Ich will mein Fahrrad zurück!

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Unsplash & privat
Ich möchte mein Fahrrad zurück!
Ich liebe es in Hamburg zu leben – wirklich! Bis auf eine Kleinigkeit: Ich wurde bisher viel zu oft beklaut und hätte liebend gern mein Fahrrad zurück!
 

Nachdem ich das allererste Mal in Hamburg gewesen war, stand sofort für mich fest, dass ich unbedingt in dieser Stadt leben möchte. Mit 18 Jahren packte ich dann meine Sachen und zog erst übergangsweise zu meinem Freund und dann in eine WG. So paranoid wie ich damals schon war, besorgte ich mir ziemlich schnell ein 30-Euro-Handy ohne Internet und ohne Farbdisplay, um nach längeren Partyabenden keinen großen Verlust melden zu müssen. Dieses “Steinzeittelefon” verlieh ich ziemlich bald auch an meine Mitbewohnerin, der mein Ersatzhandy doch tatsächlich in einer Bar aus der Tasche gestohlen wurde – jedenfalls behauptete sie das. Das Handy war nicht teuer, aber es gehörte mir und war plötzlich weg – das empfand ich damals als ziemlich ärgerlich. Zudem stellte dieses Ereignis den Anfang eines ständig wiederkehrenden Szenarios dar, das mich viele Male auf ein Polizeirevier beförderte.

Einbruch: Ich habe dich nicht hereingebeten! 

Schon einige Zeit später, ich war inzwischen mit meinem Freund zusammengezogen, kamen wir eines Sonntags nach Hause. Ich ging vor und sah unsere komplette Pfandsammlung im Wohnungsflur verstreut. Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, wie das wohl passiert sein konnte, bemerkte ich das offene Schlafzimmerfenster. Jetzt realisierte ich, was geschehen war. Als wäre ich in einem schlechten Film gefangen, fing ich an zu schreien und zu weinen. Neben einer Soundbar, meinem Laptop mit allen Uni-Arbeiten und sämtlichen Bildern der letzten Jahre , der Spiegelreflexkamera eines Freundes, die wir uns nur ausgeliehen hatten, und vielen persönlichen Fotos waren noch weitere Dinge plötzlich verschwunden, von deren Verlust wir teilweise sogar erst Monate später Kenntnis nahmen, was uns immer wieder erneut an den Einbruch erinnerte.

Da ich es noch nie verstehen konnte, wie es einem Menschen möglich sein kann, ungefragt einfach irgendetwas von jemandem zu nehmen, konnte ich mit dieser Situation nur schwer umgehen. Hinzu kommt kommt der ständige Gedanke daran, dass eine oder mehrere Personen in unserer Wohnung gewesen waren, ohne dass ich sie hereingebeten hatte.

Fahrrad weg, Handy weg, Vertrauen weg…

Einige Wochen nach dem schrecklichen Erlebnis kam ich gerade vom Sport und stellte, so wie immer, mein Fahrrad, das ich von meiner Oma bekommen hatte, direkt vor der Haustür ab. Natürlich kam auch mein Fahrradschloss zum Einsatz. Als ich wenig später aus dem Küchenfenster schaute, sah ich dort plötzlich nichts mehr. Das Fahrrad war weg, und ich musste schon wieder eine Anzeige bei der Polizei aufgeben. 

Kurz danach war ich mit meinen besten Freundinnen auf dem Kiez unterwegs. Der Abend nahm ein abruptes Ende, nachdem ich bemerkt hatte, dass nicht nur meine Handtasche weit offen stand, sondern auch mein Handy und damit schon wieder ein Teil meines Lebens fehlte. Fotos, Nachrichten, Handynummern – alles weg. So sehr ich Gewalt verabscheue, in diesem Moment wollte ich liebend gern jemandem den Hals umdrehen. Diesmal ging es für mich auf die berühmte Davidwache. Leider ist es hier um drei Uhr morgens alles andere als nett oder cool – es ist einfach nur nervig! Und so langsam merkte ich, wie ich immer paranoider wurde. Zunächst ging ich nicht mehr feiern und dann nur noch, indem ich meine Tasche die ganze Zeit panisch umklammerte. Und auch in der Innenstadt kann ich den prüfenden Griff, der mich spüren lässt, dass die Handtasche noch geschlossen ist, bis heute nicht lassen.

Diebstahl – und Raubdelikte in Deutschland

Nicht nur in Hamburg kommt es regelmäßig zu Diebstählen – es sind bei dieser Art von Delikten sogar Trends zu beobachten. Eine Zeit lang haben es Banden ganz besonders auf Smartphones abgesehen, dann auf Fahrräder, und zuletzt wurden vermehrt Luxusautos und sogar besonders hochpreisige Kinderwagen gestohlen. Von den rund 5,76 Millionen verübten Straftaten in Deutschland im Jahr 2017 haben die meisten tatsächlich mit der Entwendung fremden Eigentums zu tun – manchmal Fällen wird ein solcher Diebstahl sogar gewaltsam durchgeführt. 

 

Doch wie in ganz Deutschland gingen auch im Raum Hamburg die Straftaten zuletzt deutlich zurück. Das betrifft Fahrraddiebstähle, Wohnungseinbrüche sowie Taschendiebstähle. Eine erfreuliche Entwicklung, die aber im konkreten Fall auch nicht wirklich weiterhilft – was weg ist, ist weg, denn in den meisten Fällen tauchen die gestohlenen Dinge nicht wieder auf. Und wer in meiner Wohnung war, wird die Polizei vermutlich auch niemals aufklären können.

Das schönste Fahrrad der Welt…

Inzwischen hatte ich übrigens ein neues Fahrrad bekommen: Aus Liebe und auch einer großen Portion Mitleid heraus hatte meine Familie mir das schönste Fahrrad dieser Welt geschenkt. Es war von der Marke Kettler, mintgrün, hatte einen geschwungenen Rahmen und einen breiten Lenker inklusive braunem Flechtkorb. Ich war sofort hin und weg und wollte mich gar nicht mehr ohne mein neues Lieblingsgefährt bewegen. Ich kaufte mir ein extrem teures Schloss und stellte das Rad über Nacht in eine Garage – und versicherte mich dann immer mehrfach, dass ich die Garagentür auch wirklich verschlossen hatte. Ich war so glücklich und stolz. Etwa ein Jahr lang ging unsere Beziehung gut. Nach einem unglaublich schönen Sommerabend mit einer Freundin, den wir im Beachclub “StrandPauli” verbracht hatten, verließen wir euphorisiert die Bar und schwebten nach draußen. Unsere Euphorie hielt jedoch nur wenige Schritte an, nämlich bis ich feststellen musste, dass mein Fahrrad verschwunden war. Tränen, Geschrei, ein gebrochenes Herz… Dieser Abend ist jetzt knapp zwei Jahre her, und noch immer denke ich an mein geliebtes Fahrrad. Vor allem, wenn ich ähnliche Modelle mit einer ähnlichen Farbe sehe, schaue ich ganz genau hin, ob es nicht vielleicht doch meins sein könnte.

Von allen Gegenständen, die mir bisher gestohlen wurden, vermisse ich ganz klar ein Foto, auf dem meine Mama und ich zu sehen sind, und mein ziemlich cooles, mintgrünes Fahrrad am meisten. Das Foto werde ich nicht wiedersehen, aber es wird der Zeitpunkt kommen, an dem ich mir wieder so ein tolles Fahrrad leisten werde – dann aber mit mindestens zwei Schlössern und immer in Sichtweite…

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

5 Kommentare

LW
#5 — vor 9 Monaten 1 Woche
Dumme Ausgangssituation Möglichst personalisieren, eigenen Anstrich verpassen, billig aussehend Nach dem Motto...ausen pui, innen hui
Michael Polgar
#4 — vor 9 Monaten 3 Wochen
Also...,

wir waren vor einem Monat in Hamburg, 2100 Oberösterreicher bei einer Mattinee in der Elbphilöharmonie. Allerdingd hatten wir das Handy in der Brusttasche, das Geld abgezählt für das Mittag- und Abendessen in der Hosentasche. Das restliche Geld pass, ... in Tresor. Nichts ist passiert.
Elfi Littmann-Kaba
#3 — vor 10 Monaten 2 Wochen
Da lobe ich mir Nicaragua - ein sogenanntes »Dritte-Welt-Land«, wo ich 3 1/2 Jahre lebte. Bei einem Einbruch in meine Garage wurden das Mountainbike meines Mitbewohners und eine Aluminiumleiter geklaut. Die Polizei hatte beides nach nur ein Woche gefunden und brachte mir die Sachen zurueck! Bin hier imemr mit dem Fahrrad unterwegs und binde es an irgendwelchen Laternenpfaehlen fest - allerdings nie nachts, da fahre ich nur Taxi. Es wurde nie geklaut.

Wenn ich ausgehe - z.B. zum Tanzen - nehme ich keine Handtasche mit, oder ich gebe sie am Tresen ab, da kam sie auch nie weg. Normalerweise stecke ich Schluessel und Geld in ein Minitaeschchen, das ich mir um den Hals haenge und innen in mein Oberteil stecke.
derTomteromtomtom
#2 — vor 1 Jahr
Ich kann mich noch an meine Kindheit erinnern, da haben meine Großeltern noch nicht einmal die Haustür verschlossen wenn sie wegfuhren. Ohne ständige Angst, das was fehlt. Und so alt bin ich jetzt auch noch nicht.
Susanne Klabunde
#1 — vor 1 Jahr
Oh Mann, das kann ich so gut nachvollziehen! An seinem treuen Drahtesel hängt man doch gewaltig, und wenn man vielleicht sogar tagtäglich damit fährt, ist es eben ein lieber Wegbegleiter.

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