Mein bester Freund der „Nazi“

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Harli Marten auf Unsplash
Ohne Angst und Vorurteile aufeinander zugehen kann Bande brechen
Freundschaften kommen und gehen – das wissen wir alle. Einige von ihnen entwickeln sich scheinbar wie durch eine Schicksalsfügung, und wieder andere hätte man selbst nie für möglich gehalten. 
 

Als ich noch ein kleines Mädchen war, erklärte mir meine Mutter immer wieder, dass Freundschaften wichtig sind, ich mir jedoch bewusst sein müsse, dass sie unter Umständen nicht für ewig halten. Ein Leben ohne meine damalige beste Freundin konnte ich mir zu jenem Zeitpunkt ganz und gar nicht vorstellen. Heute habe ich sie seit über acht Jahren nicht mehr gesehen oder gesprochen. 

Bis ins Teeangeralter wollte ich meiner Mutter also absolut nicht glauben, wenn sie mir versuchte zu erklären, dass diverse Menschen in mein Leben kommen würden, um an meiner Seite zu sein und mich zu begleiten – bis zu dem Moment, an dem es Zeit sein würde, sich aus den verschiedensten Gründen wieder voneinander zu verabschieden. In meiner kindlichen Naivität war ich mir sicher, dass die von mir ausgewählten Freunde, die ich liebte und die ich jeden Tag traf, für immer bei mir sein würden. Und so war ich ebenfalls felsenfest davon überzeugt, dass eine ganz bestimmte Person nie und nimmer einen Platz in meinem Leben haben würde. Doch wie sich später herausstellen sollte, lag ich bei beiden Annahmen falsch…

Angst vor der Sekundarschule

Alles begann in der 5. Klasse. Nach der Grundschule war es damals üblich, dass wir, bevor wir die Möglichkeit bekamen, aufs Gymnasium zu wechseln, für zwei Jahre die Sekundarschule besuchen mussten. Das Schlimme daran: Bereits im Vorhinein hörten wir immer wieder von respektlosen Teenagern, die ohne Skrupel auf Jüngere losgingen und sogar vor den Lehrerinnen und Lehrern keinen Halt machten. Zudem kamen viele der Kinder aus sozialschwachen Familien, was die Situation zusätzlich aufzuheizen schien. Mit meinen 11 Jahren fürchtete ich mich sehr. So war es mein Ziel, die zwei Jahre gut zu überstehen, um dann auf das Gymnasium mit dem guten Ruf und den »anständigen« Kindern und Jugendlichen zu wechseln. Dass ich selbst dort einen schwierigen Start haben würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.  

 

Doch erst einmal wurde es auf der Sekundarschule wie erwartet wahnsinnig anstrengend. Vom ersten Tag an hatte ich große Angst, den Schulhof zu betreten. Wir Neuen wurden bereits vor dem Unterricht beschimpft, beworfen oder sogar gejagt. Zudem hatten wir nun einige ältere Schüler in der Klasse, die sitzengeblieben waren und den Unterricht so massiv störten, dass es immer wieder Stunden gab, in denen es unmöglich war, auch nur das kleinste bisschen zu lernen. Da ich auch immer wieder wegen meiner Hautfarbe beleidigt wurde, traute ich mich zu Beginn in den Pausen nicht hinaus und hielt mich ansonsten auf dem Schulhof in der Nähe eines Lehrers auf. Es dauerte einige Wochen, bis sich die Situation beruhigt hatte und das Interesse an uns und mir so langsam verflogen war. Doch mit Beginn der sechsten Klasse wurde es noch einmal ernüchternd.

Der „Nazi“ und ich

Einer der älteren Schüler, der vor allem durch seine zahlreichen Fehlstunden, Schlägereien und rechten Tendenzen bekannt war – die ich bis zu diesem Zeitpunkt bereits mehrfach zu spüren bekommen hatte – war zum zweiten Mal sitzengeblieben und ausgerechnet in meiner Klasse gelandet. Stefan war groß, muskulös, glatzköpfig und wirkte auf mich unglaublich angsteinflößend. Um ihn nicht zu provozieren, vermied ich es, ihm zu nahe zu kommen oder ihm in die Augen zu schauen. Und dann das: Eines Tages hatte sich unsere strenge Geschichtslehrerin (ich hatte sehr großen Respekt vor ihr) einen neuen Sitzplan überlegt. Sie beschloss, dass jede*r schwache Schüler*in ab sofort neben einer leistungsstarken Person sitzen sollte. In diesem Moment wurde mir schlecht. Geschichte gehörte zu meinen besten Fächern – genau wie meine Freundin, die neben mir saß, hatte ich immer eine Eins. Nachdem sie sich nun also von mir wegsetzen musste, verteilte unsere Lehrerin die schwachen Schüler*innen. Und plötzlich setzte mein Herz aus: »Stefan, du sitzt neben Claudia.« In diesem Moment schossen mir die Tränen in die Augen, doch ich traute mich nicht zu widersprechen. 

Eine kurze, aber intensive Freundschaft begann… 

In den darauffolgenden Wochen entwickelte sich die Situation jedoch völlig anders als erwartet. Da wir von nun an gezwungen waren, häufiger miteinander zu reden, entdeckte ich schnell eine völlig andere Seite an Stefan. Er wurde offener und verhielt sich immer freundlicher mir gegenüber. Nach kurzer Zeit sah ich ihn dann zum ersten Mal lächeln und ich mochte, was ich sah. Wir verstanden uns zunehmend besser und saßen nach einigen Wochen auch noch nach dem Unterricht zusammen. An einem Nachmittag öffnete er sich mir und erzählte von seiner schweren Kindheit, den Schlägen und den Alkoholproblemen der Eltern. Ich begann, ihn zu verstehen und wir wurden Freunde. Mit einem Mal stand für mich fest, dass ein Schultag ohne Stefan nur halb so schön war. 

Was mich außerdem freute: Er schwänzte nun keine Stunde mehr, seine Noten wurden besser, und er ließ sich seine Haare wieder wachsen. Als sich am Ende des Schuljahres abzeichnete, dass mein Durchschnitt für das Gymnasium reichen würde, wurde ich sogar ein wenig traurig. An meinem letzten Schultag drehte ich noch einmal eine Runde durch das Schulgebäude, schnappte meine Sachen und trat auf die Treppe vor das Schulgebäude. Stefan wartete mit einem traurigen Blick auf mich. Zum Abschied schenkten wir uns eine lange Umarmung und bedankten uns beieinander. Wir hatten in den letzten Monaten viel voneinander gelernt. Dass es sich lohnt, ohne Angst und Vorurteile aufeinander zuzugehen, war mit Sicherheit die größte Lektion. 

In den Wochen danach hatten wir noch hin und wieder Kontakt. Doch dann verschwand Stefan allmählich aus meinem Leben und ich aus seinem. Doch auch heute bin ich froh, dass er ein Teil meiner Reise war und dass unsere Lehrerin – oder vielleicht auch das Schicksal – dafür gesorgt hat, dass wir uns kennenlernen durften. Und dann war er da, der erste Tag auf dem Gymnasium. Ich freute mich riesig und war unglaublich aufgeregt. Als ich zum ersten Mal das Schulgebäude betrat, hörte ich dann jedoch ältere Schüler hinter mir sagen: »Krass, jetzt haben wir also eine Negerin an der Schule.« Von einer auf die andere Sekunde verflogen meine Euphorie und die Freude, die ich zuvor empfunden hatte, und ich fühlte mich prompt an die ersten Tage an der Sekundarschule zurückversetzt. Doch plötzlich musste ich auch an Stefan denken und begann zu lächeln…  

Share:

Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

Kommentieren