Ja, ich kann Deutsch! Über Vorurteile und woher sie kommen

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Lesezeit: 3 Minuten
Wir Menschen haben alle Vorurteile und werden sie nur schwer los…

Wir streben stets danach, Menschen und Situationen vorurteilsfrei gegenüberzutreten. Doch erwische ich mich fast täglich dabei, wie sich Vorurteile unter meine Gedanken mischen – und auch ich selbst werde von anderen immer wieder mit ihnen konfrontiert. Warum wir niemals vorurteilsfrei sein können… 

 

Viele von euch bezeichnen sich mit Sicherheit ganz selbstbewusst als offen und tolerant – und auch ich würde das von mir behaupten. Ganz nach dem Motto »leben und leben lassen« gehöre ich zu einer Generation, die von klein auf beigebracht bekommen hat, dass wir Menschen nun mal alle unterschiedlich sind, dass Haut- oder Haarfarbe absolut keine Rolle spielen und alle so sein dürfen, wie sie sein wollen. In meinen Augen ist Vielfalt etwas Wunderbares. Wenn man sich vor nichts und niemandem verschließt, sondern sich zunächst einen Eindruck verschafft und erst dann beginnt, fair zu bewerten und zu urteilen, erschließen sich einem manchmal ganz neue Welten, wird einem das Leben bunt und vielseitig. Soweit die Theorie – denn in der Praxis ist das dann leider doch gar nicht immer so leicht. 

Trotz meiner Erziehung und eines in vielerlei Hinsicht seit jeher durch und durch gemischten Freundeskreises muss auch ich immer wieder feststellen, dass ich gelegentlich meinem ganz eigenen »Schubladendenken« erliege. Eine stereotype Kategorisierung von Menschen, die ich gern verhindern würde, die sich aber ganz automatisch ihren Weg bahnt. Doch versuche ich auch, meine Gedanken in den meisten Fällen wenigstens für mich zu behalten und diese höchstens mit einer Freundin oder meinem Mann zu teilen. 

In einer Schublade mit Whitney & Beyoncé

Mir selbst ist es schon häufig passiert, dass mich Menschen vorverurteilen und in ihre Schubladen stecken. An einer Supermarktkasse brüllte mir ganz unvermittelt mal eine Frau lautstark und sehr langsam entgegen: »KÖNN-EN - SIE - MICH - VER-STEH-EN?« Da sie sicher nicht vermutete, ich könne taub sein, war sie nach einem kurzen Blick auf mein Äußeres wohl einfach davon ausgegangen, ich würde die deutsche Sprache nicht beherrschen. Ich entschied mich dagegen, ihr zu erklären, dass ich in Deutschland geboren bin, mein Deutsch-Abitur auf Leistungskursniveau absolviert hatte und zu diesem Zeitpunkt gerade Journalismus studierte… 

Zu meinen absoluten Lieblingsvorurteilen gehört übrigens auch, dass ich ja wohl wahnsinnig gut singen und tanzen können müsse. Immerhin bin ich »halb schwarz« – und das haben »wir« ja schließlich so im Blut. Ja, es gibt durchaus Schlimmeres, als mit Whitney Houston und Beyoncé gemeinsam in einer Schublade zu stecken, doch halte ich diese Vermutungen dennoch für ziemlich weit hergeholt. Einer guten Freundin von mir ist das hier passiert: Nur aufgrund ihres Nachnamens wünschte ihr eine Kollegin aus einer anderen Abteilung per Mail kurz vor Ostern »trotzdem schöne Feiertage«, da sie ja »dieses christliche Fest« nicht feiern würde. Eine Annahme, die ich persönlich nicht nur äußerst frech, sondern auch wahnsinnig übergriffig finde. Diese Vermutung hätte die Dame in jedem Fall für sich behalten müssen. 

Kategorisierung der Umwelt ist durchaus sinnvoll

Wir halten also fest: Die Gedanken sind frei, doch sollten nicht alle von ihnen wahllos geäußert werden. Doch wie sieht es eigentlich aus? Können wir denn überhaupt etwas für unsere Vorurteile? Auch ich sortiere Menschen regelmäßig gedanklich in meine Schubladen und bilde mir ein, anhand der Kleidung, der Frisur, einer bestimmten Körperform und diverser anderer Äußerlichkeiten ziemlich genau sagen zu können, um was für eine Person es sich handelt. In einem Beitrag des »Psychologie Magazins« heißt es dazu: »Im Ursprung hat das »Schubladendenken«, also die Kategorisierung unserer Umwelt, eine durchaus nützliche Funktion. Die zahlreichen Informationen, welche auf unser Gehirn einstürmen, werden geordnet, bewertet und führen letztendlich auch dazu, dass man schnell darauf reagieren kann. Evolutionspsychologisch betrachtet also durchaus sinnvoll: Was bedrohlich ist und was nicht, basiert auf Erfahrungswerten und lässt sich anhand einzelner Außenreize schnell bewerten, eine entsprechende Handlung wird aktiviert.«

 

Menschen bewerten ihr Gegenüber 

So weit, so gut, doch scheinen mir die meisten dieser automatisch ablaufenden Einordnungen doch ziemlich oberflächlich zu sein. Warum lässt sich das nicht abstellen? Wer kennt zum Beispiel nicht das Klischee, Blondinen seien weniger intelligent? Dass diese Pauschalisierung völliger Quatsch ist, wissen wir alle – und doch hält sie sich hartnäckig. Wie kommt es also, dass solche stereotypen Charakterzuschreibungen offenbar so fest in unseren Köpfen verankert sind? Im Artikel heißt es dazu: 

»Der Grund, warum Menschen Vorurteile haben und sich diese in den Köpfen halten, ist schlicht und ergreifend der, dass wir eher Informationen verarbeiten, die zu unserem bestehenden Wissen passen. Die Ursache dafür ist im Grunde ökonomischer Natur. Es ist mit mehr Aufwand verbunden, Informationen, die nicht passen, integrieren zu müssen. Denn dies würde schlimmstenfalls implizieren, dass das vorhandene Wissen verworfen und neue Informationen eingeholt werden müssten. Die Folge: Wir wüssten nicht mehr unser Gegenüber zu bewerten und hätten keine Handlungsschemata parat. Dagegen ist es leichter, dass wir weiterhin Vorurteile haben und das Nichtpassende als Ausnahme abtun.«

Dieses »bestehende Wissen« sammelt sich bereits in frühester Kindheit an. Alles, was wir beigebracht und an Erfahrungswerten (ob fundiert oder nicht) zum Beispiel von unseren Eltern mitgegeben bekommen, prägt sich uns ein. Aber auch wenn wir aus diesem Grund erst einmal nichts für einige unserer vorgefertigten Denkmuster können, auch wenn es also völlig normal ist und niemand gänzlich frei davon ist, gewisse Vorurteile zu haben – es ist dennoch unsere Pflicht, angemessen mit ihnen umzugehen: uns diese Vorurteile nach Möglichkeit bewusst zu machen, jedes einzelne dieser Muster zu hinterfragen und gegebenenfalls auch bewusst zu revidieren. Nur so können wir meiner Meinung nach den Feinden unserer Gesellschaft – Hass, Hetze, Neid und Angst – entgegenwirken… 

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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