Kann das 6-Minuten-Tagebuch mein Leben verändern?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Das 6-Minuten-Tagebuch soll glücklich machen
Wer etwas in seinem Leben ändern möchte, muss aktiv etwas dafür tun. Ich habe mich vor vier Wochen dazu entschieden, mit dem Führen eines Tagebuches zu beginnen. Wie mir das helfen soll? 
 

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als kleines Mädchen für eine kurze, aber intensive Zeit Tagebuch führte. Klassisch fing jeder Eintrag mit »Hallo, liebes Tagebuch« an. So schrieb ich all meine Erlebnisse auf, verarbeitete traurige und freudige Geschehnisse und hütete das kleine Büchlein wie meinen kostbarsten Schatz. Meine größte Angst war es, dass mein Tagebuch gefunden werden und all meine Geheimnisse preisgegeben werden könnten. Soweit ich weiß, ist das zum Glück nicht passiert. 

Ich schreibe wieder Tagebuch

Heute, um die 20 Jahre später, habe ich mich dazu entschlossen, wieder mit dem Tagebuchschreiben zu beginnen. Doch handelt es sich nicht um irgendein Tagebuch, sondern, um »Das 6-Minuten-Tagebuch«, auf das ich durch Zufall gestoßen bin. Was mich so angesprochen hat, dass ich mich dazu entschlossen habe, mir dieses Buch zu besorgen, ist das Versprechen, das einem direkt zu Beginn gegeben wird. Wer das Tagebuch in den Händen hält, liest zunächst: »Du hältst gerade das simpelste und wirkungsvollste Instrument zu einem glücklicheren Lebensgefühl in deiner Hand.« In einer meiner letzten Kolumnen habe ich mich bereits mit dem Thema »Glück« beschäftigt und herausgestellt, dass Dankbarkeit hilfreich ist, um glücklich zu werden. Diese Ansicht liegt übrigens auch dem dem 6-Minuten-Tagebuch zugrunde.

Ich habe mir also das 6-Minuten-Tagebuch besorgt, um an meinem Lebensgefühl zu arbeiten. Denn leider gehörte ich früher zu den Menschen, die eher negativ als positiv dachten. Bei mir war das Glas also meistens halb leer und nicht halb voll. Seit einigen Jahren versuche ich, an mir zu arbeiten, und schätze mich schon wesentlich positiver ein. Doch immer wieder erwische ich mich, wie die dunklen Wolken in meinem Kopf Einzug halten und keinen Platz mehr für Sonnenschein lassen. Um mich rundum glücklich und zufrieden zu fühlen, möchte ich mein Mindset künftig noch viel bewusster in eine positive Richtung lenken. Ja, und dabei soll mir das Tagebuch jetzt helfen. 

Dominik Spenst & ein Unfall, der alles verändert

Doch kommen wir erst einmal zu den Fakten: »Das 6-Minuten-Tagebuch« wurde von Dominik Spenst geschrieben. Er ist 1988 geboren und hat BWL studiert – unter anderem in Frankfurt und Bangkok. Die Idee zu dem Buch kam ihm nach einem tragischen Unfall. Kurz bevor er nach seinem einjährigen Auslandsstudium wieder nach Deutschland zurückkehren wollte, unternahm er noch eine Reise nach Kambodscha. Hier lieh er sich direkt ein Motorrad aus, lernte einen Gleichgesinnten kennen und beschloss, mit ihm eine Tour zu unternehmen. Während der Fahrt fuhr seine gerade erst geschlossene Bekanntschaft mit etwa 70 km/h von hinten in Dominiks linkes Bein. Nachdem er sich mehrere Male überschlagen hatte, landete er auf dem Asphalt. Der Unfallverursacher wagte noch einen letzten Blick und ergriff dann panisch die Flucht. Schwerverletzt wurde er von Einheimischen begafft und gefilmt – sogar die Polizei ließ ihn unbeeindruckt zurück. Voller Panik und in dem Bewusstsein, dass er dort verbluten könnte, traf er auf seinen Schutzengel: Ein etwa 65-jähriger Mann aus Australien brachte ihn ins Krankenhaus. 

Dominik Spenst & sein Schicksalsschlag: Danach wurde er glücklicher

Nach 12 Operationen und 16 Wochen im Krankenhaus – und obwohl er noch nicht wusste, ob er sein Bein behalten würde – wurde Dominik immer fröhlicher. Er beschreibt die Situation so: »Obwohl es mir psychisch eigentlich immer schlechter gehen sollte, mehrten sich Kommentare wie: ›Warum bist du so gut gelaunt?‹ oder ›Du verhältst dich so, als wäre nichts passiert.‹ Ich spielte diese gute Laune nicht, sondern merkte einfach, wie sich meine innere Einstellung langsam von den äußeren Umständen – von den WENNs des Lebens – emanzipierte.« Mit den WENNs des Lebens meint er, dass vor seinem Unfall vor allem die Karriere an erster Stelle stand und es für ihn zum Beispiel immer wieder hieß: »Wenn ich zu den besten 5 % meines Jahrgangs gehöre, dann stehen mir alle Wege offen.« Wenn dies, dann jenes, und wenn so, dann so. 

Nun erkannte er allerdings, dass ihn keines dieser WENNs wesentlich glücklicher machte. »Zum einen wurde mir klar, dass meine Denkmuster mir selbst im Weg stehen, weil ich mein Glück mit jedem neuen Ziel endlos nach hinten verschiebe. Zum anderen wurde mir bewusst, dass ich größtenteils fremde Erwartungen erfüllte und Ziele verfolgte, die wenig mit meinen eigenen Wünschen zu tun hatten«, beschreibt er die Situation. Weiter erklärt er, dass er allein durch tägliche Dankbarkeit(da haben wir sie wieder) und Selbstreflexion zu diesem Denken gefunden habe. Und genau dazu möchte er mit dem 6-Minuten-Tagebuch anregen. 

»Das 6-Minuten-Tagebuch«: So funktioniert‘s

Das Tagebuch ist folgendermaßen aufgebaut: Nach einer kurzen Einleitung folgen 6 Gründe, warum das Buch genau das richtige ist. Zum Beispiel weil das Konzept auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhe oder man mit der Zeit lerne, das innere Glück von den äußeren Umständen zu emanzipieren. Nach der persönlichen Geschichte von Dominik Spenst folgt bereits eine Beispielseite, die verdeutlicht, wie die täglichen Eintragungen aussehen könnten. Die 6 Minuten teilen sich in eine dreiminütige Morgenroutine und eine dreiminütige Abendroutine auf. Im besten Fall sollen morgens drei Dinge aufgeschrieben werden, für die man dankbar ist. Dann noch drei Dinge, die den Tag wundervoll machen würden, und eine positive Selbstbekräftigung, die man entweder jeden Tag neu definiert oder einmal für sich formuliert, um sie jeden Tag zu wiederholen. Ein Beispiel für ein positive Selbstbekräftigung lautet: »Ich kontrolliere meine Einstellung und entscheide mich, stark und selbstbewusst zu sein.« Am Abend soll dann aufgeschrieben werden, was man am Tag Gutes für jemanden getan hat, was man am kommenden Tag besser machen möchte sowie drei tolle Dinge, die man über den Tag verteilt erlebt hat.

Bevor es allerdings so richtig losgeht, folgen auf den nächsten Seiten noch Erläuterungen zur wöchentlichen Herausforderung, der man sich stellen kann, den wöchentlichen fünf Fragen, dem Monats-Check und den Erklärungen zu den theoretischen Prinzipien, auf denen das Buch basiert. Es gibt einen Exkurs in die Wissenschaft der positiven Psychologie sowie tiefergehende Ausführungen zur Morgen- und Abendroutine. Kurz bevor es dann wirklich losgeht, folgen noch sechs Tipps, die einem das Dranbleiben erleichtern sollen – dass man sich zum Beispiel einen festen Platz für das Tagebuch suchen sollte oder es helfen könnte, das Projekt »6-Minuten-Tagebuch« gemeinsam mit einem Freund oder einer Freundin anzugehen.

»Das 6-Minuten-Tagebuch«: Meine bisherigen Erfahrungen

Die ersten vier Wochen mit dem Tagebuch sind nun vorbei, und mir ist vor allem in den letzten Tagen mal wieder etwas bewusst geworden. Nämlich dass es gar nicht so einfach ist, sich eine völlig neue Routine aufzubauen und sich auch daran zu halten. An den meisten Tagen habe ich morgens und abends in mein Buch geschrieben. Doch gelingt es mir ehrlich gesagt nicht jeden Tag. Die ersten Tage war ich noch hochmotiviert. Dann habe ich es schlichtweg vergessen, war zu müde oder habe mich selbst mal wieder so sehr gestresst, dass keine Zeit blieb. Doch, und das frage ich mich selbst, wie kann man denn bitteschön   keine drei Minuten Zeit haben? Ich denke aktuell sehr häufig an das Tagebuch und spüre derzeit eher einen unterschwelligen Druck. Noch ist das tägliche Schreiben also nicht in meinen Alltag übergegangen. 

Und auch mein Mindset hat sich nach der kurzen Zeit natürlich noch nicht völlig gewandelt. Doch habe ich mich in den letzten Wochen schon hin und wieder selbst überrascht. Im Alltag verschließen wir oft automatisch die Augen vor den Dingen, für die wir dankbar sein könnten. Durch das Tagebuch achte ich mehr auf sie. Dadurch, dass ich sie aufschreibe – und sind noch so klein – merke ich zunehmend, wie »reich« ich eigentlich bin. So bin ich beispielsweise für jede Person in meinem näheren Umfeld dankbar, für jeden Ratschlag und jedes tröstende Gespräch in den letzten Wochen. Ich bin dankbar für meine Gesundheit und die Gesundheit meiner Familie und Freunde. Eine Liste, die ich künftig täglich ausbauen werde und die aktuell noch unendlich scheint. 

Und auch wenn es mir hin und wieder schwerfällt, möchte ich auf gar keinen Fall aufgeben. Wenn ich das Tagebuch erfolgreich beendet habe, hoffe ich sehr, eine innerliche Veränderung zu spüren. Ob sich dieses Gefühl am Ende tatsächlich einstellt und auch künftig Bestand haben wird, wird sich zeigen. In ein paar Monaten, wenn ich das 6-Minuten-Tagebuch zu Ende geführt habe, werde ich euch auf jeden Fall hier mitteilen, wie es mir weiter damit ergangen ist. Ihr könnt also weiterhin gespannt sein – ich selbst bin es auch… Oder vielleicht probiert ihr es selbst einmal aus? Schreibt ihr vielleicht auch gerade an eurem 6-Minuten-Tagebuch? Teilt es mir in den Kommentaren mit! 

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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