Zeitumstellung? Brauche ich nicht!

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Darum freue ich mich auf die Abschaffung der Zeitumstellung

Heute Nacht wurden die Uhren von Sommer- auf Winterzeit umgestellt. Obwohl wir somit eine Stunde dazugewonnen haben und demzufolge auch theoretisch länger schlafen können, bringt mich das Drehen am Zeiger ganz schön durcheinander. Auf die Zeitumstellung kann ich in Zukunft also gut verzichten. 

 

Wir tun es jedes Jahr zweimal. Einmal am letzten Sonntag im März und ein weiteres Mal am letzten Sonntag im Oktober. Die Zeit muss eine Stunde vor ‑ beziehungsweise zurückgestellt werden. Früher konnte ich mir nie merken, zu welchem Zeitpunkt ich die Uhr in welche Richtung drehen muss – bis ich auf folgende Eselsbrücke gestoßen bin: Im Sommer stellen wir die Gartenmöbel raus (also vor das Haus) und im Winter holen wir sie wieder rein (also zurück ins Haus). Somit war ich als Jugendliche jahrelang damit beschäftigt zu verstehen, wie diese Zeitumstellung eigentlich funktioniert, doch habe ich mich dabei nie gefragt, aus welchem Grund wir überhaupt immer wieder unsere Uhren verstellen müssen. 

Zeitumstellung: Warum drehen wir eigentlich am Zeiger? 

Begeben wir uns also auf eine kleine Zeitreise: Schon um Jahr 1784 sprach der ehemalige US-amerikanische Präsident Benjamin Franklin im Journal de Paris davon, dass das künstliche Licht in den Abendstunden zu viel Energie koste. Um das Problem zu beheben schlug er damals vor, dass die Menschen doch früher schlafen gehen könnten, um eher morgens zeitiger wach zu sein und das Tageslicht somit optimaler  auszunutzen zu können. 

Erst ab dem Jahr 1916 wurde die Aussage von Benjamin Franklin scheinbar noch einmal neu durchdacht und die Sommerzeit wurde in Deutschland, Irland und im damaligen Österreich-Ungarn eingeführt. Zu dieser Zeit ging es lediglich darum, während des Krieges Strom zu sparen. Aus diesem Grund wurde die Sommerzeit im Anschluss in den meisten Ländern wieder abgeschafft. Im Jahr 1973 kam es dann zu einer großen Ölpreiskrise. Die hohen Energiepreise stürzten Europa in eine Rezession und es musste künftig gespart werden. Doch bis auf Frankreich führte keines der Mitgliedsstaaten der Europäischen Gemeinschaft die Sommerzeit mit der Begründung des Energiesparens ein. Für alle anderen wurde die Integration und Harmonisierung des gemeinsamen Binnenmarktes der ausschlaggebende Grund für die Wiedereinführung der Sommerzeit. Es ging also darum, den grenzüberschreitenden Verkehr und die Flugpläne zu vereinfachen und zu vereinheitlichen. Bis zum Jahr 1996 gab es innerhalb der EU noch unterschiedliche Sommerzeitenregelungen, die von nun aufgehoben und endgültig angepasst wurden. Auch kontinentübergreifend gibt es bis heute Regelungen zur Zeitumstellung, durch die es von Ende März bis Ende Oktober eine Sommerzeit gibt. 

Doch sind sich inzwischen alle einig, dass vor allem das Argument der Stromkostenersparnis in unseren modernen Industriegesellschaften schon längst nicht mehr greift. Kaum irgendwo wird ab 22 Uhr überall das Licht abgeschaltet, um Energie einzusparen. 

Zurück zur »normalen« Uhrzeit?

Und nun soll alles anders werden. Zwar ist die Zeit der Sommer- bzw. Winterzeit noch nicht gezählt, dafür aber die der Zeitumstellung allgemein. Wie wir in dieser Woche bereits berichtet haben, dürfen die einzelnen Länder Europas im Jahr 2021 entscheiden, ob sie die Uhr endgültig auf Sommer- oder eben Winterzeit umstellen. Für was sich Deutschland entscheiden wird, ist bisher noch nicht klar. Die »normale« bzw. »ursprüngliche« Zeit ist übrigens die Winterzeit. Spannend wird es auch zu erfahren, wie sich unsere europäischen Nachbarn entscheiden werden und ob wir bei Reisen durch die EU künftig mehrfach unsere Uhren umstellen müssen. Sollten die einzelnen Länder sich in Bezug auf Winter‑ und Sommerzeit unterschiedlich entscheiden, dürfte einiges Chaos die Folge sein, weshalb dieser Schritt nicht unumstritten ist. Dennoch: Immer wieder warnen ForscherInnen vor den körperlichen Belastungen durch die Zeitumstellung. Obwohl es sich nur um eine Stunde handelt, wird unser natürlicher Schlaf-Wach-Rhythmus gestört. Erscheinungen wie Müdigkeit, Schlafstörungen, Abgeschlagenheit, Verdauungsprobleme und sogar psychische Erkrankungen sind keine Seltenheit. ÄrztInnen sprechen auch immer wieder von einem erhöhten Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte. 

Abschaffung der Zeitumstellung: Besser jetzt als später! 

Schon allein deshalb teile ich definitiv die Meinung derer, die in einer Online-Abstimmung mit überwältigender Mehrheit (80 Prozent!) für eine Abschaffung der Zeitumstellung gestimmt haben. Auch diesmal leide ich wieder unter Müdigkeit, Schlaflosigkeit und Abgeschlagenheit. In meiner Kolumne »Der Blues in meinem Kopf« habe ich im letzten Jahr schon darüber berichtet, was vor allem der Herbst und Winter mit mir anstellt. Wenn es erst wieder so weit ist, dass es morgens beim Aufstehen düster ist und ab 16:30 Uhr schon wieder richtig dunkel wird, beginnen für mich die schlimmsten Tage im Jahr. Und klar: Ein Ende der Sommer- oder Winterzeit wird in den Monaten am Ende und Anfang des Jahres die Lichtstimmung nicht maßgeblich verändern können. Doch kann es helfen, wenigstens im Rhythmus zu bleiben und den eigenen Körper nicht noch zusätzlich zu belasten. 

Und nicht nur im Herbst und Winter fühle ich mich müde und schlapp. Ende März stelle ich meine Uhr nur sehr wiederwillig eine Stunde vor. Denn auch diese Veränderung wirkt sich Jahr für Jahr auf meinen Körper und mein Gemüt aus. Wieso ich so »zeitempfindlich« reagiere, kann ich mir selbst nicht erklären. Dass das Hin und Her sich auf die unterschiedlichsten Menschen unterschiedlich auswirken kann, ist zur Genüge erforscht worden – ich gehöre offenbar zu denen, die verstärkt darunter leiden. 2021 werde ich mich noch ein letztes Mal an eine Zeit gewöhnen müssen, die dann für (hoffentlich!) den Rest meines Lebens gelten wird. Einige Freunde können meine Freude über diese Entscheidung nicht wirklich nachvollziehen – doch sie waren von der Zeitumstellung auch immer beinah vollkommen unbeeindruckt. Was es bedeutet, wenn wir uns künftig auf die Sommer‑ oder die Winterzeit einstellen müssen, zeigt übrigens diese anschauliche Grafik von Zeit Online, auf die ich gestoßen bin. Hier lässt sich ganz genau sehen, wie lange es in welcher Stadt hell ist und um welche Uhrzeit für den jeweiligen Fall die Sonne auf- und untergeht. 

Sommer- oder Winterzeit? Schwierige Entscheidung… 

Für das Beispiel Hamburg sähe es in folgenden Monaten so aus: Mit der Sommerzeit würde es im Dezember erst gegen 9:30 Uhr hell und kurz nach 17:00 Uhr bereits schon wieder dunkel werden. Ein extrem kurzer Tag (nur knapp 7,5 Stunden lang), der das frühe Aufstehen noch stärker beeinträchtigen und die Aktivität vieler Menschen am Abend weiter herunterschrauben könnte. Ein anderes Beispiel: Behalten wir die Winterzeit, würde die Sonne im Juni schon um 3:50 Uhr aufgehen und um kurz vor neun Uhr abends untergehen. In dieser Situation dürften viele Menschen nicht auf lichtundurchlässige Rollos oder Schlafmasken verzichten wollen – auch lange Abende im Biergarten müssten künftig durch künstliches Licht unterstützt werden. 

Doch ist das alles eine Frage der Gewöhnung? Es bleibt spannend, für welche Zeit sich die einzelnen EU-Staaten und vor allem Deutschland  entscheiden wird. Doch egal, ob die Wahl auf Sommer- oder Winterzeit fällt: Ich hoffe sehr, dass mir die Abschaffung der Zeitumstellung wirklich so sehr zugutekommt, wie ich es vermute und wie es ExpertInnen voraussagen. 

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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