#MirrorSelfie: Es geht nicht ohne!

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
"Huch! Ich habe heute noch gar kein Selfie gemacht."
Wenn ich an Süchte denke, kommen mir ganz schnell Themen wie Alkohol oder Zigaretten in den Sinn. Obwohl, oder vielleicht gerade weil das in meiner Familie vor Jahren noch ein größeres Thema war, hatte ich dahin gehend nie sonderlich Probleme. Ehrlich gesagt stehe ich absolut nicht auf Zigarettenrauch, und von zu viel Alkohol wird mir inzwischen nur schlecht. Was das angeht, habe ich wohl Glück gehabt. Doch wenn wir heutzutage von Süchten sprechen, kommt viel mehr infrage als eine ausgeprägte Leidenschaft für Alkohol und Zigaretten.
 

Vor einiger Zeit musste ich mir eingestehen, dass ich dringend über meinen Schokoladenkonsum nachdenken muss. Ja, auch so etwas kann sich zu einem suchtähnlichen Verhalten entwickeln. Eine Zeit lang war es sogar so schlimm, dass ich bereits nach dem Frühstück darüber nachdachte, welche leckere schokoladige Süßigkeit ich nach dem Mittagessen als Nachtisch getarnt essen könnte. Meiner Meinung nach ist das nicht normal. Inzwischen gibt es bei mir feste Schoki-Pausen. Mein Zahnarzt hält das übrigens auch für eine super Idee. 

Doch was mir in dieser Woche ebenfalls bewusst wurde, ist meine Social-Media-Abhängigkeit. In den letzten zwei Wochen habe ich versucht, mich von Instagram, WhatsApp und Co. fernzuhalten. Zum einen, um mich auf meinen neuen Job zu konzentrieren, zum anderen aber auch, um mich mal wieder mehr auf mich selbst zu besinnen. Schon allein das allabendliche Abchecken aller Instagram-Stories nimmt bei mir so etwa eine Stunde in Anspruch. Die aktuellen Bilder aller Freunde zu liken kommt noch obendrauf. Vom Beantworten aller Facebook- und WhatsApp-Nachrichten ganz zu schweigen. Also beschloss ich, an manchen Tagen diese “fiesen Apps” erst gar nicht zu öffnen oder allenfalls nur wenige Minuten Zeit drauf zu verschwenden. Ziemlich positiv: Dadurch habe ich es geschafft, für eine längere Zeit am Stück mit meiner besten Freundin zu telefonieren, anstatt ihr, wie sonst immer, täglich 100 Nachrichten zu schicken.

 

500.000 Menschen in Deutschland sind Online-süchtig 

Über mehr Schönes kann ich an dieser Stelle jedoch gar nicht berichten. Statt entspannt und befreit fühlte ich mich gestern Morgen wirklich schlecht. Als ich nach dem Aufwachen mein Handy in die Hand nahm und feststellte, wie lange ich selbst nichts mehr in meinem Instagram-Feed gepostet hatte, gingen bei mir die Alarmglocken an. Meine erste Amtshandlung bestand also darin, ein #MirrorSelfie hochzuladen und unendlich viele Bilder zu liken. “Huhu, ich bin noch da”, schien ich damit herausschreien zu wollen. 

 

So wie mir und noch viel schlimmer geht es offenbar auch anderen Menschen. In unterschiedlichen Studien wird die Zahl der Online-Süchtigen in Deutschland auf etwa 500.000 beziffert. Darunter fällt nicht nur die Social-Media-Sucht: Spiel-, Kauf- und Informationssucht sind ebenfalls weit verbreitet. Wer so richtig darin gefangen ist, kann bei unfreiwilligem Verzicht sogar unter körperlichen Entzugserscheinungen leiden. Laut einer amerikanischen Studie der Universität Maryland treten dann nicht selten Schwitzen, Zittern, Angst, Unruhe und Nervosität auf. Ziemlich erschreckend: Eine Befragung des Netzwerkplaners Cisco hat ergeben, dass etwa 40 Prozent der Social-Media-User die Pflege der sozialen Netzwerke wichtiger finden als reale Treffen mit Freunden. 

Das ist nicht nur gruselig, sondern für mich auch kaum nachvollziehbar. Von solchen Gedanken bin ich – zum Glück (!) – noch weit entfernt. Doch es stimmt schon: In meinem Umfeld spielt Social Media eine unglaublich große Rolle. Weil alle unter Zeitmangel leiden, erfahre ich von manchen Freunden und Bekannten nur durch Instagram oder eine kurze Sprachnachricht, was sie gerade so treiben. Die neue Frisur, das neue Haustier, der neue Job – wer da auf dem Laufenden bleiben will, ist gezwungen, ständig am Handy zu hängen. Schon allein aus diesem Grund werde ich nie für einen längeren Zeitraum komplett darauf verzichten können. Davon abgesehen macht mir Instagram auch richtig Spaß. 

Doch mit einem schlechten Gefühl aufwachen, weil das letzte Foto vor mehr als zwei Wochen online ging? Darauf möchte ich in Zukunft verzichten. Ob das klappt? Ich werde euch davon erzählen…

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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