Wie Pfirsich und Mango – oder exotischer als Obst…

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
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Exotischer als Obst?
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Meine Hautfarbe ist und bleibt ein Thema. Allerdings nicht für mich selbst, sondern eher für andere Menschen. Soll ich ehrlich sein? Das nervt!

 

Meine Mutter ist weiß. Mein Vater ist schwarz. Ich selbst bin am Anfang und Ende des Jahres ziemlich hell – in der Mitte, also im Sommer, deutlich dunkler. Inzwischen bin ich ganz schön stolz darauf, dass einige Stunden in der deutschen Sonne ausreichen, um mir einen gesunden, strahlenden Teint zu verpassen. Dabei darf allerdings (ja, auch bei mir!) die Sonnencreme nicht fehlen – darauf lege ich wirklich großen Wert!

Das Selbstbewusstsein von heute hatte ich allerdings noch nicht immer. Im Kindergarten habe ich einmal versucht mir meine Hautfarbe abzuwaschen. Natürlich ist es komisch, irgendwie anders zu sein, als alle anderen. Als ich Anfang der 90er Jahre in den Kindergarten und später in die Schule kam, war ich eindeutig eine Exotin. Ebenso wie ein Obst, das nun normalerweise nicht in Deutschland wächst. Richtig dunkelhäutige Kinder – zu denen ich mich, aufgrund meiner doch eher helleren Hautfarbe, selbst nicht zählte – fand man in unseren Schulklassen nicht – somit stach ich heraus. Und auch, in der Zeit, als sich bei uns die sogenannten “Rechtsradikalen” (einige von ihnen waren einfach feige Mitläufer) immer breiter machten, wollte ich am liebsten lieber mit einer weißen Wand verschmelzen, als auch nur eine Nuance dunkler zu werden. Die ständigen Pöbeleien machten es mir nicht einfach, doch zum Glück hatte ich immer liebe und tolle Freunde an meiner Seite, bei denen ich mich wohlfühlte und die meine Hautfarbe nicht so wahrnahmen, wie einige wenige. Doch wie das nun mal so ist: sobald eine kleine Menge an Menschen nur laut genug brüllt, wird sie eben besonders gehört – und auch, wenn die Worte schlichtweg falsch oder einfach nur dumm sind, dringen sie doch zu mir durch.

Obwohl man inzwischen meinen müsste, dass wir alle aufgeklärt wären, gibt es immer noch Momente, die viele meiner engen Freunde bis heute kaum fassen können. Sie sprechen von Klischees, die so vermutlich kaum noch passieren. Doch ich erlebe solche Momente. Im Grunde war es schon immer so, dass meine Hautfarbe scheinbar das allererste ist, was anderen Menschen an mir auffällt. Es ist mir unmöglich auch nur zu schätzen, wie oft ich genau in folgender Situation steckte: “Woher kommst du?”“Aus einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt.” / “Nein, ich meine wirklich!?”. Tja, was soll ich dazu sagen, denn wirklicher als meine Antwort, die ich immer wieder zum Beste gab und gebe, wird es leider nicht. Mein Tipp an dieser Stelle: Wenn ich jemanden kennenlerne, frage ich, je nachdem, in welcher Stadt wir uns befinden: “Bist du auch aus Hamburg?” oder “Bist du gebürtige Berlinerin?” Um mehr zu erfahren, könnte man sich im weiteren Verlauf des Gesprächs höflich nach den Wurzeln erkundigen. Die liegen übrigens bei der Mehrheit meiner Freunde verstreut auf der ganzen Welt. Türkei, Iran, Indonesien, Polen, Kalifornien, Mosambik, Angola, Südafrika, Brasilien… Ich finde derartige Konstellationen unglaublich spannend und schön.

Bei meinem Job in einer Moderedaktion in Hamburg habe ich folgendes erlebt: Nach einem unglaublich sommerlichen Wochenende in St. Peter-Ording, das ich, von Freitag bis Sonntag nur am Strand verbrachte, kam ich montags zu einem Meeting. Als mein Chef mich sah, guckte er mich mit großen Augen an und sagte vor allen anderen: “Du siehst ja schon aus wie ein richtiger Neger”. Wie bitte? Hat er das gerade wirklich gesagt? Obwohl die Situation schon Jahre her ist, bin ich immer wieder entsetzt, wenn ich darüber nachdenke. Besonders verletzend für mich ist, dass ich mir ziemlich sicher bin, dass er, wenn meine Wurzeln nicht in Afrika lägen, er vermutlich nur so etwas gesagt hätte wie: “Du siehst erholt aus. Warst du im Urlaub?” Und was ist bitte überhaupt ein “richtiger Neger”? Davon abgesehen, dass ich dieses Wort abgrundtief hasse, würde es mich heute wirklich interessieren, was er mir auf diese Frage wohl antworten würde.

Rassismus macht auch vor den Royals keinen Halt

Was mich in dieser Woche unglaublich geschockt hat, war ein Artikel über die Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle. Viele von euch haben das Ereignis in Windsor sicherlich verfolgt. Da ich mich an diesem Samstag selbst für die Hochzeit einer Freundin fertig machte, bekam ich (zum Glück!) nicht die gesamte Berichterstattung im ZDF mit. Auf taz.de las ich dann aber nach, worum es sich bei den Kommentatoren eigentlich drehte. Denn nicht, wie man vermuten könnte, ausschließlich um die Hochzeit selbst oder das unglaublich sympathische Paar und die intelligente Braut. Es ging vielmehr um rassistische und sexistische Bemerkungen wie: “…das exotische Paar” und das “die Queen bei Meghan ein Auge zudrückt”. Außerdem sei es “nicht ungewöhnlich für England, dass die ungewöhnlichen Paarungen passieren.” Ebenfalls unglaublich: Der Gospelchor habe “fantastisch schwarz und so toll schwarz gesungen” – oder: “Jemand hat mal gesagt, eine solche Frau hat man sich früher als Mätresse gehalten.”

Wow! Für mich ist es wirklich erschreckend, dass wir im Jahr 2018 und in dem Rahmen einer royalen Hochzeit noch immer auf diese Weise über die Hautfarbe eines Menschen sprechen. An dieser Stelle hätte ich das wirklich nicht erwartet. Vielleicht auch, weil mir beim Anblick von Meghan noch nie ihre Hautfarbe aufgefallen ist. Ohne mich näher mit ihr zu beschäftigen, sehe ich ihre schönen Augen, ihr tolles Lächeln und ihr glänzendes Haar. Schaut man nur etwas tiefer, kommt direkt eine Person mit einer wundervollen Persönlichkeit zum Vorschein, die nicht nur als Schauspielerin erfolgreich war, sondern sich auch als Botschafterin für unterschiedliche internationale Wohltätigkeitorganisationen einsetzt. Ehrlich gesagt, habe ich bis kurz vor der Hochzeit noch nicht einmal gewusst, dass Meghan eine schwarze Mutter hat. Ich habe es einfach nicht gesehen und auch jetzt spielt es absolut keine Rolle.

 

Ich wollte wissen, was meine Mama darüber denkt. Am Telefon erzählt sie mir, dass auch ihr nicht auffiel, dass Meghan, die übrigens in Los Angeles geboren und aufgewachsen ist, afrikanische Wurzeln in sich trägt. Sie berichtete mir außerdem von der Verfilmung der Liebesgeschichte. “Harry & Meghan – Eine königliche Romanze” lief am Tag der Hochzeit (19. Mai) im Fernsehen. “Meghan hatte es unglaublich schwer. Es hieß, ‘Der Prinz liebt eine Schwarze’. Und auch ihre Mutter wurde belagert. Dabei sind die beiden doch so ein schönes Pärchen”, erzählt meine Mama mir über den Film, den ich selbst nicht gesehen habe. Um nicht in den Fokus der Öffentlichkeit zu geraten, versuchten sich Meghan und Harry heimlich zu treffen – sich zu verstecken. Das ist etwas, das auch meine Mama kennt. “Ich kann mich noch genau daran erinnern, als ich deinen Papa das erste Mal getroffen habe. Das war in einem Club und plötzlich stand er vor mir. Wir haben uns unterhalten, doch sofort dachte ich, ich muss mich verstecken, weil ich das Gefühl hatte, die Leute beobachten uns. Ich bekam Angst, mich mit ihm zu zeigen”, erzählt sie mir. “Nach der Disko haben wir uns immer dort getroffen, wo uns niemand sehen konnte. Als wir uns verabschiedeten, gingen wir bewusst in verschiedene Richtungen. Wenn ich heute darüber nachdenke, ist das wirklich lächerlich. Doch damals machte ich mir Gedanken darüber, was die anderen Leute sagen könnten. Es hätte mir egal sein müssen.”

Als die beiden eines Abends erneut auf dem Weg nach Hause waren, wurden sie von einer Gruppe Männer mit Steinen beworfen. Wie meine Mama mir erklärt, hatte mein Papa allerdings nur Angst um sie – er wollte sie beschützen und fürchtete, sie könnte verletzt werden. Zum Glück konnten die beiden die Typen abhängen und es ist nichts Schlimmeres passiert. Und die größte Prüfung stand den beiden ja noch bevor. “Ganz schlimm war es, als Papa tagsüber bei uns klingelte. Auch da wusste ich, worüber die älteren Leute vermutlich reden: Vom anständigen Mädchen, dass nun mit einem Afrikaner zusammen ist.”

Und wie ist es heute? Im Gespräch beschreibt meine Mama die Situation: “Meine Angst ist wieder da. Ich habe Angst, dass die Leute mal wieder alle Menschen über einen Kamm scheren und denken, Papa sei ein Flüchtling. Das ist nicht fair. Es gibt Leute die dumm gucken, sogar mehr, als vor 15 oder 20 Jahren – heute ist es extremer. Doch was andere Leute sagen oder denken ist mir völlig egal. Selbst, wenn sie denken, dass passt nicht oder das darf so nicht sein – ich bin 28 Jahre mit meinem Mann verheiratet. Werdet bunt. Ich freue mich darüber. Und wenn Harry und Meghan ein Kind kriegen, wird es spannend zu sehen, wie hübsch und großartig dieses Kind sein wird.”

»Können Sie mich verstehen?«

Ich bewundere meine Eltern dafür, dass sie trotz der Probleme und Widrigkeiten immer zueinander gehalten haben. Ihnen habe ich es auch zu verdanken, dass ich heute so ein positiver Mensch bin, der stets versucht, ohne Vorurteile auf andere Menschen zuzugehen. Ich würde nie einer fremden Person gegenübertreten und sie mit den Worten anbrüllen: „KÖNNEN SIE MICH VERSTEHEN?“ – wie es auch mir schon passiert ist. Die Hautfarbe sagt rein gar nichts über das Innerste, die Intelligenz, den Charakter oder sonstiges aus. Leider fand ich es auch nicht in Ordnung, als ein Kumpel vor ein paar Tagen zu mir meinte, dass sich Leute wie ich auf einer Party doch sicherlich wohler fühlen, sobald eine ähnlich aussehende Person mit im Raum ist. Wieso sollte ich? Es ist weder unangenehm, noch peinlich. Ich kann es gar nicht oft genug betonen: Es spielt einfach keine Rolle.

Für meinen Verlobten übrigens auch nicht. Als ich ihn auf das Thema anspreche, zuckt er nur mit den Schultern und meint, dass er jedes Mal stolz ist, sobald wir zusammen unterwegs sind. Das kann ich nur zurückgeben. Doch muss ich auch ehrlich sagen, dass ich mich an manchen Orten sicherer fühle, wenn er bei mir ist. Besonders in der Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin. Schon allein deshalb, kommt eine längerfristige Rückkehr in diese Gegend für mich nie und nimmer infrage.

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

5 Kommentare

David
#4 — vor 11 Monaten 1 Woche
Mein Beruf führt mich oft in Länder wie China, Indien, den Iran oder Brasilien in Städte und Gebiete, wo die Bevölkerung relativ homogen ist und Ausländer sich selten sehen lassen.

Mit meiner sehr hellen, weißen Haut steche ich dort natürlich deutlich aus der Menge heraus und werde oft staunend angeglotzt und nach meiner Herkunft gefragt.
Das ist auch ganz normal. Schließlich können sich die Menschen dort selbst zusammenreimen, dass ich nicht aus Ihrem Land komme.

Deswegen verstehe ich die ganze Aufregung auch nicht. Dass man ein afrikanisches Elternteil hat, ist in Deutschland nun mal auch heute noch nicht Gang und Gäbe und man sticht ebenfalls aus der Menge heraus.
Natürlich gibt dies irgendwelchen Idioten keinen Freibrief, dumme Kommentare abzulassen, aber einfache Fragen nach der Herkunft sehe ich eher als Interesse am exotischen Aussehen, als aus Unhöflichkeit.
Ralf Mayer
#3 — vor 1 Jahr
Ich verstehe das Problem nicht, wenn man aufgrund seiner Hautfarbe gefragt wird, woher man kommt. Sich darüber aufzuregen ist scheinheilig. Das kann schließlich nur Interesse oder Neugier sein. Ich jedenfalls (mitteleuropäisch hell und blond) werde an anderen Ecken der Welt - und meist von Kindern - gefragt, woher ich komme und wo Menschen so aussehen wie ich. Für die bin ich der Exot. Ich finde das lustig und spannend und erzähle dann etwas. Sich darüber aufzuregen ist für mich nur künstliches aufregen, weil einem sonst zu langweilig ist. Und weil es gerade der Zeitgeist ist. Ich halte es für dringend angebracht mal anzuhalten und sich mal zu fragen, über WAS man sich da gerade eigentlich aufregt. Sie scheinen ja ein langweiliges und ereignisloses Leben zu haben, wenn DAS Ihr Problem ist.
Was an »exotisch« so schlimm sein soll, verstehe ich auch nicht. Sie SIND exotisch! Na und? Seien Sie doch stolz darauf, dass Sie so gut aussehen (nicht, ich baggere Sie gerade nicht an). Würde ich Sie, Claudia Marisa Alves de Castro, irgendwo in der Freizeit kennenlernen, wäre ich aufgrund Ihres exotischen Äußeren (was ich positiv meine, bevor Sie ›nen Herzinfarkt bekommen) auch neugierig zu erfahren, woher Sie (bzw. Ihre Eltern) stammen. Und schon hätte ich verloren - oder was?
Chris R.
#2 — vor 1 Jahr 1 Monat
Hi Claudia, Dein Artikel ist ja jetzt schon etwas älter, keine Ahnung ob Du das noch liest.
Leicht für mich zu sagen, aber ich sage es trotzdem: nimm das nicht so ernst. Wenn ich im Ausland bin werde ich genauso als Weißbrot belächelt. Und Du als Berlinerin hast sicher auch schon bemerkt, dass man in manchen Kreisen als Bio-Deutscher auch erstmal völlig uncool oder gar der Außenseiter ist. So ist das Leben. Gruppenbildung durchzieht alles, man muss es nur sehen. Ob das nun der Fußballverein ist, die Heimat, die Religion oder gar die Essgewohnheiten. Menschen lieben es einfach, sich abzugrenzen. Und dein Chef hatte sicher nicht im Sinn, dich rassistisch zu beleidigen. Einige achten einfach nicht stets auf potitical correctness.
Ich zum Beispiel wäre gerne »schwarz«. Ich sehe viele hochgewachsene, attraktive, gut gebaute dunkle Typen, die sich top kleiden usw. und bin gar neidisch. Und ich habe das Gefühl, die brauchen nur an Kraft zu denken und schon wachsen die Muskeln über Nacht. Ist doch cool, schwarz zu sein...nichts, was man permanent in Frage stellen sollte, nur weil die Leute neugierig sind. Ich würde wahrscheinlich auch jedes Mal nach Deiner Herkunft fragen, das ist einfach spannend, weil sich daran viele schöne Folgefragen knüpfen lassen. »Und Du? Woher kommst Du« - »Ich...ähh..aus Hinterdupfing.« Und DAS interessiert dann wirklich niemanden :)
Mutsa
#1 — vor 1 Jahr 4 Monaten
Liebe Claudia, ein interessanter Artikel. Besonders interessant finde ich es, dass du die Wurzeln Deiner Freunde erwähnst und ihre Herkunftsländer aufzählst: »Die liegen übrigens bei der Mehrheit meiner Freunde verstreut auf der ganzen Welt. Türkei, Iran, Indonesien, Polen, Amerika, Afrika, Brasilien…« Hier fällt mir auf, dass Du Dir nicht die Mühe machst die afrikanischen Herkunftsländer aufzuzählen bzw. zu nennen, sondern einfach nur wie viele »weiße« Menschen auch einfach nur den Kontinent nennst, der doch aus sage und schreibe 55 Ländern besteht. Das ist Ignoranz, die mir im Alltag zu schaffen macht.
Claudia Marisa Alves de Castro
#1.1 — vor 1 Jahr 4 Monaten
Hallo liebe Mutsa, vielen Dank für deinen Kommentar und den so wichtigen Hinweis. Ich habe diese Erwähnung ersetzt und konkretisiert. Ich wünsche dir einen schönen Mittwoch!

In reply to #1 by Mutsa

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