Mitleid mit meinem Ehering?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Warum ich eigentlich keinen Ehering brauche
Meine Eltern nicht, meine Großeltern nicht, die Schwiegereltern auch nicht – sie alle tragen keinen Ehering. Beim Kauf meines eigenen Rings habe ich festgestellt, dass auch mir dieses kleine Symbol der Liebe gar nicht so wichtig ist – oder etwa doch?

Es sind nur noch 12 Wochen bis zu meiner Hochzeit. Seit Januar 2017 sind wir dabei, alles – mal mehr, mal weniger entspannt – zu planen. Angefangen bei der Location, ging es mit dem Trauredner, dem DJ und dem Brautkleid weiter. Vor einigen Wochen standen die Eheringe auf dem Plan. Im Vorhinein war ich mir bereits sicher, dass die Auswahl zu einer der leichteren Entscheidungen zählen dürfte. Doch wie heißt es so schön: Irren ist menschlich!

In meiner Familie ist es so, dass die Ringe tatsächlich irgendwann verloren gegangen sind oder einfach nicht mehr tragbar waren, weil sich die Finger so sehr verändert hatten, dass die Ringe schlichtweg nicht mehr passten. Bei einigen Freunden, die in letzter Zeit geheiratet haben, ist es zudem vor allem bei den Frauen so, dass sich der Ehering nur noch selten auch als solcher erkennen lässt. Auf den ersten Blick könnte es sich also tatsächlich auch um ein Schmuckstück ohne große Bedeutung handeln.

Deshalb überraschte es mich, als bei einer Hochzeitsmesse doch enorm viel Euphorie in mir aufstieg und ich plötzlich, vor allem beim Anblick der Ringe, Schmetterlinge in meinem Bauch spürte. Keine zwei Minuten später stand ich an einem Stand, an dem ich mich unverzüglich und unsterblich in ein zierliches Modell in Roségold mit vielen kleinen Steinchen verliebte. Zu einfache und unauffällige Ringe mochte ich noch besonders gern – bei mir persönlich muss der Schmuck einen kleinen Wow-Effekt auslösen. Und den hatte ich. Daher freute ich mich über meine Entdeckung, die, so schien es mir zumindest auf der Messe, wie für mich gemacht war.

Wochenlang schwärmte ich also von “meinem Ring”, bis ich meinen Freund in den Laden in die Hamburger Hafencity schleifte, um das gute Stück dort erneut begeistert an den Finger zu setzen. Doch dieses Mal hielt das Glücksgefühl nur wenige Minuten an. Ich stellte fest, dass der Ring wohl doch nicht zu mir passte. Für mich hätte die Form ein wenig abgerundeter sein können und auch die Farben harmonierten nicht ideal mit meinem Verlobungsring und meiner Hautfarbe. Warum ich es vorher ganz anders gesehen hatte? Das lag vermutlich am Zauber der Hochzeitsmesse. Davon abgesehen machte mich die Juwelierin freundlicherweise darauf aufmerksam, wie unpraktisch es sein kann, wenn ein Ring so schmal ist. Er ist sehr anfällig und kann im schlimmsten Fall sogar zerbrechen.

Ernüchtert machten wir uns einige Tage später auf den Weg zu einem anderen Geschäft. Beim Anblick der vielen Partnerringe wurde mir ehrlich gesagt leicht übel. Keine davon waren nach meinem Geschmack. Doch dann kam unsere liebe Beraterin mit einigen für mich ansprechenderen Modellen um die Ecke. Doch vor Freude ausflippen wollte und konnte ich irgendwie nicht. Nach dem ich eine schier endlos wirkende halbe Stunde lang immer wieder zwei unterschiedliche Ringe auf- und abgesetzt und meine Hand betrachtet hatte, war ich nicht dazu in der Lage, eine Entscheidung zu treffen. Plötzlich stellte ich mir die Frage, ob es mich nicht doch stören könnte, wenn unsere Ringe keinerlei Gemeinsamkeiten hätten und wir somit nicht, zumindest nicht an den Ringen, als Ehepaar erkennbar sein würden.

Der Ursprung des Eherings liegt unglaublich weit zurück – heute lässt sich deshalb nicht genau nachvollziehen, wie die Tradition genau entstand. In der Antike sollen Frauen jedoch bereits Ringe getragen haben, die sie von ihren Ehepartnern geschenkt bekamen. Genau wie heute soll er auch damals schon ein Symbol der Treue, Liebe, Zugehörigkeit und auch der Beständigkeit gewesen sein. Die runde Form ohne Anfang und Ende, steht für die Unendlichkeit. Ursprünglich wurde der Ehering übrigens an der linken Hand getragen. Der Grund dafür war die sogenannte Vena amoris – die Liebesader – die vom Finger direkt zum Herzen führen soll. In den meisten Gegenden der Welt ist das auch nach wie vor so üblich. Bei uns in Deutschland wird der Eherring jedoch seit dem 16. Jahrhundert rechts getragen, angeblich, weil es laut einem Bibel-Zitat heißt, die rechte Seite, sei die “gute, glücksbringende Seite” – die Linke hingegen sei unrein.

Zurück zum Juwelier: Im Gespräch erklärte uns die Expertin, die täglich unzählige Paare an ihrem Tisch sitzen hat, dass sich inzwischen immer mehr Menschen gegen identische Partnerringe entschieden. Es gehe vielmehr darum, dass sich beide zu 100 Prozent wohlfühlten und dabei auch im Blick behielten, dass der Ring im besten Fall die nächsten 50 Jahre am Finger getragen würde. Außerdem sei der Schmuck auch ein Ausdruck der Individualität, die sich jeder, trotz der Heirat, bewahren sollte. Am Ende spiele dann natürlich auch der Preis eine Rolle. Pragmatisch und vernünftig muss es sein. An Treue, Liebe, Zugehörigkeit und Beständigkeit habe ich beim Kauf des Ringes also wirklich nicht gedacht. Ziemlich unromantisch, doch hat die Juwelierin natürlich recht.

Nachdem ich ein drittes Mal zur Anprobe vor Ort war, habe ich mich am Ende für einen Ring entschieden – und wie von der Juwelierin zuvor prophezeit, beeinflusste auch der Preis die Entscheidung maßgeblich mit. Inzwischen habe ich den Ring noch mehrfach zu Hause anprobiert (ich hoffe nicht, dass das mehrfache Probetragen Unglück bringt…) – vermutlich wollte ich so einfach sichergehen, dass ich mich wirklich richtig entschieden habe. Und dennoch tut mein Ehering mir jetzt schon irgendwie leid. Eventuell wird er von mir nicht die Wertschätzung bekommen, die er eigentlich verdient hat. Da ich meinen Verlobungsring über alles Liebe und mir nicht vorstellen kann, für längere Zeit ohne ihn das Haus zu verlassen, habe ich mir vorgenommen, den Ehering die meiste Zeit über dem Verlobungsring – an meiner linken Hand – zu tragen. Ich schließe auch nicht aus, dass ich ihn ab und an auch mal an der rechten Hand tragen werde – wie es mir gerade am besten gefällt. In einigen Wochen werden wir uns die Ringe gegenseitig anstecken und wer weiß, vielleicht steigt meine Begeisterung mit der Zeit ja doch noch an. Sollte das passieren, lasse ich es euch natürlich wissen… Doch am Ende weiß ich natürlich auch ohne das klassische Symbol der Liebe, was ich für meinen künftigen Ehemann empfinde – und das kann sowieso kein Ring der Welt deutlich machen.

Wie ist das bei dir? War der Kauf des Eherings schwierig oder leicht? Und welche Bedeutung hat er für dich? Schreib es mir in die Kommentare…

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

3 Kommentare

Holger Wagner
#3 — vor 8 Monaten 2 Wochen
Danke für deine süßen Artikel... aber bei uns war es nicht so... denn wir haben uns den Ehering »maßschneidern« lassen. Er besteht aus 2 Arten von Gold und ist verdreht an einer Stelle. Den haben wir als Idee aus einem deutschen Katalog gefunden und dann als Inspiration hier in Peru nachdesigned. Meine Frau nach mehr als 15 Jahren liebt diesen Ring. Und, soweit wir wissen, ist er vermutlich Einzigartig hier in Südamerika. Er trägt keine Steine, muss ja auch nicht und war recht günstig, damals, da der Goldpreis seeehhhhrrrr niedrig war. Zwischenzeitlich waren unsere Ringe mehr als 700 USD wert, so dass meine Frau den Ring hat zuhause gelassen, damit sie nicht Gefahr lief überfallen zu werden.
Bis heute lieben wir unsere Ring... hätten keine bessere Wahl treffen können.
Claudia Marisa Alves de Castro
#2 — vor 10 Monaten
Hallo liebe Helga, vielen Dank für den Kommentar und Herzlichen Glückwunsch zu 27 Jahren Ehe! Das ist wirklich toll!

Ganz liebe Grüße,
Claudia
Helga
#1 — vor 10 Monaten 1 Woche
Hallo. Ich habe mir meinen Ehering selber gekauft und ihn mir so ausgesucht ‚dass er ganz normal aussieht .Einen Solitär .Mein Mann hat mir das Geld dazu gegeben .Wir sind nun 27 Jahre verheiratet und ich trage ihn immer noch -manchmal recht ‚manchmal links - und für mich ist es ein Schmuckstück ‚für das Eine ‚für mich und für das Andere. für unsere Ehe.

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