Vom Zombie sein & einer ausgeprägten Apfelsaft-Sucht

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Kurz bevor ich meine Tage bekomme, könnte ich mich nur noch von Apfelsaft ernähren
Es ist mal wieder so weit. In etwa einer Woche beginnt meine Periode. Und weil die Menstruation an sich nicht schon anstrengend genug ist, beginnt die ganze Tortur bereits einige Tage vorher. 
 

Noch bis vor ein paar Monaten hatte ich eine Phase erreicht, in der ich meine Periode wie einen gemütlichen Sonntagsspaziergang empfand. Ich fühlte mich im Vorhinein gut, von einer, durch die Menstruation ausgelösten unreinen Haut war kaum etwas zu sehen, ich hatte nur leichte Schmerzen und konnte die Intensität meiner Blutung für alle vier bis fünf Tage als »leicht« bis »mittel« definieren. 

Der Zombie in mir erwacht

Aktuell sieht das Ganze doch etwas anders aus. Bis zu sieben Tage vorher merke ich deutlich, dass sich etwas verändert. Ich bin müde, schlapp, bekomme deutlich sichtbare Hautunreinheiten und bin ständig auf der Suche nach dem nächsten Kick. Wie ein Zombie schleiche ich immer wieder in die Küche und versuche etwas Fettiges oder Süßes zu finden, dass mich aufputscht und mir ein befriedigendes Gefühl verschafft. Zudem erreicht meine Liebe zu naturtrübem Apfelsaft in dieser Zeit eine völlig neue Dimension. Den Liter goldgelbe Versuchung mit 11g Kohlenhydraten, wovon 10,5g reiner Zucker sind, bin ich in der Lage ohne Probleme innerhalb kürzester Zeit auszutrinken. Gebe ich dem Verlangen nicht nach, sinkt meine Konzentration und meine Gedanken kreisen nur um das eine: Wie komme ich an Zucker und Fett? Soll ich meine Arbeit unterbrechen und schnell zum Kiosk laufen? Hilft ein Kaugummi? 

Nein, leider hilft mir in solchen Situationen kein Kaugummi. Und der Gedanke, an das, was mir noch bevorsteht, macht die Situation ebenfalls nicht besser. Im letzten Monat bekam ich meine Tage während meines Mallorca-Urlaubes. Auf einem Ausflug hatte ich plötzlich mit so starken Rückenschmerzen zu kämpfen, dass mir schwindelig wurde und ich mich für eine halbe Stunde auf eine Mauer legen musste. Die Schmerztabletten haben an diesem Tag leider nichts gebracht. Sobald die Blutung einsetzt, ist der Spuk allerdings vorbei und ich fühle mich wieder vollkommen normal. 

Der Kampf beginnt: Glückshormone vs. Stresshormon

Doch abgesehen von den Schmerzen: Was passiert eigentlich in einem Frauenkörper, kurz bevor die Periode einsetzt? Heißhunger vor der Menstruation ist etwas, dass viele Frauen betrifft. Der Grund dafür ist simpel: In den Tagen vor der Monatsblutung sinkt die Konzentration der Botenstoffe Serotonin, GlutaminNoradrenalin und Dopamin im Blut ab. Zeitgleich wird das »Stresshormon« Cortisol vermehrt ausgeschüttet. Da sich der Körper nun in Alarmbereitschaft befindet, reagiert er mit einem gesteigerten Verlangen nach süßen und fetthaltigen Nahrungsmitteln. Geben wir unserem Körper, was er verlangt, wird wiederum die Produktion von Dopamin und Serotonin angeregt – die sogenannten »Glückshormone« werden somit wieder gesteigert. Wir fühlen uns – wenn auch nur für kurze Zeit – wieder gut. 

So funktionieren Serotonin und Cortisol

Paula ist Physiotherapeutin, Ernährungsberaterin, (Lauf-)Trainerin und angehender Life Coach. Auf ihrem Blog »laufvernarrt« hat sie sich genauer damit auseinandergesetzt, wie sich Serotonin und Cortisol auf den weiblichen Körper in den Tagen vor den Tagen auswirken. Sie erklärt: 

»Serotonin ist ein entscheidender Botenstoff, wenn es um unsere Stimmung geht. Bei Serotoninmangel kommt es zu Depressionen oder depressiven Verstimmungen. Aber auch auf dein Herz-Kreislaufsystem, deinen Verdauungstrakt und bei der Übertragung von Signalen im Gehirn und über Nerven spielt Serotonin eine wichtige Rolle. Serotonin wirkt eigenständig nicht stimmungsaufhellend, sondern es dämpft die Wirkung von Stresshormonen ab.« So ist Serotonin in der Lage, Entspannung sowie den Schlaf zu fördern und für mehr Motivation und Antrieb zu sorgen. Das »Wohlfühlhormon« hemmt außerdem Schmerzen, wirkt antidepressiv und mindert Stress. 

Zu Cortisol schreibt sie: »Während Serotonin die Stressantwort eher dämpft und abfedert, produziert Cortisol diese. Cortisol ist das wichtigste Stress-Hormon, das dein Körper bildet. Es steigert die Körpertemperatur, aktiviert den Energiestoffwechsel und wirkt auf viele weitere Stoffwechselvorgänge. Eigentlich sind Serotonin und Cortisol gute Gegenspieler, sodass bei einem Gleichgewicht dieser Botenstoffe keine Probleme auftreten. Während deiner Periode jedoch kommt es zu einem Ungleichgewicht und einem Cortisolüberschuss.«

 

Um dagegen anzukämpfen können wir uns unseren Gelüsten hingeben (ich persönlich finde das hin und wieder gar nicht schlimm) oder unsere Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenken. 

Das hilft gegen Heißhunger vor der Periode

  • Die Wissenschaft hat sich eingehend mit der Thematik beschäftigt und herausgefunden, dass Bewegung Heißhunger stoppen kann. Am effektivsten ist dabei Ausdauertraining (ein Spaziergang an der frischen Luft hilft ebenfalls), da beim Sport der Serotoninspiegel erhöht und Dopamin ausgeschüttet wird. Das Belohnungszentrum im Gehirn gibt sich damit zufrieden und verlangt vermutlich nicht nach noch mehr Fett und Zucker. 
     
  • Doch kann auch gegen den Heißhunger angegessen werden. Serotonin wird insbesondere auch durch Walnüsse, Kakao, Kiwis, Bananen, Ananas, Tomaten und Datteln angeregt. Es muss also nicht immer die Pizza mit einer Extraportion Käse oder ein Schokoeisbecher sein. 
     
  • In den Tagen vor den Tagen kann es außerdem helfen, auf Kaffee zu verzichten, da dieser die Cortisolproduktion besonders anregt. In dieser Zeit ist Grüner Tee hilfreich, der mit seinen Inhaltsstoffen gegen den Heißhunger wirkt. 
     
  • Sogar Meditation kann dabei helfen, dem Heißhunger zu entgehen. Denn meditieren reduziert Stress und steigert den Serotoningehalt im Köper. Allerdings wird die Veränderung erst nach einer gewissen Regelmäßigkeit spürbar. 
     
  • Ein weiterer Tipp ist außerdem, sich bewusst Wohlfühl-Momente zu schaffen, die glücklich machen und dafür sorgen können, dass der Seretoningehalt steigt. Dich macht Lesen glücklich? Ein Tag im Spa, eine Bootstour, Yoga oder ein Spaziergang im Wald? Egal, was es ist, was dich glücklich macht, lässt den Heißhunger verschwinden. 
     

Ich werde die Tipps in jedem Fall verinnerlichen. Und sobald mich mal wieder das Gefühl überkommt, ganz dringend in naturtrübem Apfelsaft baden zu müssen, werde ich lieber an die frische Luft gehen, eine Runde laufen, Yoga machen oder Walnüsse knabbern… 

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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