentlichen Brunnen ein Steinmännchen seinen Pullermann zeigt?

Was ist das »weibliche Geschlechtsorgan«? Liv Strömquist erklärt.

Mit genau dieser Form von gesellschaftlicher Tabuisierung der weiblichen Geschlechtsorgane setzt sich Liv Strömquist in ihrem Comic auseinander und zeichnet damit eine Kulturgeschichte der Vulva.

Liv Strömquist: Autorin, Feministin, Radiomoderatorin
 

Kulturgeschichte der Vulva

Strömquist legt unter anderem dar, dass das biologische Geschlecht eben nicht einfach das biologische Geschlecht ist, sondern durch die Jahrhunderte konstruiert und rekonstruiert wurde. Allein das Wort Vulva, welches die äußeren primären Geschlechtsorgane der Frau bezeichnet, wird bis heute kaum gebraucht, obwohl es korrekt ist. Stattdessen hat sich das Wort Vagina durchgesetzt, was – so Strömquist – dazu geführt hat, dass weibliche Sexualität vor allem mit einem Loch assoziiert wird. Ein Loch, in das – Evolution sei Dank – ein Penis passt. Die Klitoris – und somit ein sehr wichtiger Teil der weiblichen Sexualität – war und blieb lange Zeit ein blinder Fleck. Erst 1998 wurde die Vulva von Helen O’Connell vom Royal Melbourne Hospital umfassend beschrieben und ihre Beschreibung einer großen Öffentlichkeit bekannt. O’Connell stellte dar, dass die Klitoris insgesamt sehr viel größer ist als angenommen und dass es sowohl eine weibliche Erektion als auch eine weibliche Ejakulation gibt.

 
John Kellogg war laut Liv Strömquist einer der Männer, die sich »zu sehr für das weibliche Geschlechtsorgan interessierten«.

Geschlechtsorgane und Sexualität eigneten sich hervorragend für die Projektion von Ideen, wie ungleich Männer und Frauen seien.

Der Ursprung der Welt

Einige Passagen von Strömquists Buch sind ziemlich hart: Dazu gehört der Teil, in dem sie beschreibt, wozu Irrtümer, Fehlinterpretationen und Experimente von Männern in Bezug auf das weibliche Geschlechtsorgan teilweise geführt haben. Dann sind da noch die zitierten Zuschriften von Mädchen und Frauen, in denen es um Sexualität, Menstruation und Scham geht. Die Form des Comics bringt diese Passagen in eine erträgliche Form. Strömquist begegnet dem Unangenehmen mit viel Sarkasmus und Witz. Aus heutiger Sicht scheint vieles davon absurd – vieles aber leider auch nicht. Strömquist ist zu Recht wütend und scheint gleichzeitig zu wissen, dass Aufklärung und Fakten letztendlich den längeren Atem haben werden.

Keine soll sich schämen müssen.

In Bezug auf die Vulva und auf Menstruation müssen Hemmungen und Tabus nicht Hemmungen und Tabus bleiben. Es spricht nichts dagegen, die zu behalten, die uns etwas nützen. Die Unnützen können wir aber getrost über Bord werfen. »Der Ursprung der Welt« wird dazu beitragen, dass Bilder von Vulven nicht mehr von Landschaftsgemälden überdeckt werden müssen. Der Comic ist schon jetzt ein Klassiker der feministischen Literatur und ein Segen für kommende Generationen von Kindern, die sich ein umfassendes Bild von Sexualität machen wollen.

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Annekathrin Walther

Freie Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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