So nah liegen Freude und Leid beieinander

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Sharon McCutcheon auf Unsplash
So nah liegen Freude und Leid beieinander

Es kam wie ein Schlag, und noch immer kann ich es nicht verstehen. Ich habe ein Familienmitglied verloren, das ich noch nicht einmal kennenlernen durfte.

 

Nach der Hochzeit waren meine Familie und natürlich auch mein Mann und ich unglaublich glücklich. Alles lief toll, wir hatten einen wundervollen Tag und eine unvergessliche Feier gehabt. Mit diesem Glücksgefühl ging es für uns am Mittwoch danach für einen Tag an die Ostsee. Einmal rauskommen, die Füße in den warmen Sand stecken und Sonne tanken. Die Energie brauchten wir auch. Voller Freude darüber, dass ein kleiner Teil meiner Familie für die Hochzeit extra aus Afrika angereist war, hatten wir mit ihnen zusätzlich von Donnerstag bis Sonntag ein paar ereignisreiche, aber ganz sicher auch anstrengende Tage in Hamburg geplant. Doch dazu sollte es nie kommen.

Ein Anruf, der alles veränderte

Für meine angolanische Familie, die sich bis zu diesem Mittwoch bei meinen Eltern in meiner Heimatstadt aufhielt, sollte an diesem Abend ein kleines Grillfest zum Abschied stattfinden. Von Hamburg aus sollte es dann für sie am Sonntag wieder zurück nach Hause gehen. Doch während ich in Scharbeutz im Strandkorb saß und mehrere Hundert Kilometer entfernt der Grill heiß zu werden begann, klingelte mein Telefon. Mein Vater konnte seine Trauer keine Sekunde lang verbergen. Ich spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. »Claudia, es ist etwas Schlimmes passiert« – seine Worte klingen mir immer noch im Ohr. Die nächsten Minuten kamen mir vor wie Stunden. Er erklärte mir, dass der einjährige Sohn meines angolanischen Onkels gerade ganz plötzlich und unerwartet verstorben sei. Die Rettungsversuche der Ärzte im Krankenhaus waren zu spät gekommen.

Was sollten wir tun?  

Richard ist im letzten Jahr zur Welt gekommen und für uns ein kleines Wunder gewesen. Mein Onkel hatte sich sehr lange auf ihn gefreut, da die Sache mit dem Schwangerwerden zunächst nicht hatte klappen wollen. Und jetzt, nur ein Jahr nach seiner Geburt, hat uns dieser kleine Mensch schon wieder verlassen müssen. Als ich realisierte, was geschehen war, zerbrach mein Herz. Das Mitgefühl für meinen Onkel lässt sich in keine angemessenen Worte fassen. Und dann wurden wir alle mit der Frage nach dem »Und jetzt?« konfrontiert. Ein unbeschwerter Aufenthalt in Hamburg kam für niemanden mehr in Frage. Zudem sollte bereits am Samstag die Beerdigung stattfinden und mein Onkel hätte so keine Gelegenheit mehr gehabt, sich von seinem geliebten Sohn zu verabschieden. Also beschlossen wir, den Flug von Sonntag auf Donnerstag umzubuchen. 

Wie mit Trauernden umgehen? 

Am Donnerstagmorgen machte sich mein Vater zusammen mit meiner Großmutter, meiner Tante und meinem Onkel auf den Weg nach Hamburg. Insgesamt hatten wir noch etwa sechs Stunden zusammen, bis wir am Flughafen sein mussten. Eine Situation, die mich leicht überforderte. Ich bekam Herzklopfen, einen Kloß im Hals und fühlte mich unsicher. Wie sollte ich mich meinem Onkel gegenüber verhalten? Aus einem Telefonat mit meiner Mutter wusste ich, dass er, was nur allzu verständlich ist, in der letzten Nacht keine Sekunde geschlafen hatte und nicht aufhörte zu weinen. Ich nahm mir vor, in seiner Gegenwart und ihm zuliebe stark zu bleiben.

 

»Trauer macht hilflos, sprachlos und machtlos. Das gilt nicht nur für die Trauernden selbst, sondern auch und vor allem für ihr Umfeld. Kollegen, Freunde, Verwandte… viele dieser Menschen verspüren im Umgang mit einem Trauernden eine gewaltige Unsicherheit, die als lähmend erlebt werden kann. Was soll man schon sagen? (…)«, beschreibt Thomas Achenbach, Trauerbeleiter aus Osnabrück, die Situation. Nicht über den Vorfall zu sprechen oder die trauernde Person zu ignorieren, ist laut Thomas Achenbach übrigens kontraproduktiv. Er empfiehlt, den Kontakt zu suchen, nachzufragen und sogar die eigene Hilflosigkeit anzusprechen. Er macht auch darauf aufmerksam, dass konkrete Ratschläge erst einmal hintenanstehen sollten.

Franzbrötchen und ein Lächeln

Und dann stand mein Onkel vor mir. Wir nahmen uns in den Arm, wie wir es noch nie zuvor getan hatten, und ließen uns mehrere Momente lang nicht mehr los. Ich sprach ihm mein Beileid aus und sagte ihm, dass es mir furchtbar leidtue. Seine Reaktion trieb mir die Tränen in die Augen. Beinah andächtig und ruhig bat er mich darum, mir keine Sorgen um ihn zu machen. Ich bemerkte schnell, dass er sich, ähnlich wie ich, vorgenommen hatte, stark zu bleiben – doch der Schmerz war ihm deutlich anzusehen. In den nächsten Stunden kochte ich gemeinsam mit meiner Tante und meinem Mann – vor allem für meinen Onkel, da er seit Stunden nichts gegessen und kaum etwas getrunken hatte. Beim gemeinsamen Mittagessen wurde die Stimmung etwas besser. 

Und dann beschlossen wir, ihn doch noch ein wenig durch die Stadt zu fahren. Mit dem Auto kamen wir an verschiedenen Sehenswürdigkeiten vorbei, ich kaufte ihm ein Franzbrötchen (eine Hamburger Spezialität) und wir schauten uns den Hamburger Michel – die St. Michaelis Kirche – an. Ihm schien die Tour zu gefallen, zwischendurch lächelte er und stellte viele Fragen. Die Verabschiedung am Flughafen fiel uns schwer. Wir alle hatten uns das Ende des Besuches anders vorgestellt, und ich wünschte, ich hätte meine Familie nach Angola begleiten können. 

Obwohl ich Richard bisher noch nicht hatte kennenlernen können und ihn nur auf Fotos gesehen habe, fehlt er mir. Im nächsten Jahr wollte ich meinen Cousin besuchen – mit ihm seinen zweiten Geburtstag feiern. Doch die zwei Kerzen werde ich ganz sicher trotzdem anzünden, denn der kleine Engel wird für immer ein Platz in unser aller Herzen haben…

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

1 Kommentar

Sarai
#1 — vor 1 Jahr 2 Monaten
Vielen herzlichen Dank, Marisa - du sprachst mir sowas von aus dem Herzen :-)
Ich habe schreckliche, unsägliche Dinge erlebt, als mein Traummann extrem früh an Herzversagen verstarb, mein Traumprinz, mein Geliebter - er war erst 35 und ich 3 Jahre jünger, wir hatten schon 2 Kids im Alter von 8 und 10 Jahren und daß unser drittes bereits unterwegs war, das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht..
Niemand aus meinem Umfeld konnte auf mich zugehen, selbst meine Eltern nicht, KEINER. Meine Erzeuger kamen nicht mal zum Begräbnis - mit der Begründung: sie wären gerade auf ihrem Wochenendhaus :-D
Auch nicht meines Mannes Bruder, der nur sagte: Such dir am besten eine Arbeit, Zeit heilt alle Wunden.. !!???
Sie hat absolut NICHTS geheilt - die Zeit! Ich bin heute 65 und immer noch zerbrochen, liebe ihn immer noch, unfähig, einen neuen Mann jemals so zu lieben wie IHN.. Mein Leben war mit seinem vorbei; die Kinder zum Glück inzwischen groß, 5-fache Oma, aber glücklich werde ich nie wieder sein; wurde nach diesem Dilemma schwer krank und bin dies noch immer. Ein Leben im Rollstuhl; hätte nicht sein müssen - Empathie und Zuneigung (LIEBE) meiner Mitmenschen hätten mich heilen können - aber sie haben es nicht verstanden ;-(((
Ich selbst will es besser machen - wende mich Hinterbliebenen AKTIV und liebevoll zu..
Liebste Grüße,
Danke für Deine Geschichte, sie hat nach nun 32 Jahren des entsetzlichen Todesfalles meines Ehepartner meine Seele nach sooo langer Zeit noch streicheln können - hör niemals auf zu schreiben, Marisa -
Sarai

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