Und plötzlich bin ich ein anderer Mensch

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: @arzuliv
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Im Sommer bin ich ein anderer Mensch
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Von einem auf den anderen Tag fühle ich mich komplett anders – ja, beinah wie vollkommen ausgewechselt. Ich bin ein anderer Mensch, und ich weiß auch genau, woran das liegt. 

 

Plötzlich ist alles anders. In den letzten Tagen habe ich mich einfach großartig gefühlt. Ich bin entspannter, fröhlicher und wacher. Mir gelingt es, mich ausschließlich auf die schönen Dinge des Lebens zu konzentrieren und vollkommen positiv in den Tag zu starten. Die Endorphine, die für die Euphorie mitverantwortlich gemacht werden, scheinen sich derzeit besonders viel Mühe zu geben. Woher die durch und durch positive Stimmungslage auf einmal kommt? Der Auslöser für all das ist eine ganz große Liebe von mir: nämlich der Sommer. 

Sonne draußen, Sonne im Herzen? 

Es gibt wirklich nicht vieles, was ich nicht mag oder gar nicht ausstehen kann. Definitiv dazu gehören allerdings Tage, die gefühlt nur wenige Stunden lang und vor allem durch Dunkelheit geprägt sind. In meiner Kolumne »Der Blues in meinem Kopf« habe ich darüber berichtet, wie ich mich im Herbst und Winter immer wieder selbst aus dem tiefen Tal der Trübsinnigkeit kämpfen muss. Im Sommer sieht das völlig anders aus. In keiner Jahreszeit bin ich so aktiv, fühle ich mich so unbeschwert, bin ich so häufig draußen an der frischen (in diesen Tagen auch mal stickigen) Luft und begebe mich voller Freude unter Menschen. Und damit bin ich nicht allein. Wieso das so ist, haben Forscher vielfach untersucht. 

Wärme und Licht sorgen für gute Stimmung

Oft berichten Menschen davon, dass sie mit der Person, die sie im Winter sind, nur noch wenig gemein haben, sobald die Tage länger werden und die Temperaturen steigen. Wissenschaftler der Michigan University haben herausgefunden, dass bei warmem und sonnigem Wetter bereits 30 Minuten im Freien ausreichen, um die Gesundheit und die Stimmung zu verbessern. Darüber hinaus sollen sich sogar die Gedächtnisleistung und die Kreativität sowie das kognitive Denken verbessern. 

Man nimmt an, dass der Grund dafür im Inselcortex (einem Teil der Großhirnrinde) liegt, der auf kalt und heiß reagieren kann und von dem aus unsere empathischen Fähigkeiten sowie das Glücksgefühl gesteuert werden. So konnte bei verschiedenen Tests herausgefunden werden, dass Wärme nicht nur die eigene Stimmung verbessert, sondern auch den Umgang mit anderen Menschen liebevoller werden lässt. Zudem, und das dürfte für viele kein Geheimnis sein, erweitert Wärme unsere Blutgefäße, senkt den Blutdruck, verbessert den Stoffwechsel, löst Muskelkrämpfe und besitzt sogar die Kraft, Schmerzen zu lindern. Natürlich spielt auch das Licht eine Rolle, indem es die Ausschüttung des Glückshormons Serotonin so richtig ankurbelt. Kälte hingegen lässt uns, laut Meinung verschiedener Mediziner, buchstäblich einfrieren. 

 

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? 

Ich persönlich kann das bestätigen. Anders als im Winter macht es mir aktuell wirklich nichts aus, mich jeden Tag zu verabreden und beispielsweise bis Spätabends in einem Biergarten zu verbringen – und das, obwohl ich eine absolute Schlafmütze bin. Im Winter bei kalten Temperaturen, Sturm und Regen oder Schnee noch einmal vor die Tür gehen oder in der Kälte auf den Bus oder die Bahn warten? Ja, aber nur im absoluten Notfall! 

Was mich derzeit ebenfalls von der Claudia Marisa im Winter unterscheidet, ist die Art und Weise, wie ich meine Prioritäten setze. Ein Beispiel: Der wöchentliche Hausputz. Natürlich ist mir wichtig, dass bei uns alles sauber und ordentlich ist, und vor allem bevor wir Besuch bekommen, kommt es vor, dass ich noch einmal richtig aufdrehe. Mein Mann sagte einmal zu mir: »Was ist nur los mit dir? Wir bekommen Besuch von unseren Eltern und nicht der Bundeskanzlerin!« Obwohl das schon sehr lange her ist, erinnere ich mich noch sehr gut an diese Situation. Doch so bin ich nun mal – zumindest in einer Hälfte des Jahres. Denn aktuell stört es mich absolut nicht, wenn der Sauberkeitszustand der Wohnung mal nicht bei 100 Prozent liegt. 

Manche Dinge sollte man einfach auf später verschieben

Wie schön es sein kann, bestimmte Verpflichtungen auch einfach mal links liegen zu lassen, habe ich übrigens am vergangenen Samstag erlebt. Wir hatten unter der Woche jeden Abend eine Verabredung und für das Wochenende zwei Elektroroller für eine Tour durch die Stadt gebucht – für das Saubermachen blieb da keine Zeit. Nach einer unbeschreiblich schönen Fahrt durch Hamburg mit Zwischenstopps in einem Park-Café und bei einer Freundin, die an einem Flohmarktverkauf teilnahm, ging es abends noch zum Italiener. Dieser Tag war so wunderschön und hat mir so unglaublich gutgetan, dass ich ihn genau so immer und immer wieder erleben möchte. Saubergemacht habe ich dann übrigens am Dienstag. Unterm Strich bedeutet das für mich eine wiedergefundene Lässigkeit, die ich wesentlich lieber mag als die leicht grummelige Art, die ich von mir auch sehr gut kenne. 

Ja, der Sommer ist, neben meinem Ehemann, meine große Liebe. Von mir aus könnte diese Liebe also ewig dauern – denn offenbar leide ich unter akutem Liebeskummer, sobald der Sommer vorüber ist. Doch aktuell möchte und kann ich noch gar nicht an das Ende denken. Schließlich hat die für mich schönste Zeit des Jahres gerade erst begonnen. 

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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