Pille abgesetzt: So sieht es ein Jahr danach aus

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Claudia Marisa
Vor einem Jahr habe ich mich dazu entschlossen, die Pille abzusetzen. Nach der ersten Begeisterung folgte eine Phase, in der ich lernen musste, mich neu zu akzeptieren. Die Anti-Babypille gehört mit einem Pearl-Index zwischen 0,1 und 0,9 zu einem der sichersten Verhütungsmittel. Wer täglich an die Einnahme denkt, muss sich keine Gedanken machen und kann in einer festen Beziehung das eigene Sexleben genießen.
 

Doch die vermeintlich vollkommene Sorgenfreiheit löste sich bei mir in den vergangenen Jahren immer weiter auf. Kurz nach meinem 14. Geburtstag bekam ich das Medikament verschrieben. Eine Aufklärung über die Nebenwirkungen bekam ich von meiner Frauenärztin nicht. Viele meiner Freundinnen nahmen damals ebenfalls die Pille, doch zum Teil nicht, um damit zu verhüten: Sie wurde ihnen vielmehr aus gesundheitlichen Gründen verschrieben, z. B. um Akne einzudämmen oder für einen regelmäßigeren Zyklus. Andere versprachen sich von der Einnahme einen größeren Busen oder schönere Haare – die Hormone machen es möglich. Doch damals konnte und wollte niemand in meinem Umfeld etwas Verwerfliches oder gar Gefährliches dabei denken. 

Nach 14 Jahren Pille abgesetzt 

In meiner gesamten Teenagerzeit und auch in den Jahren danach war mir die Freiheit, die mir die Pille gab, wesentlich wichtiger als irgendwelche Nebenwirkungen. Ich selbst spürte nie direkt negative Auswirkungen, und auch in meinem Umfeld beklagte sich niemand. Wieso also aufhören? Vor genau einem Jahr habe ich dann in meiner Kolumne berichtet, dass ich die Einnahme der Anti-Babypille ein für alle Mal beenden würde. Durch die Medien und zahlreiche Frauen in meinem Umfeld angestoßen, tat ich endlich das, was ich schon 14 Jahre zuvor hätte tun sollen: Ich beschäftigte mich mit dem Beipackzettel. Mögliche Nebenwirkungen wie sexuelle Unlust, ausgelöst durch eine erhöhte Testosteron-Konzentration, ein größeres Thromboserisiko, Wassereinlagerungen, Migräne oder Kopfschmerzen hatte ich erfolgreich wegignoriert.

Die Pille kann psychische Probleme auslösen

Hinzu kommen die negativen Auswirkungen auf die weibliche Psyche, die von der Universität Aachen untersucht und bestätigt worden sind. In der Studie wurde das Empathie-Verhalten von 73 Frauen untersucht. Diejenigen, die die Pille nahmen, konnten Emotionen tatsächlich schwerer wahrnehmen und zeigten weniger Mitgefühl. Auch die eigenen Gefühle konnten die Probandinnen schwerer deuten und ausdrücken. Da es aktuell noch zu wenige Langzeituntersuchungen gibt, die wirklich repräsentativ sind, lassen sich die »wirklichen« Effekte nur schwer greifen. Da jeder Mensch bzw. in diesem Fall jede Frau vollkommen individuell auf die Einnahme der Pille reagiert, gibt es natürlich auch zahlreiche Frauen, die die möglichen negativen Auswirkungen vermutlich niemals in ihrem Leben spüren werden.

Stimmungsschwankungen und sexuelle Unlust

Vor einem Jahr wollte ich es wissen: Wie fühle und verhalte ich mich ohne Hormone? Einige Wochen später habe ich ein Zwischenfazit mit euch geteilt. Ähnlich wie im Juli 2018 halte ich meine Entscheidung im Großen und Ganzen noch immer für richtig. Denn das Wichtigste ist, dass ich in einer Art und Weise zu mir und meinem Körper gefunden habe, die ich vorher nicht kannte. Um mich selbst zu zitieren: »Ich bin entspannter, lasse mich noch weniger aus der Ruhe bringen und bin zunehmend zufriedener mit mir, meinen Entscheidungen und meinem Leben allgemein.« Ich habe das große Glück, dass meine Periode von Anfang an weiterhin zuverlässig kommt und geht und – ein weiterer positiver Effekt – die Blutungen sogar wesentlich schwächer geworden sind. Dass die Pille für Stimmungsschwankungen und sexuelle Unlust verantwortlich sein kann, kann ich nach dem letzten Jahr ebenfalls bestätigen.

Die ungeschminkte Wahrheit…

Die Pickel: ein wirkliches Problem

Was noch immer viele Frauen daran hindert, die Pille abzusetzen, ist zum einen die Angst vor einer Gewichtszunahme und zum anderen die Angst vor unreiner Haut. Seit Dezember 2018 habe ich etwa 3 Kilo zugenommen. Was das angeht, bin ich mir allerdings ziemlich sicher, dass das vor allem mit meinem Essverhalten zu tun hat, das ich seit Weihnachten an den Tag lege und aktuell versuche in den Griff zu kriegen. Kaum ein Tag ohne Schokolade geht nur an den wenigsten Menschen spurlos vorbei. Dafür möchte und kann ich die Pille also nicht verantwortlich machen. Neben der Gewichtszunahme gibt es noch einen weiteren Grund, weshalb ich meinen Schokoladenkonsum reduzieren sollte: Diese »Sucht« verstärkt nämlich noch ein weiteres wirkliches Problem, das ich seit mehreren Monaten ganz offensichtlich mit mir herumschleppe und das tatsächlich mit dem Absetzen der Pille zusammenhängen dürfte: In meinem Zwischenfazit habe ich meine Pickel bereits erwähnt. In den letzten Wochen und Monaten ist der Zustand meiner Haut allerdings noch deutlich schlimmer und der tägliche Blick in den Spiegel zu einer Herausforderung geworden.  

»Kann die sich nicht richtig pflegen?«

Die größte Schwierigkeit ist mit Sicherheit, dass ich nur sehr selten widerstehen kann und immer wieder an den Pickeln herumdrücke. Dadurch tue ich mir nicht nur selbst weh, sondern produziere auch unschöne kleine Wunden, die viele Tage brauchen, um wieder vollständig zu verheilen. Zwar gibt es zwischendurch auch immer mal wieder Tage, an denen meine Haut gar nicht so schlimm aussieht, aber inzwischen weiß ich, dass es am nächsten Tag schon wieder ganz anders aussehen kann.Beim Blick in den Spiegel fühle ich mich an manchen Tagen wie eine 13-Jährige, und selbst das beste Make-up kann nur schwer verbergen, was gerade bei mir los ist.

Vor einigen Monaten war ich sogar so weit, dass ich für einen kurzen Moment darüber nachdachte, mir die Pille doch wieder verschreiben zu lassen. Das Wohlfühl-Gefühl, das sich zunächst aufgebaut hatte, verflüchtigte sich zuletzt immer mehr. Ich habe mich zeitweise sogar richtig geschämt und mir ausgemalt, die Menschen würden schlecht von mir denken und sagen: »Kann die sich nicht richtig pflegen?« oder »Die isst sicher nur Mist.« 

Selbstbewusstsein neu entdecken

Ein großer Fehler daraufhin war, dass ich meine Haut zunehmend überpflegt habe. Getreu dem Motto „viel hilft viel“ verwendete ich morgens und abends jeweils bis zu fünf Reinigungsprodukte. Aktuell ist es nur noch eines, an manchen Tagen sind es zwei. Diese Reduzierung macht sich meiner Meinung nach auch schon leicht bemerkbar. Um das für mich nervige und unschöne Ergebnis meiner Pillenabstinenz immer mehr zu akzeptieren und als gegeben hinzunehmen, hilft mir aktuell übrigens Model Hanna Bohnekamp. Auch sie hat sich von den Hormonen verabschiedet und muss seitdem mit der extremen Reaktion ihrer Haut leben. Doch das tut sie mit einer Selbstverständlichkeit, die mich beeindruckt. Sie verzichtet sogar komplett darauf, ihre Unreinheiten zu überschminken. Ihre Bilder bei Instagram machen mir Mut, denn sie zeigen deutlich: Ob mit oder ohne Pickel – Hanna ist eine wunderschöne Frau. Bis ich mich so selbstbewusst wie sie zeigen kann, wird es vermutlich noch eine Weile dauern. 

Doch noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich mein Hormonhaushalt im Laufe dieses Jahres auf die für meinen Körper noch immer ungewohnte und neue Situation vollständig einstellt. Ja, und dann sind die Pickel hoffentlich schon ganz bald kein Thema mehr, über das ich mir in meinem Alter noch Gedanken machen muss. 

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

2 Kommentare

Felinae
#2 — vor 3 Wochen
Liebe Marisa, danke für deinen Beitrag! Mir geht es sehr ähnlich... Vor 15 Monaten habe ich die Pille abgesetzt. Überall liest man, das Hautbild verschlechtert sich in den ersten Monaten und verbessert sich innerhalb des ersten Jahres... Bei mir fing es erst nach 9 Monaten an und wird nicht besser... Ich weiß langsam nicht weiter. Der Fehler ist wohl auch, alle 6 Wochen Gesichtspflege zu ändern, wenn keine Besserung oder neue Verschlechterung kommt. Doch nichts scheint zu helfen. Auch alles, was ich sonst in meiner Routine verwendet habe, bringt nur Pickel.
Alles in allem fühle ich mich nicht viel anders... Im Gegenteil, ich merke zyklusabhängige Stimmungen (Periode+Hunger: Komm mir nicht zu nah, Eisprung: Sei bloß nett zu mir...). Trotzdem bin ich froh, hormonfrei zu sein. Auch wenn ich meine schöne Haut u sexuelle Freiheit vermisse. Als Verhütung kann ich NFP nur empfehlen, man lernt sich viel besser kennen. LG :)
Steffi Schulze
#1 — vor 1 Monat 2 Wochen
Liebe Marisa,
vielen Dank für deine ehrliche Kolumne!
Du hattest geschrieben, du wolltest dich nach Verhütungsalternativen umschauen. Ich kann dir die »Natürliche Empfängnisregelung«(kurz NER; www.iner.org) sehr empfehlen.
Sie hat mit Anwenderfehlern eingerechnet den PI der besten Pillen. Und ihr großer Nachteil, dass man als Paar in der möglicherweise fruchtbaren Zeit nicht miteinander schläft, hat sich nach 5 Jahren NER-Erfahrung nur positiv auf unsere Partnerschaft ausgewirkt (Es gibt auch andere Gründe, weshalb frau nicht immer auf Abruf parat stehen muss und darf: Krankheit, Kleinkinder mit im Bett,...)

Übrigens habe ich gehört, dass nach Absetzen der Pille der Körper hormonell erstmal auf dem Stand weitermacht, auf dem er seit Beginn der Einnahme die Steuerung aufhören musste. Vielleicht ist da was dran?
Ich hatte bis zu meiner ersten Schwangerschaft furchtbare Akne, aber mit der hormonellen Veränderung hatte es sich dann erstmal gebessert. Inzwischen - nach dem zweiten Kind - bin ich zu dem Schluss gekommen, dass wir einfach immer mal anders aussehen - eben keine Schaufensterpuppe!

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