Rasende Maschinen

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Claudia Marisa mit ernstem Blick
Bist du schon einmal mit 200 Kilometern pro Stunde über die Autobahn gerauscht? Eine Folge meines Lieblingspodcasts macht erschreckend deutlich, wie wahnsinnig das eigentlich ist.
 

Ich bin ein großer Fan des »ZEIT Verbrechen«-Podcasts, in dem Sabine Rückert, stellvertretende ZEIT-Chefredakteurin und Herausgeberin des Magazins »ZEIT Verbrechen«, und Andreas Sentker, Leiter des Wissensressorts der ZEIT, wahre Kriminalfälle aus Deutschland besprechen. Die zum Teil unfassbaren Geschehnisse rekonstruieren die beiden auf eine so spannende Art und Weise, dass man als Zuhörer*in zuweilen das Gefühl bekommt, selbst am Tatort gewesen zu sein. Das liegt vor allem daran, dass Sabine Rückert die Fälle (mal mehr, mal weniger) intensiv als Gerichtsreporterin begleitet hat und sogar bis heute noch Kontakt zu einigen Opfern und Tätern hält. In der Folge »Der Tod im Rückspiegel« vom 12. März 2019 geht es um einen Fall, der aufgrund der aktuellen Tempolimit-Debatte an enormer Brisanz gewinnt.

Der Fall

Am 14. Juli 2003 überholte auf der A5 bei Karlsruhe ein Kia mit etwa 150 Stundenkilometern einen LKW auf der linken Spur. In dem Auto saßen eine 21-jährige Frau und ihre 2-jährige Tochter. Während des Überholvorgangs bemerkte die Frau einen heranbrausenden 500 PS starken Mercedes. Vor lauter Schreck und Panik riss die junge Mutter das Steuer nach rechts, verlor die Kontrolle über den Wagen und schoss über die Leitplanke direkt gegen einen Baum, der anschließend auf die Autobahn kippte. Sie und ihre Tochter waren sofort tot. Der Mercedes, der laut diverser Sachverständiger mit über 250 Stundenkilometern unterwegs gewesen war, war verschwunden. Gutachter sind der Ansicht, dass der Fahrer des Mercedes aufgrund seiner hohen Geschwindigkeit nicht mehr rechtzeitig hätte bremsen können: Wäre die Frau auf der linken Spur geblieben, wäre eine Kollision unausweichlich gewesen.

Raser werden härter bestraft

Der Raser konnte ermittelt werden. Für sein fahrlässiges Handeln wurde er für ein Jahr auf Bewährung verurteilt. Mein erster Impuls zu diesem Urteil war, dass ich ihm eine viel höhere Strafe gewünscht hätte. Allerdings hatte er den Tod der Mutter und des kleinen Mädchens natürlich nicht beabsichtigt. Inzwischen geht die Justiz aber einen anderen Weg – die Toleranz für zu schnelles Fahren lässt offenbar nach. Zuletzt wurden erstmalig lebenslange Freiheitsstrafen verhängt, nachdem sich in Berlin zwei Männer auf dem Ku‘damm ein Rennen geliefert hatten, bei dem sie mehrere rote Ampeln überfuhren und am Ende auch einen Mann. Die Richter werteten dies als Mord, da die beiden den Tod unschuldiger Personen billigend in Kauf genommen hatten. Jeder, der sich in so eine Situation begibt, muss damit rechnen, dass es dabei zu einem Unglück kommen kann.

Brauchen wir ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen?

Im Rausch der Geschwindigkeit

Auch ich habe es schon erlebt, dass auf der Autobahn Fahrzeuge mit wahnsinnig hoher Geschwindigkeit auf mich zurasten. Derartige Situationen sind unangenehm und können angsteinflößend sein. In dem Podcast spricht Sabine Rückert von »anonymen Maschinen«, die sich mit hoher Geschwindigkeit nähern. Wer in einem hochmotorisierten Auto unterwegs ist, empfindet schnell ein Gefühl der Überlegenheit. Und auch dieses Gefühl habe ich selbst schon erlebt. In solchen Momenten vergisst man schnell, dass so ein Heranrauschen für die Person vor einem beängstigend sein kann. Und trotzdem: Bei derartig hohen Geschwindigkeiten ist es einfach unmöglich, und das sagt mir mein gesunder Menschenverstand, das Fahrzeug zu kontrollieren. Die kleinste Störung reicht aus, um sich selbst und andere Menschen zu gefährden.

 

Brauchen wir ein Tempolimit?

Aktuell wird wieder heiß über ein mögliches Tempolimit diskutiert. Wir Deutschen lieben unsere Autos und wir lieben sie schnell. Doch wie sinnvoll ist ein Auto mit 500 PS? Auch auf Autobahnabschnitten, die vollkommen ohne Tempolimit auskommen (was es ja ohnehin nur noch in Deutschland gibt), sind immer auch andere Autos unterwegs – Rücksichtnahme ist also zu jederzeit geboten. Ein regelmäßiges Ausfahren extrem hochmotorisierter Maschinen ist so gut wie unmöglich. Wer dennoch täglich mit 200 Kilometern pro Stunde über die Autobahn rast, ist wahrscheinlich der Ansicht, das eigene Auto stets unter Kontrolle zu haben. Ich möchte jedoch behaupten, dass bei einem dermaßen hohen Tempo vor allem von Glück die Rede ist. Immerhin sind wir, wie bereits erwähnt, nur selten allein auf der Straße. Selbst wenn der Fehler wirklich nicht bei uns liegt – auch auf die Fehler der anderen kann man mit einer niedrigeren Geschwindigkeit besser reagieren.

Und klar: Geschwindigkeit hat was. Ich möchte gar nicht abstreiten, dass auch mir das schnelle Autofahren bis zu einem gewissen Grad Spaß bringt. Zum Schutz aller Autofahrer*innen hätte ich allerdings rein gar nichts gegen ein Tempolimit einzuwenden. Ganz im Gegenteil: Ich würde es sogar begrüßen. Den Podcast beendet Sabine Rückert mit den Worten: »220 Kilometer pro Stunde ist einfach zu gefährlich – es geht ja nicht nur um dich.« Ein Satz, den wir uns alle meiner Meinung nach unbedingt einprägen sollten.

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

1 Kommentar

Peter Horn
#1 — vor 3 Monaten 2 Wochen
1. Ja, wir brauchen ein Tempolimit. Aber bitte nicht gleich auf 130. Da würde ich mich selbst mit meinem alten Polo ausgebremst und eingeschränkt fühlen. Wenigstens zwischen zwei Baustellen möchte man gerne angemessen schnell fahren dürfen, wo es möglich ist.

2. Die schweren SUV-Karren sind schon duch ihre Masse Mordwerkzeuge. Wenn die dann noch rasen, erst recht. Hinzu kommt das Platzhirsch-Verhalten ihrer Fahrer. Dies widerlich rücksichtslose Dominanzverhalten ist ein Spiegelbild unseres kapitalistischen Systems.

3. Also fürs erste 200 wäre ein Einstieg, später nach und nach weiter runter, damit die autofahrende Menschheit sich nach und nach entwöhnt.

4. Ein generelles Tempolimit muss von vorneherein technisch verankert sein. Die freiwillige Abregelung bei 250 gibt es ja schon, aber selbst die wird ja schon umgangen. Ich denke, bei 200 sollte in jedem Fall Schluss sein. Und Überschreitungen mit drastischen Strafen bis zum Einziehen des Fahrzeugs geahndet werden.

5. Wer hier etwas tun will, bekommt es mit der deen Staat tragenden und ihn in großen Teil finanzierenden Autolobby in diesem Land zu tun.

6. Weit schlimmer als zu schnelles Fahren sind übrigens zu geringe Abstände! Überwachung und Strafen sind viel zu selten. Mehr Aufklärungsarbeit und Visuaisierung der richtigen Abstände ist nötig. Technik kann da auch helfen.

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