Leide ich unter dem »Ja, aber-Syndrom«?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: privat
Claudia Marisa

In dieser Woche habe ich mir sehr viele Gedanken gemacht. In erster Linie über mich selbst und mein Leben. Die beiden Worte, die ich dabei am häufigsten verwendet habe, waren: »Ja, aber…«.

 

Rückblickend betrachtet waren die letzten Wochen ganz schön anstrengend. Nach sehr entspannten Weihnachtsferien ging es im neuen Jahr turbulent los. Neben einigen Job-Terminen stand auch privat eine Menge an. An beinah jedem Wochenende war ich unterwegs, oder hatte Besuch von Freunden oder der Familie. Und auch unter der Woche machte sich immer wieder Freizeitstress breit. So rauschten die letzten Wochen förmlich an mir vorbei. Am vergangenen Samstag wurde es deshalb Zeit, einmal bewusst in mich hineinzuhören. Wie geht es mir eigentlich? Bin ich zufrieden, so wie mein Leben gerade verläuft? Und falls nicht, was stört mich konkret?

Eigentlich ist alles gut, aber…

Schnell fiel mir auf, dass es mir aktuell sehr schwerfällt, meinen allgemeinen Gemütszustand zu beschreiben. Denn jedes Mal, wenn ich etwas Positives benenne, folgt ein »Ja, aber…«. Zum Teil handelt es sich dabei um mehr oder weniger banale Dinge, wie: »Ich fühle mich wohl und mir geht es gut – ja, aber ich bin unzufrieden damit, dass es mir aktuell häufig an Energie fehlt und ich immer wieder zu müde bin, um mich zum Abarbeiten diverser liegengebliebener To-do’s aufzuraffen.« Oder: »Ich freue mich auf meine angesetzte Augen-Operation und besonders darauf, endlich wieder normal sehen zu können – ja, aber kann es sein, dass ich nach der OP unter höllischen Schmerzen leide und sogar noch eine zweite Operation auf mich nehmen muss, um das gewünschte Ziel zu erreichen?« Oder dieser Gedanke: »Ich bin wahnsinnig froh, dass ich die Pille abgesetzt habe – ja, aber meine Haut wird immer schlechter.«

Gefangen im »Sumpf der Gegenargumente«

»Ja, aber…« ist eine Phrase, die sich in den letzten Wochen unbemerkt in mein Leben geschlichen hat, mich zum Teil verunsichert und es mir zunehmend schwerer macht, mir sicher zu sein, was ich eigentlich möchte. So stelle ich also erst fest, wie gut es mir eigentlich geht, bevor sich im nächsten Moment Zweifel breit machen. Mit diesen Gedanken bremse ich mich selbst aus und stehe mir bei der Erfüllung meiner Bedürfnisse im Weg. Gerade habe ich von einem »Sumpf der Gegenargumente« gelesen, in den ich natürlich nicht weiter einsinken möchte, denn: »Der Effekt ist fatal: Wir sehen uns die Dinge zuerst kaputt. Wir blicken in erster Linie auf das, was einen Mangel hat und versuchen dann, es zu reparieren. Kurz: Wir sehen Risiken lieber als Chancen«, erklärt Berthold Gunster, Autor von »Ja-aber…was, wenn alles klappt«.

Zweifel ist unbequem, aber Sicherheit ist ein geradezu lächerlicher Umstand.

Voltaire

Positiv denken leicht gemacht?

Dabei möchte ich behaupten, dass ich sonst nicht zu denjenigen Menschen gehöre, die eher Risiken als Chancen sehen. Dass ich aktuell in einer »Ja, aber…-Spirale« gefangen bin, habe ich aus diesem Grund auch schon als eine Art vorübergehenden Zustand und als eine dieser allzu bekannten »schlechten Phasen«, verbucht. Wie ich da jetzt wieder herauskomme? Als ich meine Gedanken in dieser Woche mit meinem Mann teilte, erzählte er mir, dass auch er Erfahrungen mit der »Ja, aber…«-Phrase hat und in einem Workshop das »Ja, und-Prinzip« (kaum zu glauben, aber das gibt es wirklich) kennengelernt hat. Anstatt das »Ja, aber…« im Raum stehenzulassen, sich in einer scheinbar ausweglosen Situation zu verfangen und sich selbst am Weiterkommen zu hindern, sollten wir lieber die beiden Worte »Ja, und…« verwenden. Mein erster Versuch scheiterte prompt: »Ich bin wahnsinnig froh, dass ich die Pille abgesetzt habe – ja, und meine Haut wird immer schlechter.« Oder vielleicht doch nicht? Denn ohne das starke Wörtchen »aber«, klingt der Satz in meinen Ohren nur noch halb so schlimm. Dieser hat in den letzten Wochen auch immer wieder so viel Raum eingenommen, dass ich sogar häufig darüber nachdachte, vielleicht doch wieder mit der Pille anzufangen. (Zum einjährigen Jubiläum meiner Pillen-freien Zeit werde ich demnächst in meiner Kolumne auch noch einmal näher auf das Thema eingehen.)

 

Perfekt? Das gibt es nicht einmal im Märchen

Doch soll das wirklich schon die Lösung gewesen sein? So einfach ist es meiner Meinung nach nicht. Klar, alles beginnt mit einer positiveren Grundeinstellung, die ich in nächster Zeit in jedem Fall wieder bewusster leben möchte. Denn Fakt ist, mir geht es gut und ich fühle mich toll – dass es dabei auch mal zu negativen Nebenerscheinungen kommt, ist doch völlig normal. Zu 100 Prozent perfekt? Das gibt es nicht einmal im Märchen. Normal ist auch, dass es Tage gibt, an denen die negativen Gedanken die positiven überstrahlen. Doch dieses Gefühl darf meiner Meinung nach nicht dafür sorgen, dass wir zuvor reiflich überlegte und mit voller Überzeugung getroffene Entscheidungen urplötzlich revidieren.

Und im nächsten Schritt möchte ich mich künftig gern daran erinnern, dass neben einer positiveren Einstellung, eine positivere Formulierung tatsächlich helfen kann, die Dinge anders zu sehen. Ob das jetzt ein »Ja, und…« ist, oder eine völlig andere Ausdrucksweise. Für mich steht in jedem Fall fest, dass ich die Worte »Ja, aber…« künftig nicht mehr so häufig in mein Leben lassen möchte. Du leidest auch hin und wieder unter dem »Ja, aber…«-Syndrom? Teile deine Gedanken mit mir in den Kommentaren.

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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