Weihnachtsgeschenke: »Ich habe früher nur einen Ball bekommen!«

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Lesezeit: 3 Minuten
Traurig aber wahr: Meine furchtbbare Reaktion auf die vielen Geschenke gibt es auf Video

Je älter ich werde, desto unwichtiger werden mir Weihnachtsgeschenke. Als ich noch ein kleines Mädchen war, sah das allerdings ganz anders aus…

 

Früher lief bei uns häufig die Videokamera – mein Opa filmte fleißig alles mit. Ob bei Ausflügen, Familienfeiern oder wenn ich einfach mal Lust hatte, vor der Kamera zu singen. Viele Momente wurden für die Ewigkeit festgehalten, was mich heute sehr freut. Und noch mehr freue ich mich darauf, diese Aufnahmen irgendwann einmal meinen eigenen Kindern zu zeigen. Vor allem bin ich gespannt, was sie zu einem ganz speziellen Moment sagen werden, der mich selbst immer wieder ein wenig schockiert und mich in später Scham die Hände vor den Augen zusammenschlagen lässt.

Doch noch eines vorweg: Ich bin ein Einzelkind und mit Abstand betrachtet kann ich auf jeden Fall sagen, dass ich mehr als verwöhnt wurde. Mir blieb so gut wie nie ein Wunsch versagt, und so verhielt ich mich hin und wieder wie eine kleine Prinzessin. Wie verwöhnt ich war, lässt sich dank meines Opas sogar immer und immer wieder anschauen. 

»Das war’s schon?«

Als meine Familie und ich gemeinsam Zeit bei meinen Großeltern verbrachten, kamen wir auch auf die Videoaufnahmen zu sprechen und beschlossen, uns die alten Filme mal wieder anzuschauen. An viele Szenen aus unserem damaligen Leben konnte ich mich noch gut erinnern. An den eingangs angesprochenen ziemlich speziellen Moment allerdings nicht. Dieser zeigt mich an Weihnachten vor dem schön geschmückten Tannenbaum. Ziemlich skurril dabei ist allein schon, dass man mich sieht (ich schätze ich war fünf Jahre alt), wie ich in einem riesigen Berg aus Geschenken und Geschenkpapier sitze. Und dann das: Als ich gerade das letzte Paket aufgerissen hatte, schaute ich verdutzt in die Runde und rief entsetzt: »Das war’s schon?« Meine Familie fing an zu lachen und zu stöhnen – immerhin konnte jeder sehen, dass ich durchaus genügend Geschenke bekommen hatte. Was wollte ich also noch? 

Doch egal ob an Weihnachten, Ostern, zu meinen Geburtstagen oder bei anderen Anlässen: Meine Mutter wurde nie müde zu betonen, dass sie früher immer nur so etwas wie einen Ball geschenkt bekommen habe und trotzdem sehr zufrieden gewesen sei. Ein Satz, mit dem ich früher natürlich noch nichts anfangen konnte. Heute weiß ich genau, was sie damit meinte. Und die Wissenschaft tut es auch. 

»Überschenken« führt zu Verhaltensproblemen

Im ihrem Artikel »Verderben zu viele Geschenke dein Kind?« hat meine Kollegin Arzu schon von diesem »Phänomen« berichtet. Der amerikanische Psychotherapeut Sean Grover hat sich lange mit dem Thema des »Überschenkens« an Weihnachten beschäftigt und kam zu dem Ergebnis, dass Geschenkeberge bei Kindern eine Art Rauschgefühl auslösen. Arzu schreibt dazu: »Sie verspüren zwar großes Glück, allerdings hält dieses nur für kurze Zeit an. Schnell entwickeln sie das Verlangen nach mehr und kompensieren damit ihre emotionalen Defizite. Laut Grover kann das Überschenken sogar weitreichende Folgen bis ins Erwachsenenalter haben: Untersuchungen der University of Missouri haben ergeben, dass diese Kinder im Erwachsenenalter anfälliger für Kreditkartenschulden, Glücksspiel und zwanghaftes Einkaufen waren.« Weiter erklärt sie, Untersuchungen hätten ergeben, dass Kinder mit wenig materiellem Besitz, aber positiven Beziehungen zu ihren Eltern glücklicher seien und weniger Verhaltensprobleme aufwiesen. 

Geld sparen: Das musste ich erst lernen

Dazu kann ich sagen, dass ich zum Glück weder Kreditkartenschulden habe noch glücksspielsüchtig bin oder das zwanghafte Gefühl habe, ständig einkaufen zu müssen. Allerdings muss ich zugeben, dass ich es nach dem Auszug aus meinem Elternhaus nicht immer einfach fand, mein Geld zusammenzuhalten und vor allem auch mal etwas beiseite zu legen. Letzteres ärgert mich, da ich so viel zu spät wirklich ernsthaft mit dem Sparen begonnen habe und ganz sicher weiß, dass ich mit etwas mehr Disziplin schon viel mehr Geld für die Zukunft auf dem Konto hätte haben können. Doch die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, und letztendlich möchte ich das ja auch gar nicht. Ich möchte auch nicht sagen, dass ich mit weniger Geschenken ein besserer Mensch geworden wäre. Meine Eltern – allen voran meine Mutter – haben immer alles dafür getan, dass ich trotz des Überflusses auf dem Boden bleibe und meine Geschenke zu ehren und zu schätzen weiß – bei aller überschwänglichen Auspack-Euphorie und dem Rauschgefühl, das ich mit Sicherheit tatsächlich empfunden habe.

 

Dass ich mich vor dem Verhalten meines jüngeren Ichs auf dem Videofilm so erschrocken habe, erinnert mich auch wieder daran, dass wir an Weihnachten häufig vergessen, worum es in dieser Zeit wirklich geht. Nicht etwa um den überschwänglichen Konsum (mag er noch so gut gemeint sein), sondern um das Beisammensein, die Zuneigung und Liebe zueinander und das unendliche Glück, in Frieden und Freiheit leben zu können. Ohne all das wäre doch das größte und tollste Geschenk rein gar nichts wert – oder? 

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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