Wo ist die Zeit geblieben?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Aron Visuals auf Unsplash
Sanduhr
Aktuell vergeht die Zeit in meiner Wahrnehmung wahnsinnig schnell – viel zu schnell. Am liebsten würde ich mein Leben entschleunigen. Aber wie? 
 

Ja, immer wenn ich Sätze sage wie: »Mann, wo ist denn schon wieder die Zeit geblieben?« oder »Wow, wie die Zeit vergeht…«, fühle ich mich offiziell »alt«. Mit meinen 29 Jahren bin ich natürlich noch jung, aber dennoch stellen meine Freundinnen und Freunde und ich in letzter Zeit immer häufiger fest, dass uns die Zeit immer schneller durch die Finger rinnt. Und je älter wir werden, desto rasanter scheint alles um uns herum zu laufen.

Die Hälfte des Jahres ist schon um

Aktuell fühlt es sich zum Beispiel so an, als sei mein Geburtstag Ende April bereits mehrere Monate her. Dass wir das Jahr 2019 jetzt schon wieder zur Hälfte hinter uns gelassen haben, kann ich dabei auch kaum fassen. Und vor Kurzem haben mein Mann und ich sogar schon über das kommende Silvester gesprochen. Wir wollten den Jahreswechsel in einem tollen Hotel in Österreich verbringen, in dem wir vor Jahren schon einmal waren. Aber als wir dort anriefen, mussten wir feststellen, dass wir zu spät waren: An Silvester ist man dort nämlich schon längst ausgebucht. Woran man übrigens besonders deutlich erkennen kann, wie schnell die Zeit vergeht? An Kindern! Gerade erst habe ich das Baby eines befreundeten Paares um die Alster geschoben – und vor ein paar Wochen ist der gar nicht mehr so kleine Junge doch tatsächlich schon zwei Jahre alt geworden. 

Das Schöne an der verfliegenden Zeit ist jedoch, dass wir trotz anfänglicher Entscheidungsprobleme (ich habe euch davon berichtet) nun schon bald in den Urlaub fliegen – im Juli ist es so weit. Ein Ereignis, auf das ich mich natürlich freue und das ich im Moment auch kaum noch erwarten kann. Während wir am Strand liegen, wandern gehen oder eine Fahrradtour unternehmen, darf die Zeit dann natürlich aber gern wieder so langsam vergehen wie nur möglich. 

 

Neue Erfahrungen lassen die Zeit langsamer werden

Genaugenommen ist das natürlich Quatsch: Natürlich vergeht die Zeit immer gleich schnell. Wie kommt es also, dass unterschiedliche Personen verschiedene Wahrnehmungen haben? Dr. Marc Wittmann vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene beschäftigt sich genau mit diesem Thema und hat sogar seine Habilitationsschrift zur Zeitwahrnehmung mit zunehmendem Alter verfasst. Er ist sich sicher: »Ich bin überzeugt davon, dass das Gedächtnis die Zeitwahrnehmung maßgeblich bestimmt. Es ist eine oft gehörte Klage von Erwachsenen, dass die Zeit zu schnell vergehe, dass im Vergleich zum Erwachsenenalter Kindheit und Jugend zeitlich wesentlich ausgedehnter schienen, die Sommerferien beispielsweise einfach nicht vergehen wollten, während heute die Monate und Jahre unaufhaltsam schnell verrinnen.«

Er ist zudem der Auffassung, dass jeder Mensch in der Lage ist, die eigene, ganz persönliche Zeitwahrnehmung zu beeinflussen: »Erlebt man wenig Neues, Aufregendes, bleiben auch weniger Erinnerungen, und im Rückblick erscheint die Zeitspanne kürzer.« Heißt also: Während wir als Kinder und Jugendliche beinah täglich erste Male erleben und Neues entdecken, ist das mit zunehmendem Alter immer weniger der Fall. Im Grunde müssen wir also darauf achten, eben nicht in einen ewig-gleichen Alltagstrott zu verfallen, sondern auch als Erwachsene immer wieder neue Dinge zu erleben und zu lernen. Einfacher gesagt, als getan. Die wenigsten dürften Lust und Energie haben, sich nach der Arbeit noch in ein völlig neues Abenteuer zu stürzen. Doch vielleicht muss es ja auch nicht jeden Tag sein. 

Ich geh dann mal bouldern…

Vielleicht reichen auch nur gelegentliche erste Male aus, um die gefühlte Zeit zu entschleunigen. Wie Dr. Marc Wittmann herausfand, klappt das mit zunehmendem Alter bei den meisten auch richtig gut. Menschen über 60 haben seinen Ausführungen zufolge nicht mehr so stark das Gefühl, die Jahre würden nur so an ihnen vorbeirasen. Denn dann fangen viele auch noch einmal an zu reisen und neue Orte zu entdecken, sich bestimmte Hobbys zuzulegen oder sich mit den Enkelkindern zu beschäftigen. Dies sind zum Teil völlig neue Erfahrungen, die die Zeit gefühlt langsamer werden lassen. 

Doch bis zu meinem 60. Lebensjahr möchte ich natürlich nicht warten. Schon lange möchte ich mich im Bouldern ausprobieren, einen Windsurf-Kurs belegen oder Gitarre spielen lernen. Projekte, die mir bestimmt nicht nur Spaß machen und guttun, sondern auch die Kraft haben, mein Leben zu entschleunigen…  

Share:

Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

Kommentieren