Ruhe & Stille: Warum ich mich im Urlaub daran gewöhnen musste

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Mallorca: So war mein Urlaub auf der Ferieninsel
Auf Mallorca brauchte ich einen Moment, um mich an die Ruhe zu gewöhnen – denn so still, wie in diesem Urlaub, war es schon lange nicht mehr…
 

Ich bin gerade aus dem Urlaub zurück und noch immer total begeistert. Auf Empfehlung vieler Freunde und Bekannte ging es für meinen Mann und mich dieses Mal nach Mallorca. Die Unterkunft, das Prime Virrey Boutique Hotel, befindet sich in Inca, etwa 40 Kilometer vom Flughafen Palma entfernt und schon bei der Ankunft ging mir das Herz auf. Im Vorhinein haben wir uns bewusst für ein kleines, abgeschiedenes Hotel, mit nur wenigen Zimmern und ohne Animation entschieden. Wir hofften also auf Entspannung und vor allem auf Ruhe. 

Wenn der Kampf um die Liegen am Pool ausbleibt… 

Von dem strahlend blauen Himmel mal abgesehen, verliebte ich mich sofort in die herrschaftlich anmutende Casa del Virrey und den Anblick der Berge, die sich von dem Grundstück und den Zimmern der Unterkunft bestaunen lassen. Unseren ersten Abend ließen wir entspannt bei einem leckeren Dinner ausklingen und freuten uns auf den nächsten Tag. Was uns zu diesem Zeitpunkt allerdings schon ein wenig Sorgen bereitete, war die Pool-Situation. Wir hatten uns nämlich vorgenommen, den allerersten Tag ausschließlich dort zu verbringen – doch mit nur 12 vorhandenen Liegen fürchteten wir uns jetzt davor, im schlimmsten Fall auf dem Rasen liegen zu müssen. 

Ruhe und nichts als Ruhe

Am nächsten Tag starteten wir ausgeschlafen, aber verhältnismäßig früh, in den Tag. Wir frühstückten, schnappten uns schnell unsere Badesachen und begaben uns ein wenig nervös an den Pool. Als wir dort ankamen, hatten wir die freie Wahl. Wir richteten uns ein, packten die Bücher aus und schauten uns an. Da lagen wir nun und hörten nichts außer das Zirpen von Grillen, das Blöken einiger Schafe und Vogel-Gezwitscher. Kein Autolärm, kein Kindergeschrei oder auch nur andere sich unterhaltende Erwachsene. Kein Rasenmäher, Staubsauger und keine Musik. 

Ich stellte fest, dass wir uns an diese Ruhe erst einmal gewöhnen mussten – tatsächlich fühlte sich diese »Stille« zunächst richtig ungewohnt an. Denn normalerweise bin ich ununterbrochen von den Alltagsgeräuschen umgeben, die das Leben nun mal so mit sich bringen. Möchte ich mal keinen Straßenlärm, sich unterhaltende Menschenmassen oder klingelnde Telefone um mich herum, muss ich dem bewusst entfliehen. Und das hatte ich nun getan. Am Ende des Tages durfte ich verwundert feststellen, dass wir über acht Stunden vollkommen allein am Pool verbracht hatten. Doch was ich zunächst als ungewohnt empfand, lernte ich  in den nächsten Tagen überaus zu schätzen.

Zur Bildergalerie

Wer will schon neben einem Rasenmäher arbeiten?

Denn klar ist, dass eine derartige Ruhe im Leben vieler Menschen zu einer Seltenheit geworden ist. Uns gelingt es nur noch selten, mit uns allein zu sein, ohne zum Beispiel sofort zum Handy zu greifen, Musik zu hören oder den Fernseher einzuschalten. Unser Leben wird von einem ständigen Geräuschpegel begleitet, der zu einer Normalität geworden ist und von unserem Bewusstsein nur noch selten bewusst wahrgenommen wird. In einem Artikel von Mirijam Franke auf arbeits-abc.de schreibt die Autorin, dass unser Körper bei ständigem Lärm die Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol ausschüttet. »Du befindest dich stets in Alarmbereitschaft und gönnst dem Körper sowie dem Gehirn keine Ruhepausen. Wusstest du, dass der Lärm in Großraumbüros vergleichbar mit jenem eines Rasenmähers ist? Würdest du den ganzen Tag neben einem solchen sitzen und arbeiten wollen? Wohl kaum! Dennoch ertragen viele von uns – zumindest eben jene, die in einem Großraumbüro arbeiten – Tag für Tag diese rund 70 Dezibel«, erklärt sie.

 

WHO: Leitlinien zum Schutz vor Lärm sollen uns schützen

Unter dem ständigen Stress, der durch den Lärm verursacht wird, leiden nicht nur die psychische und physische Gesundheit, sondern genauer auch unsere Konzentration und Kreativität, die Schlafqualität sowie unsere Verdauung. Die Weltgesundheitsorganisation bestätigte zuletzt: »Lärmbelastung zählt zu den wichtigsten umweltbedingten Gefahren für die körperliche und psychische Gesundheit und das Wohlbefinden der Bevölkerung in der Europäischen Region.« Aus diesem Grund hat die WHO Leitlinien für den Umgang mit dem alltäglichen Lärm herausgegeben, die Empfehlungen für den Schutz der menschlichen Gesundheit vor dieser Art von Belastung beinhalten. Darüber hinaus empfehlen auch unabhängige Gehirnforscher darauf zu achten, sich selbst regelmäßige und vor allem strikte Ruhepausen zu verordnen, die sich unter anderem in der Natur, weit entfernt vom Alltagslärm, realisieren lassen.

Warum Stille so gut ist

Und wer sich hin und wieder der Stille hingibt, tut sich selbst eine Menge Gutes. Wie Mirijam Franke erklärt, fördert Stille die psychische Gesundheit, die Konzentration und Auffassungsgabe. Weiterhin macht Stille kreativ, fördert die Konzentration und erlaubt Selbstreflexion. »Nur in der Ruhe können negative Erlebnisse verarbeitet, alte Glaubenssätze aufgelöst und neue Träume oder Ziele gefunden werden. Nur so kannst du deinen Gedanken nachhängen, in Tagträumen versinken oder Lösungen für Probleme finden. Was auch immer du mit der Ruhe anfangen möchtest: Sie ist der Schlüssel zur Selbstreflexion und damit auch zum wahren Glück«, schreibt sie. Und besonders spannend: Stille lässt sogar das Gehirn wachsen. Forscher fanden heraus, dass Stille neue Zellen in der Gehirnregion des Hippocampus– verantwortlich für das Gedächtnis und die Lernfähigkeit – wachsen lassen kann.

Mir hat die Ruhe, die wir überraschenderweise auch in einem menschenleeren Museum in Lluc, in einem botanischen Garten in Palma-Sóller, auf einer Wanderung in Alaró – und immer wieder in unserem Hotel fanden – wirklich gutgetan. Wer sich ausgelaugt, schlapp und uninspiriert fühlt, dem kann ich nur ans Herz legen, sich unbedingt eine große Portion Ruhe zu gönnen. Das Gute daran ist, dass wir eine ganze Reihe an Vorteile erfahren, und Stille gegebenenfalls sogar vollkommen kostenlos ist.

Umfrage

Was ist Civey?

Share:

Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

Kommentieren