Wie unglücklich bin ich?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Annie Spratt auf Unsplash
Bett mit einem Schild auf dem "I hate Mondays" geschrieben steht
In dieser Woche soll der traurigste Tag des Jahres gewesen sein. Mein „Blue Monday“ war allerdings gar nicht so furchtbar, wie er laut einer fragwürdigen Formel angeblich hätte sein müssen.

Wie hast du Montag, den 21. Januar, erlebt? Ich für meinen Teil erinnere mich an ein Erwachen mit Blick auf einen hübschen, rosaroten Himmel – und auf einen kalten, aber zur Abwechslung mal wieder sehr sonnigen Tag. Am Ende hatte ich mir zwar gewünscht, noch ein wenig produktiver gewesen zu sein, aber alles in allem war ich fröhlich und alles verlief völlig ohne Komplikationen. Ganz anders als in der Woche zuvor…

Ein unliebsamer Wochenstart

Am vergangenen Dienstagmorgen ging es für mich zur Fashion Week nach Berlin. Um alles so stressfrei wie möglich zu halten und weil ich am Montag einen gemütlichen Abend mit meinem Mann verbringen wollte, fing ich bereits am Sonntag an, meinen Koffer zu packen. Am Montagmorgen hatte ich allerdings schon ein merkwürdiges Gefühl. Ein Gefühl, das mich nicht trügen sollte. Schon kurze Zeit später stellte sich heraus, dass der Abend anders verlaufen würde als geplant. Mein Mann musste am Nachmittag unerwartet eine Geschäftsreise antreten. Etwas, was ich zwar schnell akzeptierte, aber keineswegs für gut befand – geplant ist nun mal geplant. Nach Feierabend lief dann im Übrigen auch nicht alles nach Plan. Meine Vorstellung, dass ich gegen 21 Uhr mit allem durch sein und im Bett liegen würde, blieb eine Illusion. Immerhin schaffte ich es gegen 22:45 Uhr, das Licht auszumachen – bis ich es um 00:32 Uhr wieder einschaltete, da ich bis dahin immer noch nicht in den Schlaf gefunden hatte. Obwohl ich in den Wintermonaten zu einer absoluten Schlafmütze mutiere und mich normalerweise erst nach mindestens neun Stunden Schlaf wie ein richtiger Mensch fühle, saß ich am Dienstagmorgen dann auch schon vor dem Weckerklingeln mehr oder weniger wach in meinem Bett.

Ohne Krankenkassenkarte keine Behandlung

Nach dem ich das Nötigste im Bad erledigt hatte, ging es mit einem schweren Koffer, einem schweren Rucksack und einer weiteren Tasche (für die Fashion Week im Winter bedarf es leider mehr Gepäck) auch schon raus in den Regen. Denn bevor ich in den Zug nach Berlin steigen konnte, hatte ich noch einen Termin beim Arzt. Diesen Termin hatte ich vor mehr als einem halben Jahr vereinbart, als ich noch nicht wissen konnte, dass er nun so ungünstig liegen würde. Doch eine Terminverschiebung und eine weitere monatelange Wartezeit kamen für mich nicht infrage. Völlig übermüdet, aber glücklich darüber, im Zeitplan zu sein, stieg ich in die S-Bahn, um an das andere Ende der Stadt zu fahren. Einen Moment später bekam ich einen Schreck. Ich hatte meine Krankenkassenkarte vergessen. Mein Mann hatte für mich bei unserem Hausarzt eine Überweisung abgeholt – die Krankenkassenkarte befand sich noch in seinem Portemonnaie. Beim Arzt machte mir die Sprechstundenhilfe auch sofort klar, dass ich ohne Karte allerdings nicht behandelt werden könne: „Das ist ja so, als würden Sie ohne Geld zum Bäcker gehen – da können Sie dann auch nichts bekommen“, so ihre Worte.

Ich bin jetzt seit fast 10 Jahren Patientin in dieser Praxis. Ich ärgerte mich sehr, doch es gab eine Möglichkeit doch noch ins Behandlungszimmer zu kommen: Nachdem ich minutenlang in der Warteschlange bei meiner Krankenkasse gesteckt hatte, erklärte mir eine äußerst freundliche Dame am Telefon, dass sie in wenigen Sekunden eine Bestätigung meiner Mitgliedschaft an die Praxis senden würde. Und obwohl ich bereits schwor, dass ich meine Karte so schnell wie möglich nachreichen würde, betonten die Damen an der Anmeldung noch einmal, dass ich die vollen Kosten der Behandlung selbst tragen müsse, sollte die Karte nicht innerhalb der nächsten zwei Wochen bei ihnen landen.

Wut und Tränen?

Nach der Behandlung ging es für mich zum Bahnhof. Noch hatte ich genügend Zeit, um die Bahn auch zu erreichen und pünktlich zu meinem ersten Termin in Berlin zu sein. Doch dann, wie sollte es anders sein, kam der Bus einfach nicht. Ich stand 20 Minuten im Regen und in der Kälte. Wer meine Kolumne schon länger verfolgt, weiß, dass mich solche Situationen so ärgern, dass ich auch gern vor Wut anfange zu weinen. Jetzt war ich kurz davor – doch in diesem Moment bog zum Glück der Bus um die Ecke. Als ich dann in der Bahn auf meinem Platz saß, fiel mir wieder ein, dass ich doch eigentlich noch dringend eine Flasche Wasser besorgen wollte. In diesem Moment hatte ich so großen Durst, dass ich fürchtete, ich könnte verdursten. Denn – nächstes Problem – ich hatte nur noch wenig Bargeld dabei. Als der Servicemitarbeiter mit den Getränken an meinem Abteil angekommen war und ich mal wieder feststellen musste, wie unverschämt drei Euro für ein kleines Wasser sind, bekam ich das Geld mit einer Menge Fünf-Cent-Münzen doch noch zusammen.

Die Blue-Monday-Formel

Das ist sie, die Blue-Monday-Formel…

Während es sich für mich persönlich also eher um einen „Blue Tuesday“ handelte, der auch noch eine Woche zu früh kam, hätte es also eigentlich erst am Montag darauf so richtig „schlimm“ werden müssen. Das Konzept des „Blue Monday“ stammt von dem britischen Psychologen Cliff Arnall. Im Jahr 2005 entwickelte er sogar eine Formel, mit der er den traurigsten Tag des Jahres angeblich wissenschaftlich berechnen will. Das W steht für Weather, also Wetter. D steht für Debt, die in diesem Jahr gemachten Schulden. Von denen wird d, das Januargehalt abgezogen. T steht für Time und somit die Zeit, die seit Weihnachten vergangen ist. q sind die guten Vorsätze, die inzwischen schon wieder gebrochen wurden. M ist das aktuelle Motivationslevel und Na steht für das Bedürfnis, wieder aktiv zu sein. Wie genau die Formel angewendet wird, erklärt Arnall übrigens nicht. Sie ist also für Außenstehende wie dich und mich überhaupt nicht nutzbar. Oder weißt du, welche Zahl wir heute für das Wetter eintragen müssten oder wie sich das derzeitige Motivationslevel bestimmen lässt? Bedeutet 1 niedrig und 10 hoch? Oder sollte das Motivationslevel eher bei 100 sein?

Blue Monday: Ein Mythos?

Für mich klingt das leider absolut gar nicht plausibel, und deshalb halte ich auch nichts vom sogenannten „Blue Monday“. Dass wir in diesen Tagen vielleicht weniger motiviert oder schlechter gelaunt sind, lässt sich nämlich auch ohne Formel ganz gut erklären. Wie ich bereits in einer vorherigen Kolumne erklärte, leiden wir in den dunklen Herbst- und Wintermonaten unter der fehlenden Sonne. Durch den Lichtmangel produziert unser Körper mehr Melatonin – ein Schlafhormon, das uns auch tagsüber müde und schlapp werden lässt. Dass dieser Zustand genau am dritten Montag im Januar besonders stark spürbar ist, halte ich für einen Mythos. Wie erwähnt hatte ich an diesem Tag (im Gegensatz zu heute, denn es regnet mal wieder in Hamburg) wirklich gute Laune. Doch anstatt mich zu verkriechen, werde ich jetzt eine Ausstellung besuchen, bevor ich es mir wieder auf dem Sofa gemütlich mache.

Genieß auch du den Sonntag – und bis nächste Woche…

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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