Überfordert: Wieso ich so schrecklich auf Anmachen reagiere

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Lesezeit: 4 Minuten
Wieso ich nicht mit Anmachen umgehen kann

Ich habe ein Problem: Immer wenn ich nett von einem Mann angesprochen werde, reagiere ich überfordert und automatisch unhöflich. Obwohl ich mir fest vornehme, es nicht zu tun, mache ich doch immer wieder denselben Fehler. 

 

Wer diese Kolumne verfolgt und mich ein wenig kennt, weiß, dass ich seit fast 12 Jahren in einer festen Beziehung lebe und seit über einem Jahr verheiratet bin. Da ist es für mich selbstverständlich, dass ich keine fremden Männer anspreche und sie frage, ob sie mit mir einen Kaffee trinken gehen. Umgekehrt passiert mir das aber häufiger. Und obwohl es mir natürlich nicht auf die Stirn geschrieben steht, dass ich verheiratet bin, finde ich es trotzdem oft einfach nur merkwürdig, dass Männer so auf mich zu kommen. Warum merkwürdig? Meinem ganz persönlichen Empfinden zufolge würde ich behaupten, dass ich auf fremde Männer eher distanziert wirke, da ich sie nur äußerst selten interessiert beachte. Wenn ich mit einer Single-Freundin durch die Stadt laufe und sie mich auf einen »heißen« Typen aufmerksam macht, der soeben an uns vorbeigelaufen ist, habe ich ihn meist nicht einmal wahrgenommen. 

Höflich & sanft: Kann ich nicht! 

Werde ich unerwartet von einem Mann angesprochen, habe ich das Problem, dass ich damit nicht besonders gut umgehen kann. Zwar finde ich, dass schon einiges dazu gehört, eine fremde Person nach der Telefonnummer oder gar einem Date zu fragen. Trotzdem sollte die Abfuhr meiner Meinung nach so sanft und höflich wie nur eben möglich erfolgen – vorausgesetzt natürlich, man wurde ebenfalls anständig und höflich angesprochen. Doch so oft ich mir ein solch besonnenes Verhalten auch schon vorgenommen habe, ich reagiere jedes Mal überfordert und, wie ich finde, unhöflich. 

Das hatte er nicht verdient

So auch an diesem Tag: Ich saß im Wartezimmer meiner Hausärztin und war genervt davon, dass so viele Leute noch vor mir dran sein würden. Nachdem ich zwischenzeitlich auf der Toilette gewesen und nun wieder auf dem Rückweg ins Wartezimmer war, rief plötzlich ein Mann nach mir – bei geöffneter Tür saß er bereits im Behandlungszimmer, wo er auf die Ärztin wartete. Er sagte freundlich »Hallo« und kam auch gleich zur Sache. Er erklärte, dass ich ihm aufgefallen sei und er mich sehr sympathisch finde. Es sei ihm klar, dass das jetzt natürlich ein ungewöhnlicher Ort sei, aber dennoch wolle er die Chance nutzen und fragen, ob ich mir vorstellen könne, mit ihm mal einen Kaffee trinken zu gehen.

Wow! Jetzt im Nachhinein denke ich, dass er eigentlich wirklich freundlich und mutig war. Doch leider konnte ich das nicht zum Ausdruck bringen. Überfordert sagte ich ziemlich schnell, dass ich verheiratet sei und blieb dafür nicht einmal kurz stehen. Wie in Trance bewegte ich mich zurück Richtung Wartezimmer, während er mir noch hinterherrief: »Schade, aber ich wünsche dir noch einen richtig schönen Tag.« Er war nicht blöd zu mir gewesen und hatte meine Absage sofort akzeptiert – meine schroffe Reaktion hatte er einfach nicht verdient. Wieso bin ich so schlecht darin, in solchen Situationen angemessen zu reagieren? Dies ist übrigens nur eines von vielen Beispielen. 

Komplimente können so schön sein!

Besser umgehen konnte ich übrigens mit folgender Situation: Es war Sommer, ich trug ein rotes Kleid mit weißen Punkten. An mir vorbei ging ein Mann, der plötzlich wieder umdrehte, sich vor mich stellte und meinte: »Ich wollte nur mal sagen, dass das ein wirklich schönes Kleid ist.« Noch bevor ich reagieren konnte, rauschte er davon und war verschwunden. Er ließ mich mit einem Lächeln und einem guten Gefühl zurück – und ich war noch nicht mal in die Verlegenheit gekommen, über meinen Beziehungsstatus sprechen zu müssen. Er hatte mir einfach nur ein selbstloses Kompliment gemacht, ohne sich davon irgendetwas für sich zu versprechen.

Small Talk bricht das Eis

Und nun komme ich noch einmal zurück zu meiner Frage, wieso ich so schlecht darin bin, höflich und vielleicht auch ein wenig anerkennend auf die mutigen Männern zu reagieren, die mich ansprechen. Ich habe mehrere Foren im Netz durchstöbert, in denen sich Frauen dazu äußern, was sie empfinden, wenn sie auf der Straße oder im Supermarkt angesprochen werden. Dabei scheint es völlig egal zu sein, ob man vergeben ist oder nicht: Viele Frauen sprechen immer wieder von »Überforderung«. So unerwartet und plötzlich nach der Handynummer oder einem Date gefragt zu werden, erwischt viele Frauen eiskalt, weil sie in der Situation einfach nicht damit gerechnet hätten. Das Gefühl, überrumpelt worden zu sein, lässt auch Single-Ladies häufig das Weite suchen, obwohl sie im Rückblick eigentlich doch gern »Ja« gesagt hätten, heißt es immer wieder. Offenbar würde es vielen Frauen helfen, wenn die Person, die auf sie zukommt, erst einmal über etwas völlig anderes spräche, ein nettes Gespräch begönne, statt nach dem »Hallo« sofort ein Date vorzuschlagen. Ein solch langsames und etwas vorsichtigeres Herantasten kommt bei vielen der Frauen besser an.

Eine Standardantwort für den Ernstfall?

Ob mir ein Gespräch über das trübe Wetter oder die anrollende Erkältungswelle in meinem persönlichen Fall dabei geholfen hätte, mich freundlicher von dem Mann zu verabschieden, möchte ich an dieser Stelle bezweifeln. Überfordert wäre ich sicher trotzdem gewesen. Vermutlich hilft es mir tatsächlich nur, wenn ich mir eine Art Standardantwort zurechtlege und diese verinnerliche, um sie im richtigen Moment abrufen zu können. Klingt bescheuert? Ja, vielleicht schon. Doch auch wenn ich die jeweiligen Männer vielleicht nie wieder sehe, ist es mir dennoch jedes Mal aufs Neue unangenehm, so unsouverän das Weite zu suchen. Wie wäre es also hiermit: »Das ist wirklich nett von dir und ich bewundere deinen Mut, aber ich bin bereits glücklich verheiratet – alles Gute für dich!« 

Wie reagierst du, wenn du auf offener Straße oder an für dich ungewöhnlichen Orten angesprochen wirst? Teile es mir in den Kommentaren mit. 

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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