Organspendeausweis: Für mich eine Selbstverständlichkeit!

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Lesezeit: 4 Minuten
Warum jeder von uns einen Organspendenausweis besitzen sollte

Ich besitze einen Organspendeausweis. Für mich ist das eine absolute Selbstverständlichkeit und kein Thema, über das es noch zu diskutieren gilt. 

 

In den letzten Jahren ist das hochemotionale Thema in der Öffentlichkeit immer wieder diskutiert worden. Zuletzt kochte die Debatte erneut hoch, als im Bundestag eine mögliche Gesetzesänderung im Raum stand. Denn dass wir in Deutschland ein großes Problem in Bezug auf Organspenden haben, ist seit vielen Jahren bekannt. 

Organspende: die traurigen Fakten

Aktuell sieht es so aus, dass bundesweit mehr als 9.000 registrierte PatientInnen auf ein lebensrettendes Organ warten – darunter auch Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die noch die Chance auf ein langes, glückliches und vielleicht sogar vollkommen gesundes Leben hätten. Und die Betonung liegt auf »hätten«. Denn statistisch gesehen stirbt alle acht Stunden ein Mensch, weil die Bereitschaft zur Organspende fehlt. Das sind Fakten, die mich persönlich sehr betroffen machen. Im direkten EU-Vergleich wird das drastische Ausmaß noch deutlicher: Pro eine Million EinwohnerInnen gibt es in Deutschland gerade einmal 11,5 OrganspenderInnen. Das sieht in anderen Ländern ganz anders aus. Klarer Vorreiter ist Spanien mit 48 OrganspenderInnen pro eine Million Einwohner, dicht gefolgt von Kroatien (41 SpenderInnen pro eine Million EinwohnerInnen) und Portugal (34 SpenderInnen pro eine Million EinwohnerInnen).

Der Bundestag hat entschieden

In diesen drei europäischen Ländern gilt die sogenannte Widerspruchslösung. Das bedeutet: Wer nicht aktiv »nein« sagt, willigt automatisch in eine mögliche Organspende ein. Bei uns in Deutschland galt bisher die Entscheidungslösung: Nur wer aktiv »ja« sagte und seinen Organspendeausweis bei sich trug, galt nach dem Hirntod – und auch nur nach diesem (nicht etwa bereits nach einem Herz-Kreislauf-Versagen) – potenziell als OrganspenderIn. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte gefordert, in Deutschland ebenfalls die Widerspruchslösung einzuführen, um die Bereitschaft zur Organspende, die laut Umfragen in der Bevölkerung durchaus gegeben ist, zu erhöhen. Nach seinen Vorstellungen wäre also jede Person ab einem Alter von 16 Jahren automatisch registriert, sofern diese nicht aktiv Widerspruch einlegt.

Doch am Ende konnte er sich nicht durchsetzen. Jetzt steht fest: Es wird vorerst keine radikale Änderung und somit wahrscheinlich auch erst einmal keinen bemerkenswerten Anstieg der Spendenbereitschaft geben. Grünen-Chefin Annalena Baerbock hatte zuletzt immer wieder für die sogenannte Zustimmungslösung (eine kleine Abwandlung zur Entscheidungslösung) plädiert. Dieser stimmte der Bundestag nun zu. So müssen BürgerInnen einer Organspende weiterhin aktiv und ausdrücklich zustimmen. Neu ist nur, dass wir künftig regelmäßig beim Hausarzt oder Einwohnermeldeamt nach unserer Spendenbereitschaft gefragt werden sollen. 

Dieses Ergebnis ist für mich persönlich eher enttäuschend. Ich bin froh, dass das Thema durch die Debatte aktuell wieder mehr in den Fokus und in die Öffentlichkeit gerückt ist. Grundsätzlich hatte ich mir aber mehr davon versprochen. Denn für mich ist der Organspendeausweis eine nicht zu diskutierende Selbstverständlichkeit. Warum? 

Organspendeausweis: Aus diesen Gründen ist er eine Selbstverständlichkeit für mich

Zum einen ergibt es für mich überhaupt gar keinen Sinn, nach meinem Hirntod meine Organe mit ins Grab zu nehmen und von Insekten auffressen oder gar mich und alles in mir Befindliche verbrennen zu lassen, wenn ich doch stattdessen eines oder sogar mehrere Leben retten könnte. Natürlich weiß auch ich nicht, was uns Menschen nach dem Tod erwartet, doch bin ich davon überzeugt, dass, sollte es für mich tatsächlich irgendwie weitergehen, dafür lediglich meine Seele benötigt wird und nicht etwa mein Körper oder irgendein Organ. Darüber hinaus kann ich mir nichts Wunderbareres vorstellen, als quasi durch meine wirklich allerletzte Handlung auf dieser Welt Menschen vor dem Tod zu bewahren – vor allem, wenn sie noch viel zu jung zum Sterben sind. 

Und dann wäre da auch noch eine weitere Tatsache: Der SPD-Fraktionsabgeordnete Karl Lauterbach erklärte während einer Debatte im Bundestag: »Es ist unethisch, ein Organ nehmen zu wollen, aber nicht dazu bereit zu sein, zumindest »nein« zu sagen, wenn man nicht bereit ist zu spenden.« Und auch Moderator Markus Lanz wies während einer seiner Sendungen zum Thema auf die Doppelmoral hin, die wir täglich leben, denn Deutschland nehme »sehr gerne Organe aus den Ländern, in denen es die Widerspruchslösung gibt.« Abschließend sprach er mir aus der Seele und schlussfolgerte in aller Deutlichkeit, dass Menschen, die im Notfall ein Spenderorgan bekommen möchten, doch bitte auch dazu bereit sein sollten, selbst zu spenden. 

Zuletzt muss ich in diesem Zusammenhang immer wieder an meine Familie und meine FreundInnen denken – inzwischen auch immer häufiger an mein ungeborenes Kind. Was ist, wenn einer von ihnen einmal auf eine Organspende angewiesen ist? Bei der aktuellen Lage werde ich vermutlich machtlos zusehen müssen, wie sie sich buchstäblich zu Tode warten.

 

Ich fasse noch einmal zusammen: Erstens bin ich der Meinung, dass ich meine Organe nach dem Tod nicht mehr benötigen werden. Zweitens halte ich es nur dann für moralisch und ethisch korrekt, selbst ein lebensrettendes Organ anzunehmen, wenn ich selbst auch dazu bereit wäre, meine Organe zu spenden. Und drittens möchte ich natürlich, dass geliebte Menschen aus meinem Umfeld Hilfe bekommen, wenn sie diese dringend benötigen. Wie jeder Mensch erhoffe ich mir natürlich ein langes, erfülltes, gesundes und glückliches Leben. Doch bestärken mich all diese Gründe darin, dass es für mich persönlich absolut keine andere Möglichkeit gibt, als meinen Organspendeausweis für den Fall der Fälle bei mir zu tragen, über dieses Thema zu sprechen und auch mir nahestehenden Personen zu erklären, wie ich darüber denke. Und so hoffe ich sehr, dass in Zukunft immer mehr Menschen ihre Scheu in puncto Organspende ablegen, sich intensiv damit auseinandersetzen und auch für sich die Möglichkeit in Betracht ziehen, nach dem eigenen Tod noch zu einer Heldin oder einem Helden zu werden.

Du möchtest OrganspenderIn werden? Hier findest du alle Infos und den Ausweis zum Ausdrucken oder du kannst ihn dir zuschicken lassen. 

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Werde ich zur Lebensretterin?

Unter Umständen ist eine Stammzellenspende die letzte Möglichkeit, um zu überleben. Vor einigen Jahren begriff ich, dass ich mich aus diesem Grund unbedingt bei der DKMS, der Deutschen Knochenmarkspenderdatei, als Stammzellenspenderin registrieren lassen muss. Und heute denke ich immer wieder darüber nach, dass ich vielleicht irgendwann einmal einem Menschen das Leben retten darf.

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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