Warum auch ich jetzt die Pille absetze

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Warum auch ich jetzt die Pille absetze
Besonders in den letzten zwei Jahren habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wer ich bin und wer ich vielleicht sein möchte. Aber auch, wie es beruflich für mich weitergehen soll und wie ich mein Privatleben gestalten möchte, damit ich glücklich und zufrieden bin. Diese Gedanken kennt sicher jede. Was mich aber – irgendwie unerwartet – mit am meisten beschäftigt hat, ist das Thema Verhütung.
 

In den letzten Monaten habe ich beinah täglich mit Freundinnen und Mädels aus meinem Bekanntenkreis über die Pille gesprochen. Allesamt berichteten sie mir davon, dass sie aufgrund der zahlreichen Nebenwirkungen damit aufhören würden. Als diese Welle in meinem Umfeld losbrach, war ich ehrlich gesagt überrascht. Ich hatte mir bis dato wenige Gedanken um dieses Thema gemacht. Ich war auch sehr erstaunt darüber, dass das Absetzen der Pille zu einer Art Bewegung geworden war, zu der man, so doof es auch klingt, irgendwie dazugehören wollte.

Ich nehme die Pille seit meinem 14. Lebensjahr. Damals stand plötzlich meine erste große Liebe vor mir. Von Anfang an war klar, dass er derjenige war, mit dem ich mein erstes Mal erleben würde. Zu meiner Mutter hatte ich ein sehr enges und offenes Verhältnis. Als ich ihr auf Wolke sieben schwebend davon berichtete, organisierte sie mir, ohne zu zögern, einen Termin bei ihrer Frauenärztin. Ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie aufgeregt ich war, als wir zusammen in dem liebevoll dekorierten Wartezimmer saßen. Nach der Untersuchung drückte mir die Ärztin das Rezept für die Pille in die Hand. Doch mehr als “Und immer schön regelmäßig einnehmen”sagte sie nicht. Gut, alle wichtigen Informationen stehen im Beipackzettel. Doch gerade wenn man sich die Pille zum allerersten Mal verschreiben lässt, sollte eine Aufklärung über mögliche Nebenwirkungen dazugehören.

Die Pille wird immer wieder mit Nebenwirkungen wie: Bluthochdruck, Übelkeit, anhaltende Müdigkeit, Trägheit, die Begünstigung der Entstehung von einigen Krebsarten, Unfruchtbarkeit, Störungen der Schilddrüse, ein schwaches Immunsystem und Nährstoff-Mangel in Verbindung gebracht.

Da meine Mutter panische Angst davor hatte, bereits mit 35 Jahren zum ersten Mal Oma zu werden und sie bis zu diesem Zeitpunkt selbst auch nie Probleme mit der Einnahme gehabt hatte, war völlig klar, dass ich die Pille nehmen würde. Die Sorge, dass bei mir etwas schiefgehen könnte, machten wir uns überhaupt nicht. Wie ihr in unserem Artikel „Die Pille: Vom gefeierten Star zum Stimmungskiller“ nachlesen könnt, gibt es da aber durchaus einige Dinge, die ich rückblickend gern gewusst hätte. Zwar gibt es selbst heute, 14 Jahre nach meiner ersten Einnahme, noch immer keine wirklich repräsentativen Studien dazu. Doch immer wieder wird die Pille mit gruseligen Nebenwirkungen in Verbindung gebracht: Bluthochdruck, Übelkeit, anhaltende Müdigkeit, Trägheit, die Begünstigung der Entstehung von einigen Krebsarten, Unfruchtbarkeit, Störungen der Schilddrüse, ein schwaches Immunsystem, Nährstoff-Mangel und einiges mehr stehen auf der Liste. Gerade in den letzten Jahren wurden bestimmte Produkte sogar komplett verboten. Gegen den Bayer-Konzern laufen mehrere Tausend Klagen von Geschädigten. Eine Klägerin hatte nach der Einnahme der Bayer-Pille Yasminelle eine Embolie erlitten, die sie nur knapp überlebte.

Die Negativ-Beispiele haben einen Umschwung bewirkt. Einst wurde die Pille gefeiert, jetzt möchten sie viele gern unverzüglich aus ihrem Körper spülen. Frauenärzte scheinen sich bei diesem Thema uneinig zu sein. Während einige darauf hinweisen, dass es durchaus sinnvoll ist, sich nach Alternativen umzusehen, erklärte der Vater einer Freundin, der ebenfalls Frauenarzt ist, dass er die plötzliche Verteufelung der Pille übertrieben finde. Er empfiehlt, sie weiter zu nehmen. Solange keine Beschwerden aufträten, sei sie sicher und unbedenklich.

In meinem Umfeld haben sich viele Frauen gegen die weitere Einnahme entschieden, und sie berichten Positives.

In meinem Umfeld haben sich viele Frauen gegen die weitere Einnahme entschieden, und sie berichten Positives. Die meisten fühlen sich wacher, klagen über weniger Kopfschmerzen und Stimmungsschwankungen. Sie fühlen sich einfach wieder wie sie selbst. Das hat mich überzeugt. Ich habe lange überlegt und bin nun auch zu dem Entschluss gekommen, dass ich es gern ohne Hormone probieren möchte. Seit etwa einem Jahr plane ich den “Ausstieg”. Meine derzeitige Frauenärztin sieht die ganze Sache übrigens auch eher gelassen. Da ich keine offensichtlichen Nebenwirkungen habe, könnte ich ihrer Meinung nach auch weitermachen. Doch habe ich die wirklich nicht? Was mir jetzt doch ein bisschen Angst macht: Ich nehme die Pille schon so furchtbar lange, dass ich gar nicht mehr weiß, wie es ist, nicht von Hormonen “gesteuert” zu werden. Ich weiß nur, dass die Zeit zwischen meinem 14. und 17. Lebensjahr streckenweise unglaublich furchtbar war. Aus einem lieben, freundlichen Mädchen wurde ein Monster. Ich war launisch, fand mich plötzlich zu fett und hörte auf zu essen, bekam Probleme mit der Schilddrüse, fing ständig an zu weinen, ohne genau zu wissen, wieso – ich vergraulte meine Freunde und fand mich am Ende tatsächlich bei einer Psychologin wieder. Meine Ärztin diagnostizierte mir einen leichten Burnout. Für kurze Zeit hatte ich also die Freude am Leben verloren. War das noch die ganz normale Pubertät – oder hatte es nicht vielleicht doch auch etwas mit der Pille zu tun? Das konnte und kann mir bis heute niemand sagen. Hört man sich an, welche Erfahrungen andere junge Mädchen und Frauen gemacht haben, lässt sich eine Verbindung zumindest nicht ganz ausschließen. Meine Ärztin vermutete ebenfalls einen Zusammenhang. Selbst wenn es sich hier auch – mehr oder weniger – um die Anzeichen einer typischen Pubertät handeln mag: Ist es nicht trotzdem auch ein kritischer Moment, dem Körper gerade dann von außen Hormone zuzuführen, während er selber ohnehin schon mit der Hormonumstellung der Pubertät zu kämpfen hat?

Jeder Mensch und speziell jede Frau reagiert schließlich anders auf die verschiedensten Umstände.

Später normalisierte sich mein Verhalten wieder. Dennoch passiert es mir immer noch, dass ich von superhappy auf unglaublich deprimiert und zurück umschwenke. In solchen Momenten frage ich mich noch immer, wieso das gerade so ist. Vor einigen Tagen telefonierte ich mit einer sehr guten Freundin. Sie ist so etwas wie meine Seelenverwandte. Wir sind am gleichen Tag geboren, das verbindet. Sie erzählte mir, wie es ihr erging, als sie die Pille vor etwa einem halben Jahr absetzte. Sie berichtete von Haarausfall, Gewichtszunahme und fürchterlichen Pickeln im Gesicht, auf dem Rücken sowie im Nacken- und Halsbereich. Was für ein Schock! Kurzzeitig war ich so verunsichert, dass ich mehrere Tage mit dem Gedanken spielte, mir doch wieder ein Rezept zu besorgen: Immerhin sind es nur noch wenige Monate bis zu meiner Hochzeit, und da habe ich natürlich nicht vor, pickelig und vollkommen aufgeschwemmt vor meinen Zukünftigen zu treten.

Was mich wieder beruhigt hat: Jeder Mensch und speziell jede Frau reagiert schließlich anders auf die verschiedensten Umstände. Vielleicht wird auch meine Haut unreiner, oder vielleicht nehme ich zwei, drei Kilo zu – vielleicht aber auch nicht. Am Ende ist doch alles nur halb so wild. Ich glaube fest daran, dass ich meinem Körper nach 14 Jahren etwas schuldig bin und es zumindest versuchen sollte. Wenn es mir guttut und ich mich wohlfühle, habe ich alles richtig gemacht. Falls nicht, habe ich wieder mehr über mich selbst gelernt. Natürlich habe ich auch jederzeit die Möglichkeit, doch wieder mit der Einnahme zu beginnen oder mich über völlig andere Verhütungsmethoden zu informieren, über die ich bisher noch gar nicht nachgedacht habe.

Ich bin gespannt, was passiert, und werde euch hier natürlich davon berichten…

Du hast auch kürzlich die Pille abgesetzt? Schreibt mir eure Erfahrungen in die Kommentare.

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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