Von Schicksal, Tränen & Trauer

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Von Schicksal, Tränen & Trauer
Ich bin ein empathischer und emotionaler Mensch und habe keine Probleme damit, mich in andere Menschen hineinzuversetzen oder meine Gefühle zu zeigen. In dem Fall eines verstorbenen Jungen, den ich leider nie kennenlernen durfte, kann ich meine unendliche Trauer im Nachhinein vermutlich nur mit Schicksal erklären…
 

“Die Castro heult schon wieder…”. Es gab eine Zeit, in der eine gute Freundin, mit der ich damals zusammenarbeitete, diesen Satz beinah mehrmals wöchentlich in die Runde warf. Obwohl ich behaupten möchte, dass ich inzwischen weniger weine als noch vor ein paar Jahren, fällt mir kaum eine Situation ein, wegen der mir nicht die Tränen kommen könnten. So ist es mir schon mehrfach passiert, dass Freunde schöne Dinge geschenkt bekamen oder ein langersehntes Ziel erreichten und ich mich so sehr für sie freute, dass ich weinen musste. Ich weine auch, wenn ich mal wieder realisiere, wie gut es mir doch geht und wie viel Glück ich in meinem Leben habe. Vor allem wenn es um die Liebe geht, breche ich regelmäßig vor Freude in Tränen aus.

Heulsusen-Alarm?

Ich weine aber auch, wenn ich wütend oder total überfordert bin, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle oder mich darüber ärgere, dass ich mal wieder den Mund nicht aufbekommen habe. Ich kann ganz schlecht traurige oder emotionale Filme schauen – und obwohl ich ihn nie persönlich getroffen habe, zerriss mir die Nachricht über den Tod von Michael Jackson beinah das Herz. Als Queen- und vor allem Freddie-Mercury-Fan passiert es mir auch immer wieder, dass ich traurig darüber bin, dass der – meiner Meinung nach beste Sänger, der jemals gelebt hat – so früh von uns gehen musste. Inzwischen verbinde ich mit seinen Songs auch unglaublich viele emotionale Momente. Doch zum Glück (ich klopfe auf Holz!) musste ich bisher noch keinen wirklich großen Verlust in meinem Umfeld beklagen. Ausgenommen sind zwei Hamster und eine Katze, deren Tod mir bis heute in manchen Situationen die Tränen in die Augen treiben kann.

Ehrliche Emotionen

Als ich gegenüber einer Bekannten einmal erwähnte, dass ich in vielen Momenten gar nicht weinen möchte, es aber nur selten aufhalten kann, schaute sie mir tief in die Augen und bat mich, diese Eigenschaft niemals zu verlieren. Ihrer Meinung nach seien diese Emotionen einfach nur ehrlich. Viele Menschen würden sich zu oft hinter einer Fassade verstecken, erklärte sie mir. Ich fand sehr nett, was sie sagte. Doch in einigen Situationen könnte ein bisschen mehr Selbstkontrolle nicht schaden. Denn so kann ich kaum eine emotionale Regung vor anderen verstecken. Selbst Menschen, die mich noch nicht so gut kennen, sehen sofort, dass ich eben nicht okay bin, wenn ich mal nicht okay bin. Auch wenn ich aus Höflichkeit versuche, es so aussehen zu lassen. Doch vielleicht sollte ich es auch einfach dabei belassen, denn so bin ich nun mal. Bevor ich meine Emotionen in Gewalt, völliges Stillschweigen oder hysterisches Gelächter umwandele, lasse ich einfach alles aus mir herausfließen.

Auf der Suche nach Hilfe und Trost? 

Als einer der ersten untersuchte übrigens Charles Darwin das Weinen wissenschaftlich. Damals sah er zwei Funktionen: eine entspannende und eine kommunikative. Heute führt Prof. Dr. Ad Vingerhoets von der niederländischen Universität Tilburg die Ansätze und Untersuchungen des Naturforschers intensiv weiter. Er ist der Meinung, dass Menschen am ehesten weinen, um Hilfe und Trost zu bekommen – in einigen Fällen auch, um Aggressionen abzubauen. Vingerhoets und andere Wissenschaftler sind sich deshalb sicher, dass die entspannende Funktion ein Trugschluss Darwins war, da die Entspannung erst eintrete, sobald die weinende Person auch wirklich Hilfe oder Trost erfahren habe. Beim Weinen seien Menschen körperlich erregt, und zwar vom Anfang bis zum Ende. Zu den häufigsten Auslösern für das Weinen gehören neben der allgemeinen Traurigkeit auch Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit und das Fehlen adäquater Verhaltensreaktionen auf eine Problemsituation. Hinzu kommt der Verlust oder die Trennung von geliebten Menschen durch Todesfälle, Scheidungen und Heimweh.

Doch gibt es auch einen großen Unterschied zwischen Frauen und Männern sowie Kindern. Eine Studie von Augenärzten der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft in München zeigt, dass Frauen bis zu 64-mal, Männer höchstens 17-mal im Jahr weinen – und Kinder sogar noch deutlich häufiger. “Frauen weinen am ehesten, wenn sie sich unzulänglich fühlen oder vor schwer lösbaren Konflikten stehen. Aber auch, wenn sie sich vergangener Lebensepisoden erinnern. Männer hingegen weinen häufig aus Mitgefühl oder wenn die eigene Beziehung gescheitert ist”, heißt es.

 

Doch Träne ist nicht gleich Träne. Wie Vingerhoets erklärt, unterscheidet die Wissenschaft zwischen drei Arten von Tränen. Da sind zum einen die Basal-Tränen, die bei jedem Augenblinzeln ausgelöst werden und wichtig für den Schutz und die Befeuchtung des Auges sind. Dann die Reiz- oder Reflextränen, die beispielsweise durch Zwiebeln, Infektionen oder Wind ausgelöst werden können – sie werden von den großen Tränendrüsen abgegeben, die sich im oberen, äußeren Teil jeder Augenhöhle befinden. Und schließlich gibt es da noch die emotionalen Tränen, die nicht vom Auge selbst, sondern von unseren Gefühlen ausgelöst werden.

Trauer um einen Fremden

Mit Letzteren hatte ich auch damals zu kämpfen, als mein bester Kumpel an einem Sonntagvormittag vor der Tür meines Elternhauses stand, bitterlich weinte und schrie: “Daniel ist tot!”. Ich kannte Daniel nicht. Er war zwei Jahre älter und besuchte ein anderes Gymnasium. Da er Fußball in einem Verein spielte und unsere umliegenden Dorf- und Stadtmannschaften regelmäßig gegeneinander antraten, kannten ihn vor allem andere Jungs, die öfter gegen ihn gespielt hatten. So auch mein Kumpel. Die kommende Woche war einfach nur furchtbar. Von den älteren Schülern schienen ihn mehr gekannt zu haben, als ich zunächst annahm. Viele trugen Schwarz, die Stimmung war betrübt. Es lag Trauer in der Luft. Und obwohl ich diesem Jungen nie begegnet war, tat er mir leid. Er ist viel zu früh gestorben und hat viele Menschen zurückgelassen, die ihn als Freund offenbar sehr schätzten. Meine Gedanken kreisten. Im Biologie-Unterricht konnte ich meine Tränen nicht mehr aufhalten. Ich schluchzte wie ein Baby, sodass mich die Lehrerin sogar aus dem Unterricht nehmen musste. Ich konnte die Situation nur schwer ertragen. Mein Kumpel, der zwei Reihen hinter mir saß, folgte mir – wir umarmten uns.

Ende 2007 lernte ich meinen künftigen Ehemann kennen. In der letzten Woche, über zehn Jahre später, realisierte ich zum ersten Mal, wer uns schon damals verbunden hatte: Daniel war einer seiner guten Freunde – kurz vor seinem Tod waren beide noch zusammen auf einer Party gewesen. Ich wusste, dass mein Verlobter damals einen Freund verloren hatte. Dass es sich aber um diesen Daniel handelte, verstand ich erst später. Ist die ganze Geschichte ein Zufall? Nein, für mich ist es irgendwie Schicksal. Und auch wenn es für viele Menschen komisch und verrückt klingen mag, ich denke oft über Daniel und die damalige Situation nach – und da ich weiß, wie nah er und mein Verlobter sich standen, bin ich auch jetzt noch wirklich traurig darüber, dass ich nie die Gelegenheit hatte, ihn kennenlernen zu dürfen…

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

4 Kommentare

Joachim Eckardt
#4 — vor 10 Monaten 4 Wochen
Hallo Claudia,
ich habe Deinen Bericht mit großem Interesse gelesen, weil ich mit zunehmendem Alter mehr Gefühle zulassen kann und daher auch häufig »zu Tränen gerührt bin«.
Neben den von Dir geschilderten Auslösern gibt es bei mir einen weiteren Grund: Wenn ich erlebe, dass Menschen in einem Vortrag (auch bei manchen qualifizierten Reden im Bundestag) 100 Prozent authentisch sind und wirklich passende Worte zu einem Ereignis finden, löst das wahrscheinlich über mein Schamgefühl (vielleicht weil ich diese Begabung nicht habe) Tränen aus. Das passiert auch, wenn Schauspieler ihre Rolle auch emotional total überzeugend spielen (wahrscheinlich hat das dann bei mir den gleichen Grund. In jedem Fall hat mich Dein Bericht sehr angesprochen. Weiter so! Liebe Grüße, Joachim E.
Museyi -Kabongo
#3 — vor 1 Jahr 1 Monat
Liebe Frau Claudia , Sie sind Fantastic und super geniale alles wo Sie schreiben.Eine Kleine frage! haben Sie auch Kindern? schönen Tag noch. Bye. K,M.
Claudia Marisa Alves de Castro
#2 — vor 1 Jahr 2 Monaten
Hallo liebe Kristina,

vielen Dank für diesen ehrlichen und lieben Kommentar! Früher kam ich mir immer komisch vor und habe versucht meine Emotionen zu verstecken. Aber wieso? Ich denke, dass es einfach nur menschlich ist – und wie eine Bekannte von mir meinte: ehrlich. Also bleiben wir weiterhin menschlich und ehrlich. Eigenschaften, für die sich niemand schämen sollte…

Ganz liebe Grüße,
Claudia
Kristina Stannat
#1 — vor 1 Jahr 2 Monaten
Liebe Frau Alves de Castro,

ich habe ihren Artikeln zufällig im Internet gefunden und sehr aufmerksam gelesen, da ich genauso fühle wie Sie.
Ich bin ein hoch emotionaler Mensch und kann mich gut in andere Menschen hinein versetzen, wenn es denen schlecht geht.
Ich kann auch keine Menschen weinen sehen, dann muss ich immer mit weinen auch wenn ich sie gar nicht kenne.
Auch wenn es Freudentränen sind, zum Beispiel bei sportlichen Wettkämpfen und dem Sieger auf dem Treppchen kommen die Tränen, dann fließt es bei mir auch.Oder wenn ich ein traurigen Artikel über einen Menschen in der Zeitung lese.Aktuell verfolge ich die Rettung der Jungs aus der Höhle in Thailand, da mußte ich auch weinen, als der Taucher zum Beispiel ums Leben kam.Ich könnte noch unzählige
Dinge aufführen.Manchmal habe ich schon gedacht, das das nicht normal sein kann, aber nachdem ich nun ihren Artikel gelesen habe,
weiß ich, das es auch noch Menschen gibt die so fühlen wie ich. Vielen Dank und Liebe Grüße

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